Kathedrale Notre-Dame und römische Ruinen

Am ersten Tag besuchen wir die Kathedrale Notre-Dame de Reims und erleben in der geschichtsträchtigen Stadt, wie verschiedene Epochen aufeinandertreffen – von römischen Ruinen bis hin zur zeitgenössischen Kunst

1. Tag

An diesem Ort wurden Frankreichs Könige gekrönt, hier schwang Jeanne d’Arc ihre Siegesfahne, bevor Jahrhunderte später deutsche Waffen schwere Narben hinterließen: Die Kathedrale Notre-Dame de Reims gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der französischen Gotik und ist das Herz der Stadt. Hier beginnen wir unseren Besuch.

Schon von Weitem zieht die Doppelturmfassade alle Blicke auf sich: 81 Meter ragt sie gen Himmel, bestückt mit mehr als 2000 Skulpturen. Wir verweilen kurz vor dem Hauptportal, bestaunen die Fensterrose und lassen die reich verzierten Archivolten auf uns wirken. Im Inneren wartet das epochale Schema der Gotik: Das revolutionäre Kreuzrippengewölbe entlastet die Wände um ihre statische Funktion und erlaubt so deren Durchbrechung und Verglasung, kurzum – Licht! Über die schlanken Arkaden ziehen sich mächtige Obergadenfenster mit Maßwerk, das in Reims eine ganz neue Eleganz erreicht. Im Chorraum des Vorgängerbaus fand bereits im Jahr 816 die erste Krönung statt.

Die Basilika war jahrhundertelang das Symbol der französischen Monarchie, was sie zum bevorzugten Angriffsziel deutscher Truppen im Ersten Weltkrieg machte. Große Teile der Westfassade und Buntglasfenster wurden zerstört, der hölzerne Dachstuhl aus dem Mittelalter vollständig niedergebrannt. Doch sie blieb bestehen. Und wurde zum Ort der Versöhnung, als sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle – nach einem weiteren, noch verheerenderen Weltkrieg – hier am 8. Juli 1962 die Hände reichten.

Im 21. Jahrhundert stiftete die deutsche Bundesregierung sechs neue Fensterflächen, gestaltet vom Düsseldorfer Künstler Imi Knoebel. Seit gut zehn Jahren leuchten sie mit den berühmten Chorfenstern von Marc Chagall um die Wette.

Vor der Tür, auf der Place du Parvis, begrüßt uns die Nationalheldin Jeanne d’Arc. Eine Bronzeskulptur mit erhobenem Schwert wurde ihr an diesem denkwürdigen Ort gewidmet. Zu ihrer Linken erhebt sich der Palais du Tau, ein ehemaliger Bischofspalast, in dem die Könige bei ihren Krönungsfeierlichkeiten logierten. Heute beherbergt der Bau aus dem frühen 16. Jahrhundert das Musée des Sacres, in dem sich nach umfangreichen Sanierungsarbeiten ab Anfang 2027 wieder königliche Reliquien, Wandteppiche und Skulpturen bewundern lassen.

Bronze Statur von Jeanne d’Arc mit Schwert in der Hand auf einem Pferd sitzend
Die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc auf dem Platz vor der Kathedrale. © lucentius/istockphoto

Wir passieren die Place Royale und biegen an der Place du Forum – eine Erinnerung an Zeiten römischer Herrschaft – rechts ab zum Musée-Hôtel Le Vergeur. Das historische Bürgerhaus aus dem 13. Jahrhundert zeigt in seinen schmuckvollen Innenräumen Schätze der privaten Kunstsammlung Hugues Kraffts, französischer Fotograf des 19. bis 20. Jahrhunderts. Die Sammlung umfasst neben zahlreichen historischen Objekten auch einige Dürer-Stiche. Anschließend überqueren wir noch einmal den Platz, um uns in der Epicerie Au Bon Manger mit charcuterie, fromage et baguette zu stärken.

An die Römerzeit erinnert auch die Porte de Mars, ein Triumphbogen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, der noch bis 1544 als Tor innerhalb der Stadtmauer diente. In dem Park, den der Bogen heute ziert, erinnert eine Granitplatte mit der Aufschrift „À la Resistance“, an die französische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg und die Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Reims ist auch deshalb historisch so bedeutend, weil hier – bereits am 7. Mai 1945 – die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet wurde und der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Diesem Ereignis ist wenige Gehminuten vom Denkmal entfernt ein eigenes Museum gewidmet, das nach seiner Sanierung noch im Frühjahr 2026 wiedereröffnen soll.

 

Installationsansicht eines zeitgenössischen Kunstwerkes mit Orange und Blau
Franz Ackermanns „No Roof But The Sky“ (2005) aus der Sammlung des FRAC Champagne-Ardenne. © Collection FRAC Champagne-Ardenne/ Photo:Martin Argyroglo, 2019 Avec Franz Ackermann, Corentin Canesson, Melissa Dubbin & Aaron S. Davidson, Jennifer Douzenel, Mar García Albert, Hippolyte Hentgen, Robert Malaval, Nicolas Momein, François Petit, Laure Prouvost, Clément Rodzielski, Lilli Thiessen, Julia Wachtel, Lois Weinberger. Commissaire de l'exposition : Marie Griffay

Am Rande des Parks wartet der Bus, der uns zum zeitgenössichen Kunstzentrum FRAC Champagne-Ardenne im Süden der Stadt bringt. Die Sammlung umfasst mehr als achthundert Werke der Gegenwartskunst, etwa von Franz Ackermann oder Robert Adams.

Abends kehren wir zurück zur Kathedrale und genießen im benachbarten La Grande Georgette ein dîner der Extraklasse: Die Küche von Julien Raphanel verzaubert hochwertige Produkte mit Leidenschaft und einer Prise Magie.

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