25.04.2016 Tim Ackermann

Zurück in die Zukunft

Was macht diese Stadt aus, was sind ihre Dämonen, was ihre Verheißungen? Fragen, die das Kunstmuseum Wolfsburg an zeitgenössische Künstler stellte. In der außergewöhnlichen Schau „Wolfsburg Unlimited“ erkunden sie die Stadt als Weltlabor

Von der nationalsozialistischen Mustersiedlung zur Großstadt im Herzen des wiedervereinigten Deutschland, die über das höchste Pro-Kopf-Einkommen des Landes verfügt, ist Wolfsburg einen langen Weg gegangen: So überschaubar es mit seinen gut 120.000 Einwohnern auf den ersten Blick erscheinen mag, so komplex ist doch seine Historie und Struktur. Wenn sich die Stadt am Mittellandkanal nun im Kunstmuseum Wolfsburg in eine große Ausstellung verwandelt, dann ist der Titel mit „Wolfsburg Unlimited“ passend gewählt. Das Grenzenlose, das auch gedanklich Unbeschränkte klingt darin an, denn Geschichte und Fiktion, Kunst und Stadtarchitektur vermischen sich hier.

Eine ganze Stadt ins Museum zu holen ist ein Experiment. Ralf Beil, der neue Direktor des Kunstmuseums, wagt es gleich in seiner ersten großen Ausstellung. Er wolle „die Stadt als Weltlabor erfahrbar machen“, sagt Beil. Die künstlerische Befragung Wolfsburgs, so eine These, lässt – gleich dem Blick durchs Mikroskop – den Zustand unserer Gesellschaft erkennen.

Wie nähert man sich aber nun am besten dieser Ausstellung und damit auch der Stadt? Es gibt für die Anfahrt zwei klassische Wege: Mit dem Auto kommt man von der südlich der Stadt gelegenen Autobahn über die schon von den Nazis angelegte Schnellstraße, passiert den grünen Klieversberg, wo das von Hans Scharoun entworfene Theater steht, und fährt gleich in ein schönes Parkhaus, das direkt unter dem Kunstmuseum liegt – das also, dem Charakter der Stadt entsprechend, auch ein Drive-in-Museum ist. Die andere, ebenso häufige Annäherung beginnt am Bahnhof. Schon vor dem Aussteigen hat man durch das Zugfenster die Prachtbauten der „Event City“ wahrgenommen: die gläsernen Türme der „Autostadt“, das Stadion des örtlichen Bundesligaklubs und das von Zaha Hadid entworfene Wissenschaftsmuseum Phaeno. Über all dem ragen die vier Schornsteine des VW-Werks jenseits des Mittellandkanals, als wären es die Türme einer Kathedrale.

Eine Viertelstunde läuft man vom Bahnhof durch die Ende der Siebziger zur Fußgängerzone umgestaltete Porschestraße bis zum Museum. Dabei hat man Gelegenheit, die Psychologie der Stadt zu studieren. Hier lockt der 1-Euro-Discounter mit knalligen Auslagen. Daneben bietet das neue Burgerrestaurant amerikanisches Craft Beer für 5,50 Euro die Flasche an. In Wolfsburg ballen sich die Extreme auf engstem Raum. Die altdeutsche Traditionskneipe („seit 1942“) liegt direkt an der mediterranen Piazza Italia, zu der auch die in bildungsbürgerlicher Hoffnung betitelte Goethestraße führt. Wenn man jetzt Glück hat, hört man die Glocken am Wolfsburger Rathaus, wie sie Lieder wie „Volare“ oder auch Aloe Blaccs „I need a Dollar“ spielen – als Intervention der Berliner Künstlerin Nevin Aladag.

Im Museum scheint sich dann der Außenraum übergangslos fortzusetzen: In der großen Halle sind Container gestapelt. Vorbei an Stahlwänden läuft der Betrachter über einen sandigen Pfad und erreicht einen etwas verwahrlosten Hof, auf dem ein Dutzend Autos in lockerer Ordnung geparkt stehen. Ein Film flimmert auf einer riesigen Leinwand. Julian Rosefeldts Autokino-Installation „Midwest“ scheint ihre glamourösen Tage von Beginn an hinter sich zu haben. Hat man erst hinter einem der Lenkräder Platz genommen, bestätigt sich der Verdacht. Der Film des Berliner Künstlers zeigt einen Containerlagerplatz, auf dem Straßenkreuzer und harte Männer mit Schusswaffen umeinanderkreisen. Koffer werden zwischen den Gruppen sinnlos getauscht. Immer wieder gerät die Handlung abrupt ins Stocken. Die ganze Choreografie ist eine große logistische Panne, sinnbildlich bezogen auf den globalen Warenverkehr. Steckt in Rosefeldts Werk eine Prophezeiung? Droht der VW-Stadt in der Krise das gleiche Schicksal wie den amerikanischen Industriestädten des „Rust Belt“? Wie Detroit, Cleveland, Pittsburgh?

Doch die Ausstellung schlägt auch ganz andere Töne an. Man nehme nur die temporäre Einrichtung einer „Hall of Fame“ von Wolfsburg. Wer die DNA der Stadt rekonstruieren will, findet in diesem Raum die passenden Bausteine in Form historischer Artefakte. Man muss ja nicht gleich zu den Auerochsen zurückkehren, die Hermann Göring als patriotische Herdentiere wiederbeleben wollte – aber man könnte es: Einige Knochen jener Tiere, die vor 12.000 Jahren über die sumpfigen Wiesen des Allertals trabten, sind genauso Teil der Ruhmeshalle wie ein Wasserspeier (19. Jahrhundert) jenes Schlosses, das Wolfsburg seinen Namen gab. Die Stadt erscheint in diesem Ausstellungskapitel als archäologisches Palimpsest, auch wenn die Schichten dünner sein mögen alsanderswo. Weitere sprechende Fundstücke sind etwa die Festplakette zur Grundsteinlegung des VW-Werks von 1938 (mit Käfer und Hakenkreuz). Oder auch der italienische Pass eines in der Nachkriegsrepublik so genannten Gastarbeiters – der in der Ausstellung die Menschen aus 147 Nationen symbolisiert, die heute in der Stadt leben.

Die Zeitreise in die Stadtgeschichte setzt sich fort mit der „Fotogalerie Wolfsburg“ und Werken der Sechziger- bis Neunzigerjahre von Heinrich Heidersberger, Peter Keetman, James Welling sowie Peter Bialobrzeski. Der gebürtige Wolfsburger Bialobrzeski, klassischer Reportagefotograf in der Tradition eines Henri Cartier-Bresson, jagte in den Achtzigern bei Seniorenmodenschauen oder Gewerkschaftsaufmärschen den magischen Augenblicken des Alltags hinterher. In Heidersbergers Bildern scheint immer die Sonne – als Julius Shulman von Wolfsburg blickte er vom Rathausdach auf die Architektur der Stadt, begeisterte sich für die modernen Geschäftsbauten der Porschestraße oder die Eleganz von Betonbrücken, während Peter Keetmans neusachliche Faszination für die Serialität gestapelter Autoteile, die er 1953 im Werk fotografiert, schon Gedanken vorwegnimmt, die später die Künstler der Pop-Art beschäftigen werden.

Wie das Leben vollends in Kunst kristallisiert, offenbart sich bei der Erkundung des Obergeschosses. Kaum ist man durch die Tür getreten, wird der Blick durch den farbigen Strudel auf Franz Ackermanns Gemälde „evasion XVII“ (1998) angesogen. Kabelstränge, Fenster, Fabriken und Hochhaustürme wirbeln durch- und umeinander. Entweder hat sich der Planet Erde hier noch gar nicht verfestigt, oder er hat seine erkennbare Form schon wieder verloren, wurde von seinen Fliehkräften auseinandergetrieben. Dagegen wirkt der Roboter von Nam June Paik („Andy Warhol Robot“, 1994), der der Ackermann-Galaxie furchtlos entgegentritt, recht standfest. Kein Wunder, steht er doch mit Gliedmaßen aus neun flimmernden Fernsehern für die Musealisierung der Kunst ein.

Vielleicht tritt man nun ans Fenster, das den Blick über die Innenstadt freigibt. Während man über die Wolfsburger Stadtsilhouette sinniert, kann es passieren, dass die Finger mit den feinen Stahlseilen zu spielen beginnen, die im Fensterrahmen eingespannt sind. So erklingen plötzlich Töne. Nevin Aladags „Harfenrahmen“ ist das Pendant zu ihrem Glockenspielkunstwerk in der Stadt, das man von hier aus sehen, wenn auch nicht hören kann. Aber man hat die Melodie ja noch im Ohr: I need a Dollar. Di-di-dadada. Und das Geld, das weiß in Wolfsburg jedes Vorschulkind, kommt von dem Ort, dessen Schornsteine am Horizont aufragen: dem VW-Werk – repräsentiert auch durch die Collage „Deutsches Symbol“ von Marcel Odenbach an der Wand im Rücken des Betrachters. Den Hintergrund bilden Schwarz-Weiß-Fotografien von Politikern und Volksaufläufen, und das weiße VW- Logo darauf setzt sich zusammen aus Schnipseln von Goethes „Faust“, dem Einigungsvertrag von 1990 und – offenbar – Hitlers „Mein Kampf“. Das Bild ist eine Bombe.

Das Grenzenlose, auch gedanklich Unbeschränkte klingt im Titel an – Geschichte und Fiktion, Kunst und Stadtarchitektur vermischen sich hier.

Aber es geht auch nicht darum, in dieser Ausstellung irgendjemanden zu schonen. Schon gar nicht das Unternehmen, das die Geschicke weit über die Grenzen der Stadt hinaus bestimmt. Wenn VW hustet, wird Niedersachsen krank, soll der einstige Ministerpräsident und Bundeskanzler Gerhard Schröder gesagt haben. Wenig später wird man beim Ausstellungsrundgang eine Fotografie zu Gesicht bekommen, die die Einflussnahme der Wirtschaft auf die Politik verbildlicht: Man sieht darin, wie Heinrich Nordhoff, Generaldirektor des Volkswagenwerks, 1958 dem Wolfsburger Bürgermeister eine prachtvolle Kette um den Hals legt, an der das VW-Symbol baumelt. Diese scheinbare Vasalleninvestitur gibt diesem Ausstellungskapitel seinen Titel: „Museum König Nordhoff“. Denn wie ein Patriarch herrschte der Managerfürst und katholische Antikommunist, der gute Löhne zahlte, aber auf Gewerkschaftsbeteiligung verzichten konnte, damit der millionste Käfer pünktlich vom Band rollte. „Alle drei von bester Rasse“, verspricht ein Werbeplakat aus seiner Zeit, das VW-Käfer, Pudel und Blondine zeigt. Die Abgründe sind bei „Wolfsburg Unlimited“ nie fern. Wenn ein Kapitel mit dem Titel „Archäologie eines Mythos“ die fröhliche Einfahrt des VW-Käfers in die Kunstgeschichte behandelt – von Christo verpackt, von Warhol im knalligen Siebdruck auf Leinwand verewigt, von Don Eddy hyperrealistisch gemalt –, dann muss im nächsten Raum zwingend das Karussell „The Carnie“ (2010) von Janet Cardiff und George Bures Miller folgen, das mit seinem verzerrten Melodienlärm, der schummerigen Beleuchtung und den tanzenden Schattenschimären an der Wand eine düstere, bedrohliche Stimmung erzeugt. Hier in der Ausstellung bündelt es auf eine elegante Weise Entertainment und Information: Es spielt darauf an, dass an der Stelle des Kunstmuseums einst der Rummelplatz der Stadt war. Durch die Zeiten hindurch überlagern sich an diesem Ort ernsthaftes Bewahren und flüchtiges Vergnügen.

Stadt und Kunst, Geschichte und Fiktion. Exemplarisch kommen am Ende diese Themen noch einmal zusammen. Der Künstler Rémy Markowitsch widmet einen Raum der Biografie von Josef Ganz (1898–1967) – jenem genialen ungarisch-jüdischen Ingenieur, Journalisten und Automobilentwickler, der den „Maikäfer“ erfand. Technische Ähnlichkeiten legen nah, dass dieser zum Vorbild für den VW-Käfer wurde. Josef Ganz jedoch geriet 1933 in die Fänge der Gestapo, floh erst nach Liechtenstein und später in die Schweiz, von wo er nach dem Krieg wieder ausgewiesen wurde. Seine Lebensleistung wurde nie gewürdigt. So bleibt es Markowitsch überlassen, dem Ingenieur ein Denkmal zu setzen: Es sieht aus wie eine Weltkugel und verweist auf den Grabstein von Heinrich Nordhoff auf dem Wolfsburger Friedhof. Nur dass bei Markowitsch kein Kreuz den Erdball ziert, sondern eine Gans – mit umgedrehtem Hals.
Am interessantesten ist Markowitschs Serie „Psychomotor“ (2016). Der Künstler verwendete dafür Motorfotografien von Ganz und spiegelte diese digital. Die Kompositionen wirken jetzt wie futuristische Rorschachtests. In ihrer Vermischung von Auto und Psyche werden hier Bilder gefunden, die nicht nur den besonderen Charakter Wolfsburgs einzufangen scheinen, sondern tatsächlich generell den Geist unserer heutigen Gesellschaft offenbaren.

„Wolfsburg Unlimited“, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 11. September 2016

Dieser Artikel der Weltkunst erschien im April 2016 als Sonderveröffentlichung des ZEIT Kunstverlags

Abbildung ganz oben:

Don Eddys hyperrealistisches Gemälde „Untitled (Volkswagen)“ von 1971 (Foto: Don Eddy, 2016)