03.07.2018 Renate Franke

Kaiserdämmerung: Zwischen Monarchie und Republik

Vor 100 Jahren endete mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. die preußische Monarchie und das Neue Palais in Potsdam wurde zum Schauplatz des Übergangs zwischen Monarchie und Republik. Eine Ausstellung blickt nun auf die Zeitenwende zurück

Potsdam ist ein geschichtsträchtiger Ort: Hier war die Lieblingsresidenz brandenburg-preußischer Kurfürsten, Könige, am Ende sogar deutscher Kaiser, hier wurde Geschichte geschrieben, es wurden Beschlüsse gefasst und Entscheidungen gefällt, die unser Land bis heute prägen. Somit ist Potsdam ein idealer Erinnerungs- und Ausstellungsort, der mit herrschaftlichem Ambiente, mit Schlössern, Grotten, Gärten und Palästen auch aus eigenem Vermögen zu Aussagen über Historie beiträgt. Den Jahrestag der Abdankung des letzten deutschen Königs und Kaisers Wilhelms II. am 9. November hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zum Anlass genommen, um mit einer Ausstellung an die dramatische, von ersten nationalistischen Tönen getrübte Zeit „zwischen Monarchie und Republik“ und an ihren Hauptakteur Wilhelm II. zu erinnern.

Was geschah im Neuen Palais?

Das Ausstellungslokal, das schon von Vorgängern Wilhelms zur komfortablen Sommerresidenz mit allem modernen Komfort versehene Neue Palais, gilt als „Hauptschauplatz“ dieser Zeitenwende. Das Palais war die letzte königlich-kaiserliche Residenz, hier erfuhr Wilhelm II, dass Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig seine Abdankung von beiden Thronen verkündet und dem Führer der Sozialdemokraten, Friedrich Ebert, die Regierungsgeschäfte übertragen hatte.

Die Vorgänge waren natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse: Ohne die Majestät lange zu fragen, meldete eine „Extra-Ausgabe“ des „Vorwärts“, des Zentralorgans der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, am 9. November 1918 in fetten Lettern: Der Kaiser hat abgedankt! Der Ex-Monarch nahm die Nachricht mit Fassung auf, der verlorene Erste Weltkrieg, die an allen Ecken und Enden aufflammenden „Revolutionären Umtriebe“, Meutereien von Matrosen und Befehlsverweigerungen des Militärs dürften Wilhelms Beschluss zu Thronverzicht und Flucht in die Niederlande kraftvoll befördert haben. 

63 Eisenbahn-Waggons

Der Kaiser und Kaiserin Auguste Victoria packten die Koffer. Man reiste per Bahn. Exilort wurde Huis Doorn, ein Schloß in Holland, das der Ex-Kaiser damals erwarb und bis an sein Lebensende bewohnte. In Hinsicht auf kaiserliches Eigentum herrschte Verwirrung: Besitz und Vermögen Wilhelms II. waren beschlagnahmt, trotzdem gelang ihm der Abtransport enormer Mengen von Hausrat, Kunstwerken und anderen kostbaren Besitztümern nach Doorn. Es wird berichtet, dass 63 Eisenbahn-Waggons gefüllt wurden – auch Klopapierkästen reisten mit.

Die Ausstellung bringt den ex-kaiserlichen Besitz nun vorübergehend zurück nach Potsdam: Möbel, Haushaltsgegenstände, Kunstwerke und Transportkisten, die von Holland aus eine Art Heimreise antraten. Die in 15 Stationen gegliederte, material-orientierte Schau präsentiert Briefauszüge, Notizzettel, Transportlisten, Koffer, einen Gemäldezyklus und viele Fotos.

Eine festlich gedeckte Abendtafel, kaiserliches Tafelsilber und kostbare Porzellane zeigen die Requisiten des kaiserlichen Exil-Lebens. Der neubarocke Schreibtisch des Kaisers steht wieder an seinem Platz, auch der große Juwelenschrank der Kaiserin kam nach Potsdam. Ein Großfoto zeigt die zahlenstarke „Kaierliche Familie auf den Stufen des Neuen Palais“, 1913. Dazu kommen Brotmarken des „Steckrübenwinters“ und ein von Revolutionären zertretenes Porträt Kaiser Wilhelms II. – Relikte, die Authentisches zu den Schattenseiten der Revolutionszeit vermitteln.

Von der Dramatik der Zeit ist wenig zu spüren

Eine Vielzahl konventionell-traditioneller Herrscherporträts vergrößert die Zahl der Exponate – leider ohne spezifische Aussagen geben zu können. Denn trotz des hohen Materialaufwands und vieler Erklärungstafeln gelingt es den Ausstellungs-Kuratoren nicht, die Dramatik der Zeit und die eigenwillige Persönlichkeit des Königs und Kaisers, seine Einsichten in die politische Lage, wie auch die hochgesteckten Zielsetzungen und Erwartungen der Ex-Majestät sichtbar zu machen.

Vielleicht hätte das überraschend und auf dringenden Wunsch Wilhelms ins Doorner Exil nachgesandte Historienbild, der „Marsch preußischer Kavallerie“, spezifischere Aussagen machen können. Es hätte die Mühe gelohnt, über die Gründe dieser Nachsende-Forderung nachzudenken. Jedenfalls hätte das Bild sehr viel mehr zur Kenntnis ex-kaiserlicher Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche beitragen können, als angeknautschte Uniformen an den „erhaltenen, original beschrifteten Garderobe-Haken“.

Der „Marsch“ zeigt einen großen Moment preußisch-deutscher Historie: Die Berlin-Heimkehr preußischer Garde-Kavallerie-Regimenter nach dem endgültigen, vor allem Preußen unter Blüchers Kommando zu dankenden Sieg über Napoleon bei „La Belle Alliance“ im Dezember 1815. Der König und Berliner Bürger begrüßen die siegreichen Heimkehrer vor den Toren der Stadt. Ohne viel Siegespathos gestaltete Krüger hier ein Bild vom Glück heimkehrender preußischer Krieger nach ehrlich errungenem Sieg. Wilhelm identifizierte sich mit dieser Darstellung, die auch seine Sehnsüchte und Wunschträume zum Vorschein bringt: Der Ex-Kaiser hoffte frei von allem Selbstzweifel, schon bald von Doorn aus „an der Spitze der Armee zurück nach Berlin zu marschieren“.    

Führende Historiker sind überzeugt, dass Wilhelm II. bis an sein Lebensende an die Rückkehr nach Berlin in sein hochherrscherliches Amt, in Rang und Würden glaubte.  

Service

Ausstellung

Kaiserdämmerung. Das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik
Neues Palais, Potsdam
bis zum 12.11.2018