Jeanne Mammen bei Irene Lehr

Spitze Feder, knappe Kleider

Jeanne Mammen ist eine Ikone der Emanzipation und blieb in ihrer Kunst der Neuen Sachlichkeit treu. Das Berliner Auktionshaus Dr. Irene Lehr versteigert Ende Oktober eine Sammlung mit 16 sehr unterschiedlichen, auch untypischen Werken

Von Boris von Brauchitsch
24.10.2020
/ Erschienen in Kunst und Auktionen Nr. 17

Ihre letzte Ruhe hat Jeanne Mammen auf dem lauschigen Friedhof in der Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau gefunden, in bester kreativer Gesellschaft von Ferruccio Busoni, Marlene Dietrich, Paul Zech und den Fotografen Ottomar Anschütz und Helmut Newton. Gelebt hat sie vor allem auf dem Kurfürstendamm. Dort, in der Hausnummer 29, wirkte sie in ihrem Hinterhausatelier von 1919 bis zu ihrem Tod 1976 und hat alle Stile vom Expressionismus bis zu den Neuen Wilden an sich vorüberziehen lassen. Eingestiegen ist sie bei der Neuen Sachlichkeit, der sie lange treu blieb.

Jeanne Mammen, Frau mit Katze, um 1932, Auktion
In Jeanne Mammens um 1932 entstandenem Aquarell erteilt die „Frau mit Katze“ ihrem zeitunglesenden Tischgenossen eine Abfuhr. Ab 35.000 Euro steht es am 31. Oktober in der Auktion bei Lehr zum Gebot. © Lehr Kunstauktionen, Berlin / VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Heute sind es vor allem die pointierten, oft karikaturhaften Gestalten, umrissen mit sicherer Hand, an die man denkt, wenn der Name Jeanne Mammen fällt. Es scheint geradezu zwangsläufig, dass ihre Werke im „Ulk“ oder im „Junggesellen“ erschienen. Geschickt verstand sie es als routinierte Modezeichnerin, die spröde, manchmal drastische Attitüde in der Kunst der Zwanzigerjahre mit dekorativem Schmelz zu versehen und so auf ganz eigene Weise die Brücke zwischen Hochkunst und Gebrauchsgrafik zu schlagen, wie sie es bei Toulouse-Lautrec und anderen Franzosen der Jahrhundertwende gesehen hatte.

Geboren in Berlin, verbrachte sie Kindheit, Jugend und die entscheidenden Jahre ihrer künstlerischen Anfänge als höhere Tochter in einer etablierten Kaufmannsfamilie in Paris, besuchte die legendäre Académie Julian – zeitgleich mit so extrem verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten wie Hans Arp, Ludwig Meidner oder Hilla von Rebay –, studierte ein wenig in Brüssel und Rom und widmete sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg künstlerisch dem hedonistischen Treiben in Pariser Vergnügungsstätten, wie dem Tanzpalast Bal Bullier, bevor der Krieg die Zeiten des Wohlstands abrupt beendete und die Familie durch Flucht nach Berlin nur knapp einer Internierung entging.

Jeanne Mammen, Jüngling, Bronze, Auktion
Jeanne Mammens „Jüngling“ mit goldener Patina von 1940/45 gehört zu den sieben Bronzeköpfen, die bei der Herbstauktion im Berliner Auktionshaus Lehr versteigert werden. © Lehr Kunstauktionen, Berlin / VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Der neue Berliner Westen wurde ihre Heimat und die sogenannten Goldenen Zwanziger kulminierten praktisch vor ihrer Haustür. Was sie in Paris künstlerisch begonnen hatte, fand in Berlin seine logische Fortsetzung. Durch die eigene prekäre Erfahrung schärfte sich ihr Blick über das schillernde Nachtleben hinaus auch für die Randgestalten der Gesellschaft.

Wird in einer deutschen Großstadt eine Straße nach einem Künstler oder einer Künstlerin benannt, ist das meist sicheres Zeichen für erhöhte Aufmerksamkeit und steigende Preise. Seit 1999 eine Passage entlang der S-Bahn-Bögen unweit ihres Ateliers nach Jeanne Mammen heißt, geht es auch mit ihr stetig aufwärts. Schon zuvor reüssierte sie langsam zu einer Ikone der Emanzipation und im vergangenen Jahrzehnt erzielten ihre exquisiten Tuschzeichnungen Auktionspreise im fünfstelligen Bereich.

Werktypisches erzielt Höchstpreise

Hier knüpft nun das Auktionshaus Lehr an, das in seiner Herbstauktion gleich 16, sehr unterschiedliche Werke Mammens präsentieren kann. Darunter sieben Bronzeköpfe, die nach dem Tod der Künstlerin in der Berliner Traditionswerkstatt des zwischen 1922 und 1992 tätigen Wilhelm Füssel gegossen wurden (Auflagen zwischen vier und 14, Taxen 1800 bis 4000 Euro). So verschieden diese reizvollen Kleinplastiken, so unterschiedlich sind auch die Techniken der übrigen Werke, die angeboten werden: Zeichnungen mit Bleistift oder Tusche, Lithografien, Aquarelle sowie Öl auf Pappe oder Leinwand.

Eher untypisch sind die Porträts eines schwarzäugigen Jungen (Öl / Pappe, um 1930, 99,5 x 70 cm, Taxe 15.000 Euro) und eines blassen Anzugträgers in Hellgrau und Rosa, der zugeknöpft in einer rosa Sofaecke vor grauer Wand sitzt. Allein seine leuchtend roten Haare bilden einen fulminanten Akzent, der die Neugier nach mehr Information über den anonymen Brillenträger wecken könnte (vor 1929, 84 x 68 cm, Taxe 12.000 Euro). Umso mehr entspricht das Aquarell „Dirne auf grüner Couch“ (um 1931, 32,5 x 35 cm) dem Bild, das allgemein von Werk und Wirken Mammens kursiert. Daher ist auch die Taxe (35.000 Euro) gleich entsprechend angesetzt, denn nur wo das Werktypische Bestätigung erfährt und einen Wiedererkennungseffekt garantiert, werden Höchstpreise erzielt.

Jeanne Mammen Irene Lehr Kunstauktion
Das Porträt des blassen Anzugträgers in Hellgrau und Rosa gehört zu den eher werkuntypischen Arbeiten von Jeanne Mammen. Das Ölgemälde entstand vor 1929 und misst 84 x 68 cm. © Lehr Kunstauktionen, Berlin / VG Bild-Kunst Bonn, 2020

Mit diesem Typischen können auch noch andere Arbeiten aufwarten, darunter drei Damenbilder, die im „Simplicissimus“ reüssierten. Spannend ist, dass die Titel, die ihre Publikation in der Satirezeitschrift begleiteten, sie in ein anderes Licht zu rücken vermögen, als die eher spröde-sachlichen Bezeichnungen im Auktionskatalog.

Die Lithografie „Nutten“ (Taxe 3000 Euro) ironisierte Hitlers Versprechen der Vollbeschäftigung, trug ursprünglich bei Erscheinen 1930 den Titel „Silberstreifen“ und legte einer der Prostituierten den Satz in den Mund: „Weeste, wenn et nu durch Hitler uffwärts jeht, denn wird jewiß ooch für uns die Arbeetslosigkeit abjeschafft.“ Was bei Lehr „Zirkusdamen“ heißt (Tusche, Taxe 1500 Euro), war unter dem Titel „Bestrafte Tugend“ ein Freundinnenpaar in Unterwäsche, unterwegs zu einem frivolen Fest, auf dem es offenbar ganz nackt zur Sache ging: „Siehste, det haben wa nu von unsern dezenten Kostümen, mit denen, die überhaupt bloß so tun, als ob se wat anhätten, können wa doch nicht konkurrieren.“ (1931, Taxe 1500 Euro).

Die Feder war so spitz wie ihr Zeichenwerkzeug

Schließlich war die „Frau mit Katze“ (Taxe 35.000 Euro) einst im „Simplicissimus“ des Jahres 1934 eine Gangsterbraut im „Café aux Gangsters“, die ihrem zeitunglesenden Tischgenossen eine Abfuhr erteilt: „Tut mir leid, Jean, bin schon vergeben. Für heute Nacht habe ich Gaston ein Alibi zugesagt.“

Ebenso spitz wie ihr Zeichenwerkzeug war die Feder, die mit wenigen Worten aus den selbstbewussten, provokanten und mondänen Gestalten ironische, entwaffnend freche Emanzen machte, die ranzige Bürgerlichkeit und schlappschwänzige Ehegatten kommentieren. Nicht nur durch den teilweise lokalen Slang, auch sonst sind die schnoddrigen Statements wunderbare Ergänzungen zu den abgeklärten Frauen und eine Reminiszenz an die heute vom Aussterben bedrohte Berliner Schnauze. Jeanne Mammen, die sich selbst eher mit Kommentaren zurückhielt und nicht viel mehr über ihr Dasein verriet als „Meine Bilder sind mein Lebenslauf“, dürften sie aus dem Herzen gesprochen haben.

Service

AUKTION

Dr. Irene Lehr Berlin,
Auktion 31. Oktober,
Besichtigung 23. – 29. Oktober