18.04.2019 Lisa Zeitz

Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Famos: Die Jugendstilkünstlerin Ilna Ewers-Wunderwald ist derzeit im Berliner Bröhan-Museum wiederzuentdecken

In zwei Kabinetten des Bröhan-Museums tut sich ein ganzer Kosmos auf, der von Düsseldorf über Capri bis nach Indien reicht, von den Wipfeln der Palmen bis auf den Meeresgrund. Feinste Tuschelinien umreißen eine Welt, die so märchenhaft und poetisch ist wie der Name ihrer Schöpferin: Ilna Ewers-Wunderwald (1875–1957). Sie war Künstlerin, Modemacherin, Kabarettistin und Weltreisende – und geriet trotz ihres filmreifen Lebens vollkommen in Vergessenheit. Jetzt, rund 150 Jahre nach ihrer Geburt, wird sie endlich wiederentdeckt, sowohl dank der Ausstellung, als auch dank des neuen Buchs „Alraune des Jugendstils“ von Sven Brömsel.

Wildes Leben als junge Frau

Als junge Frau lernte sie Ende des 19. Jahrhunderts in der Villa des Düsseldorfer Künstlervereins „Malkasten“ den umstrittenen Schriftsteller und Bohemien Hanns Heinz Ewers kennen, mit dem sie bald, bis zur Scheidung 1912, verheiratet war. Die beiden tourten mit dem experimentellen Kabarett „Überbrettl“ durch Europa. Sie trug moderne Gedichte vor und setzte das Publikum damit ebenso in Erstaunen wie mit ihrer ungezwungenen Bühnenpräsenz. „Jugendstil-Hip­pies“ nennt Brömsel das Paar. Als echte Aussteiger machten sie für einige Jahre die Insel Capri zu ihrer Heimat, wo Kunst, das Meer und die Freikörperkultur, Literatur und halluzinogene Drogen ihr Leben bestimmten.

Ilna Ewers-Wunderwald auf Capri, Fotografie, um 1903, Foto: Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
Ilna Ewers-Wunderwald auf Capri, Fotografie, um 1903, Foto: Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf

Buchillustrationen mit Tiermotiven

In den nächsten Jahren illustrierte Ilna Ewers-Wunderwald viele Bücher ihres Mannes und anderer Autoren. Ein Chamäleon mit faltiger Schuppenhaut ziert den Einband von Ewers’ Roman „Alraune“, eine mörderische Spinne „Die Besessenen“. Im souveränen Umgang mit Flächen und Mustern spürt man den Einfluss japanischer Druckgrafik. Ihre minutiöse Linienführung verblüffte die Zeitgenossen. Beim Anblick ihrer ornamental verflochtenen Zeichnung „Hahnenkampf“ in einer Schau der Berliner Secession soll der Impressionist Max Liebermann zu Lovis Corinth gesagt haben: „Ne, warum macht se denn det?? Det kost doch Zeit!“

Ein Künstlerpaar auf Reisen

Die finanzielle Situation des Ehepaares war chronisch klamm, aber die beiden fanden doch Wege, ihr Fernweh in die Tat umzusetzen. Durch Vorschüsse von Zeitungen und Reise­unternehmen kamen sie nach Kuba, Aus­tralien und in viele andere Länder. Dafür ­illustrierte sie die Speisekarten für die Kreuzfahrten der „Hamburg-Amerika Linie“ mit fantastischen Fischwesen. Besonders eine ausgedehnte Indienreise erweiterte ihren spirituellen Horizont – aber auch ihre Zeichentechnik und Motive.

Ilna Ewers-Wunderwald blieb dem Jugendstil treu

Nach dem Ersten Weltkrieg wird es ruhig um die Künstlerin, und sie zeichnet nur noch für sich selbst oder enge Freunde. 1930 begibt sie sich noch einmal auf eine Welt­reise – zu Fuß – und kehrt erst 1937 nach Deutschland zurück, wo sie sich angewidert von den Nazis an den Bodensee zurückzieht. Auch die spätesten Werke aus den Fünfzigerjahren zeigen, dass sie ihr Leben lang vom Jugendstil durchdrungen war.

Service

Ausstellung

Ilna Ewers-Wunderwald
Bröhan-Museum, Berlin
bis 16. Juni

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 156/2019