Bild des Tages

Pechsteins Selbstbildnis

Bei Lempertz kam ein bedeutendes Gemälde von Max Pechstein zur Auktion und erzielte mit 3,2 Millionen den zweithöchsten Preis für den Expressionisten. Das Werk gehörte einst einem jüdischen Sammler. Eine gütliche Einigung zwischen den Erben und den Einlieferern ermöglichte einen Verkauf ohne Schatten

Von Sebastian Preuss
04.12.2023

Es ist ein herrliches, eindrucksvolles, höchst ausdrucksstarkes Gemälde. Die Versteigerung von Max Pechsteins „Selbstbildnis, liegend“ bei Lempertz war ein Höhepunkt des Auktionsjahres in Deutschland. Und was die Kunst des Expressionismus betrifft, auch darüber hinaus. Denn solche kapitalen Hauptwerke der deutschen Moderne gelangen nicht mehr so oft auf den Markt. Entsprechend war die Resonanz. Taxiert auf 1,5 bis 2 Millionen Euro, fiel am Freitagabend in Köln der Hammer bei 2,5 Millionen; mit Aufgeld beläuft sich der Preis für den Käufer – ein Sammler aus Deutschland – auf 3,2 Millionen Euro. Es ist damit das zweitteuerste Pechstein-Gemälde, das bislang versteigert wurde. Der bislang höchste Zuschlag betrug 2,9 Millionen Euro, erzielt 2011 bei Ketterer.

Pechstein malte das Selbstbildnis im Spätsommer 1909 – nach einem zweimonatigen Aufenthalt an der Ostsee, in Nidden auf der (damals noch deutschen, heute litauischen) Kurischen Nehrung, wo auch Thomas Mann ein Sommerhaus besaß. Im Januar 1909 hatte Pechstein die Matisse-Ausstellung im Kunsalon Paul Cassirer in Berlin gesehen, die ihn so beeindruckte, dass sich sein bis dahin noch an den Pointillisten und an van Gogh orientierter Stil zu leuchtenden Farbflächen hin verwandelte. Es war der künstlerische Durchbruch des Malers. Er zeigt sich barfuß und in einfacher Fischerkleidung, die Palette und den Pinsel in der Hand, im Mund eine Pfeife, hinter sich eine gelbe Leinwand. Pechsteins Gesicht ist sonnengebräunt, mit großen Augen und selbstbewusster Miene schaut er aus dem Bild: Seht her, hier bin, so kann ich malen.

Das Gemälde ist nicht nur wegen der Komposition, die uns unmittelbar anspringt, nicht nur wegen des glühenden Rots des Hemdes, dem tiefen Blau der Hosen, die wirkungsvoll mit den gelben und grünen Flächen konstratieren, so bedeutend. Es markiert genau die Zeit, in der die „Brücke“-Expressionisten zu ihrer Bildsprache fanden, die bis heute so sehr in Bann schlägt. Ein Hauptwerk des Malers, das ab 15. März in der Ausstellung „Max Pechstein. Die Sonne in Schwarzweiß“ im Museum Wiesbaden zu bewundern sein wird.

Eigentlich sollte das Selbstbildnis schon am 6. Juni zum Aufruf kommen. Doch kurz vor der Auktion zog Lempertz das Bild zurück, weil ein Erbe des ehemaligen Besitzers Walter Blank es auf die Lost-Art-Datenbank stellen ließ – was natürlich Unsicherheit bei den potenziellen Bietern aufkommen ließ. Dabei waren die erhobenen Vorwürfe, es handele sich um einen restitutionsfähigen Fall von Raubkunst zu diesem Zeitpunkt schon entkräftet. Auch hatte Lempertz-Chef Hendrik Hanstein bereits zwischen den (offenbar nicht ganz einigen) Blank-Erben und den Einlieferern eine „gütliche Beilegung aller offenen Fragen in Bezug auf die Provenienz und eigentumsrechtlichen Fragen“ vermittelt. Um das besser kommunizieren zu können, entschied man sich für die Verschiebung des Verkaufs in den Herbst.

Walter Blank war ein jüdischer Arzt und Sammler in Köln, der Pechsteins Selbstbildnis 1936 zu einem hohen Preis an einen Bekannten verkaufte und bald darauf nach Belgien, später nach Spanien emigrierte, wo er 1938 starb. Seine Erben erhielten 1956 von der Bundesrepbulik eine Entschädigung für das Pechstein-Gemälde. Das Selbstbildnis befand sich bis jetzt im Besitz der Familie des damaligen Käufers. Nachdem jetzt alle Unstimmigkeiten und Ansprüche geregelt sind, konnten die Bieter sicher sein, „unbeschränktes Eigentum, frei von Ansprüchen“ (wie es im Auktionskatalog heißt) zu erwerben. Und ein museales Meisterwerk.

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