17.11.2017 Simone Sondermann

Rubens’ göttliche Körper

Eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien bringt Peter Paul Rubens mit antiken Vorbildern zusammen

Als Peter Paul Rubens im Jahr 1600 nach Italien reiste, hatte er die Wechselfälle der Geschichte schon am eigenen Leib erfahren. Seine Eltern hatten Flandern verlassen müssen, als die Gegenreformation dort erstarkte. Im Kölner Exil sagte man dem reformierten Vater eine Affäre mit Anna von Sachsen, der Frau Wilhelm von Oraniens, nach, woraufhin er verhaftet, gefoltert und schließlich in Siegen unter Hausarrest gestellt wurde. In dieser Zeit wurde Peter Paul geboren. Nach einem Jahr erlaubte man der Familie gnädig, wieder nach Köln zu gehen, doch erst nach dem Tod des Vaters 1587 konnte sie in die Heimatstadt Antwerpen zurückkehren.

Rubens‘ Anfänge

Rubens ließ sich zum Maler ausbilden, fand Aufnahme in die Malergilde und brach dann im Alter von 23 Jahren nach Süden auf. Acht Jahre verbrachte der spätere Erfolgskünstler in Italien, wo er erstes Renommee als Hofmaler von Mantua erwarb und die italienische Kunst eingehend studierte, die Gemälde Tizians, Tintorettos oder Raffaels und vor allem die antiken Skulpturen. Was er sah, zeichnete er. So fertigte er in Rom große Studien von Schlüsselwerken der Bildhauerkunst an, vom Torso vom Belvedere, von der Laokoon-Gruppe.

Die Wiener Schau präsentiert einen Gipsabguss des Torsos vom Belvedere. Foto: Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke, München
Die Wiener Schau präsentiert einen Gipsabguss des Torsos vom Belvedere. Foto: Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke, München

Dieses Konvolut an Rötel- und Kreidezeichnungen, eindringliche Studien muskelbepackter Rücken, anmutig kauernder Frauenkörper oder neckischer Götter in kindlicher Gestalt, wurden für ihn und die Maler seiner Werkstatt zur Grundlage für ihre bis heute bemerkenswerte Produktivität. Rund 2000 Werke werden Rubens und seinen Schülern zugeschrieben. Der Künstler behielt die Zeichnungen zeitlebens in seinem Besitz und verfügte, dass sie erst nach seinem Tod und auch nur wenn keines seiner Kinder selbst Maler würde, verkauft werden dürften.

Rubens’ Adaption von Werken der Antike und der Renaissance ist ein in der Kunstgeschichte viel beackertes Feld. Allein über seinen Italienaufenthalt gibt es diverse Publikationen, auch seine Begeisterung für Seneca und die Zugehörigkeit zum Kreis um den Humanisten Lipsius ist erforscht.

Was inspirierte Rubens?

Das prächtige Haus, das er sich 1610 im Stil eines Renaissancepalazzo in Antwerpen errichten ließ, war mit Götterstatuen, Triumphbögen und Fresken verziert. Allerdings drehten sich die Ausstellungen, die es in den vergangenen Jahren über den Barockmaler gab, vor allem um seine Wirkungsgeschichte, wie Jochen Sander auffiel, Sammlungsleiter für deutsche, holländische und flämische Malerei am Frankfurter Städel Museum. Eine Museumsschau, die Rubens’ Antikenaneignung anhand von Werken veranschaulicht, gab es bislang kaum, so Sander. „Ich erhoffte mir davon einen echten Aha-Effekt beim Betrachter“, erzählt er. So war die Idee einer Ausstellung geboren, die nun als erste Station im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) zu sehen ist, um dann im Februar weiter nach Frankfurt zu wandern.

Rubens, „Venus Frigida“, 1614, KHM-Museumsverband
Rubens, „Venus Frigida“, 1614, KHM-Museumsverband

In Wien profitiert das Projekt vom beeindruckenden Bestand an Rubens-Bildern im Kunsthistorischen Museum. Er verdankt sich der historischen Verbindung zwischen Flandern und Österreich. Die Habsburger Herrscher entfalteten eine rege Sammeltätigkeit, vor allem Erzherzog Leopold Wilhelm, Statthalter in den Niederlanden, erwarb im großen Stil die zeitgenössische flämischen Malerei und legte so einen wichtigen Grundstein für die Wiener Gemäldegalerie. Einige Werke wie „Die vier Paradiesflüsse“, entstanden um 1615, oder die „Beweinung Christi“ von 1614/15 sind nur in Wien zu sehen, sie sind zu kostbar und fragil, um sie zu transportieren. Hinzu kommen bedeutende internationale Leihgaben. In Vorbereitung der Ausstellung wurden einige wichtige Wiener Gemälde restauriert.

Antike Vorbilder

Gerührt erzählt Gerlinde Gruber, Kuratorin am KHM und Rubens-Expertin, wie bei der „Beweinung“ auf einmal auf Jesus’ Schultern die glitzernden Tränen der Maria sichtbar wurden, die ihren toten Sohn in den Armen hält. Die schlichte, nur auf die drei Figuren Maria, Johannes und Jesus fokussierte Darstellung ist in ihrer emotionalen Intensität ein Höhepunkt in der an Meisterwerken reichen Schau. An der allegorischen Darstellung der „Vier Paradiesflüsse“ lässt sich das Konzept der Ausstellung erkennen: Die bärtigen Muskelprotze, die auf dem Gemälde die Flüsse verkörpern, stehen in ihrer massiven Körperlichkeit in direkter Verbindung zu Rubens’ Italienstudien, wie Ansichten der antiken Skulpturen zeigen, die dem Gemälde zur Seite gestellt werden. Betrachtet man etwa die Rötelzeichnung des Torso vom Belvedere, fällt auf, dass sie die gleiche knotige Rückenmuskulatur aufweist wie der Flussgott Nil, der auf Rubens’ Gemälde Afrika – personifiziert als junge Frau – umfasst und den zentralen Blickfang darstellt.

Rubens, Die »Beweinung Christi«, 1614–1615, Foto: Hugo Maertens
Rubens, "Die Beweinung Christi", 1614–1615, Foto: Hugo Maertens

Auf faszinierende Weise nutzt und zitiert der Maler das antike Vorbild, aber ebenso transformiert er es und setzt es in einen neuen Kontext. Auch beim Gemälde „Venus Frigida“ von 1614, frisch restauriert, lässt sich diese Verwandlung gut beobachten. Inspirationsquelle ist hier eine kauernde Venus des Griechen Doidalsa aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, doch die Emotionalität in Rubens’ Darstellung ist komplett anders als die des antiken Vorbilds. Während die Göttin als Skulptur lässig und anmutig posiert, den Kopf elegant zur Seite geneigt, sitzt Rubens’ Venus frierend und verlassen in der dunklen Landschaft, ihre Hockposition wird zum kraftlosen Versuch, den entblößten Körper zu schützen. Noch einen Schritt weiter geht die Anverwandlung, wenn Rubens das antike Motiv in den christlichen Kontext überträgt.

Christus mit der Dornenkrone

Ein zentrales Werk der Ausstellung, das später auch in Frankfurt zu sehen sein wird, ist „Ecce Homo“ (vor 1612), eine Leihgabe aus der Eremitage in Sankt Petersburg. Es zeigt in Frontalansicht den zur Schau gestellten Christus mit der Dornenkrone. Christus blickt den Betrachter direkt an, aber mehr noch als das Gesicht steht sein gebogener nackter Oberkörper im Zentrum des Bildes – die Schultern nach hinten, Bauch und Unterleib nach vorn gewölbt. An Brust und Schultern sieht man die Striemen der Geißelung, doch ansonsten wirkt der Körper kraftvoll und makellos.

Rubens, „Die vier Paradiesflüsse“, um 1615, KHM-Museumsverband
Rubens, „Die vier Paradiesflüsse“, um 1615, KHM-Museumsverband

Auf seiner Italienreise hatte Rubens in der Sammlung Borghese in Rom die Skulpturengruppe des von Cupido gezähmten Kentauren bewundert und mehrfach gezeichnet. Seine Skizzen fokussieren ganz auf den Kentaur, der den Kopf nach hinten dreht und so seinen virilen Oberkörper präsentiert. Der Kentaur stand in der Antike für wilde Triebhaftigkeit. Es ist erstaunlich, dass Rubens ausgerechnet diese mythologische Figur zur Vorlage seines Jesus macht. Ob und inwieweit Rubens gläubig war, ist nicht bekannt. Auch war die Idee, Christentum und Antike zusammenzubringen, eine Geistesströmung seiner Epoche. Dennoch verblüfft das Ausmaß, in dem er hier die christliche Bilderwelt, das Motiv des leidenden Gottes, zum Gefäß für erotische Inhalte werden ließ. Aus heutiger Sicht wirkt dies geradezu subversiv.

Service

Ausstellung

„Rubens – Kraft der Verwandlung“
Kunsthistorisches Museum Wien, bis 21. Januar 2017
Städel Museum, 8. Februar bis 21. Mai

Dieser Text erschien in

WELTKUNST Nr. 136 / 2017