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Unsere Ausstellungstipps für Berlin

Christa Mayer im Haus am Kleistpark, Kunsthandwerk im Brücke-Museum und eine Installation von Jerszy Seymour im Kunstgewerbemuseum – diese Ausstellungen sollten Sie nicht verpassen

Von Kira Breitbach & Clara Zimmermann
13.03.2026

Klara Lidèn

KW Institute of Contemporary Art, bis 10. Mai

Sie hängt kopfüber an der Haltestange einer S-Bahn in Stockholm, gleitet im Moonwalk durch das nächtliche Manhattan oder klettert entlang der Hochbahngleise in Berlin-Kreuzberg. Vor Klara Lidèn ist keine Stadt sicher. Die schwedische Künstlerin, geboren 1979, durchbricht urbane Strukturen und gesellschaftliche Konventionen, indem sie – gerne auch mal mit dem Bolzenschneider oder einem Schraubenschlüssel – durch die Straßen zieht, um sie zu „öffnen“. Wie bewegen wir uns in der Öffentlichkeit? In welcher Beziehung stehen wir zur Architektur, die uns täglich umgibt? In ihrer künstlerischen Praxis spürt Lidèn diesen Fragen nach, indem sie Fundstücke aus urbanen Räumen, darunter Stromkästen, Mülleimer oder Tannenbäume, sowie ihren eigenen Körper aus ihren vorgeschriebenen Funktionen löst und in neue Kontexte überführt. Im großen Untergeschoss des KW Institute for Contemporary Art, wo zurzeit ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin zu erleben ist, führt die ehemalige Architekturstudentin das Publikum durch zwei überdachte Fußgängerpassagen, wie man sie oft neben Baustellen findet. Das dumpfe Hallen beim Durchlaufen der mit Graffiti beschmierten, engen Röhre fühlt sich vertraut und gleichzeitig befremdlich an. 

Klara Lidèn
Klara Lidèn, „Self Portrait with the Keys to the City“, 2005. Courtesy the artist

Rey Akdogan 

Haus am Waldsee, bis 25. Mai 

Zwischen Atmosphäre und Materialität bewegt sich das Œuvre von Rey Akdogan. Die deutsche Künstlerin richtet ihren Blick auf Stoffe und Verfahren, die unseren visuellen Alltag prägen, meist jedoch im Hintergrund bleiben. Ihre Arbeiten oszillieren zwischen Projektion, Skulptur und Installation und entwickeln sich oft in enger Beziehung zum Raum. Dabei untersucht Akdogan, wie Farbe, Licht und Material sinnliche Erfahrungen formen und wie sich daraus atmosphärische, affektiv aufgeladene Räume entwickeln. In ihren „Carousel“-Arbeiten montiert sie Kunststoffe und Verpackungsfragmente in 35-mm-Diapositive, anschließend projiziert sie diese an die Wand. Bei jeder Rotation des Diaprojektors verändern sich die Strukturen, Linien, Texturen und Farbtöne. Es entsteht eine rätselhafte Bildwelt, die zugleich unmittelbar an ihre materiellen Ausgangsstoffe gebunden bleibt. Für die Präsentation im Haus am Waldsee wird erstmals eine größere Anzahl dieser „Carousel“-Arbeiten gemeinsam gezeigt. Über die Räume hinweg treten die einzelnen Projektionen in Beziehung zueinander: Ihre unterschiedlichen Rhythmen und Veränderungen überlagern sich und verdichten sich zu einer vielstimmigen, raumgreifenden Installation.

Rey Akdogan, Einzeldia aus Carousel #10, 2025, im Haus am Waldsee
Rey Akdogan, Einzeldia aus Carousel #10, 2025. Courtesy die Künstlerin und Galerie Anke Schmidt, Köln

Edith Tudor-Hart 

f³ – Freiraum für Fotografie, bis 17. Mai

Erschöpfte Frauen, schmutzige, arbeitende Kinder in Hinterhöfen, Notleidende und Ausgegrenzte: In ihren Fotografien richtet Edith Tudor-Hart den Blick auf die sozialen Brüche und Missstände ihrer Zeit. Armut, Frauenrechte und Integration gehören zu den wiederkehrenden Themen ihres Werks. Mit einem sozialdokumentarischen und vom modernistischen Stil des Bauhauses geprägten Blick dokumentiert sie die gesellschaftlichen Realitäten der 1930er- und 1940er-Jahre. Besonders häufig rücken dabei Kindheit, Pädagogik und Mutterschaft ins Zentrum ihrer Bilder. Als professionell ausgebildete Fotografin ist Tudor-Hart zur damaligen Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Ihre eigene Biografie bildet dabei einen wichtigen Hintergrund für ihr Werk: Als Jüdin floh sie vor dem Nationalsozialismus und war vermutlich bereits seit dem Teenageralter als Spionin tätig. Diese Erfahrungen prägen den Kontext, in dem ihre Fotografien heute gelesen werden. Im Freiraum für Fotografie ist nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive ihres Werks zu sehen. Lange Zeit blieb Tudor-Harts Œuvre kaum beachtet. Nicht zuletzt, weil ihr Werk schwer zugänglich und in der Familie zerstreut war. Zudem zerstörte sie selbst aus Angst vor Enttarnung Teile ihres Werks. Erst in den letzten Jahren wurde das umfassende Werk der österreichisch-britischen Fotografin wiederentdeckt und neu bewertet.

Edith Tudor-Hart, „Frau mit Kind“, Wien, 1930
Edith Tudor-Hart, „Frau mit Kind“, Wien, 1930. © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof, courtesy f³ – freiraum für fotografie

Kunst Hand Werk Brücke 

Brücke-Museum, bis 21. Juni

Wer an die Künstlergruppe Brücke denkt, hat sofort leuchtende Farben, harte Kontraste und radikal vereinfachte Formen vor Augen. Ihre Malerei gilt als Inbegriff des deutschen Expressionismus – doch sie erzählt nur einen Teil der Geschichte. Weit weniger bekannt ist, wie intensiv sich die Künstler auch mit kunsthandwerklichen Techniken beschäftigten. Mit der Ausstellung „Kunst Hand Werk Brücke“ widmet sich das Brücke-Museum erstmals ausschließlich dem kunsthandwerklichen Schaffen der Gruppe. Mehr als 180 Werke zeigen, wie selbstverständlich sich die Mitglieder zwischen Kunst und Handwerk bewegten. In thematisch gegliederten Räumen zu Holz, Metall, Glas und Textil wird deutlich, mit welcher Experimentierfreude sie Materialien und Techniken erkundeten. Die Präsentation lädt zum genauen Hinsehen ein: Spiegelnde Folien unter den Objekten, offene Inszenierungen im Raum und unterschiedliche Präsentationsformen lenken den Blick auf Details, die sonst leicht übersehen werden – etwa die feinen Ziselierungen in Broschen von Erich Heckel. Gleichzeitig treten monumentale Möbelstücke in den Vordergrund, wie etwa das „Bett für Erna Schilling“ von Ernst Ludwig Kirchner, über das man beim Betreten des Themenraums Holz beinahe stolpert. Aber auch Objekte wie der „Stuhl II“ von Kirchner oder das signierte Holzkästchen von Karl Schmidt-Rottluff zeigen die Bandbreite der Arbeiten: Sie reicht von kleineren, intimen Objekten bis zu raumgreifenden Möbelstücken und von Gebrauchsgegenständen für den privaten Alltag bis hin zu bewusst als Kunst geschaffenen Arbeiten. Ab Oktober wird die Schau im Kunstmuseum Krefeld zu sehen sein.

Ernst Ludwig Kirchner, „Stuhl II, mit sitzender Frau und stehendem Paar als Rückenlehne“ aus dem Jahr 1920, Arvenholz, geschnitzt, mit Ochsenblut gefärbt
Ernst Ludwig Kirchner, „Stuhl II, mit sitzender Frau und stehendem Paar als Rückenlehne“ aus dem Jahr 1920, Arvenholz, geschnitzt, mit Ochsenblut gefärbt. © Brücke-Museum

Jerszy Seymour 

Kunstgewerbemuseum, bis 3. Mai

Wie können wir unseren Alltag neu denken? Gibt es soziale und ökologische Gerechtigkeit für alle? Über große Fragen wie diese kann man nun in einer begehbaren Raumplastik aus nachhaltigen Materialien grübeln und diskutieren. Für seine Installation „Mutuogenesis“ hat der Berliner Künstler und Designer Jerszy Seymour das Kunstgewerbemuseum in einen Ort verwandelt, an dem gemeinschaftliches Lernen und Leben im Mittelpunkt steht. Für das Projekt hat Seymour mit dem Berliner Kulturzentrum „Schlesische27“ zusammengearbeitet. Auf der raumschiffartigen Bühne findet in diesem Frühjahr ein umfangreiches Programm mit Workshops, Lesungen und Performances statt.

Jerszey Seymour
Jerszey Seymour, Mutuogenesis, Ausstellungsansicht. © Foto: Trevor Good, 2026

Christa Mayer

Haus am Kleistpark, bis 6. April

Das Spiel mit Licht und Schatten beherrscht sie meisterhaft. Auf einer Reise nach Istanbul hielt Christa Mayer das Leben im Künstlerviertel Cihangir fest und entdeckte dort das Poetische im Alltäglichen. Die 1945 geborene deutsche Fotografin und Psychologin blickt zurück auf ein Œuvre von mehr als vier Jahrzehnten, in dessen Zentrum Porträts und Landschaften stehen. Große Bekanntheit erlangte Mayer mit ihren Aufnahmen von Patientinnen und Patienten aus der Langzeitpsychiatrie, in denen sich Verletzlichkeit und Würde auf besondere Weise begegnen. In den Achtzigerjahren entwickelte sie ihre künstlerische Sprache in der von Michael Schmidt gegründeten Berliner Werkstatt für Photographie; 1987 folgte ein Arbeitsstipendium am P.S.1 in New York. Seither führt ihr Werk in viele Richtungen: zu Heilkundigen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, zu Künstlerinnen und Künstlern und zu Kindern, zu Szenen im Stadtraum und zu Landschaften, die sie als symbolisch und spirituell aufgeladene Orte inszeniert. Ergänzend zur Ausstellung im Haus am Kleistpark ist eine Monografie im Distanz Verlag erschienen.

Christa Mayer
Tänzerin, Cihangir, Istanbul, 1992 © Christa Mayer, VG Bild-Kunst Bonn, 2025

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