Nachruf

Abschied von Yayoi Kusama

Yayoi Kusama, die berühmteste Künstlerin unserer Zeit, ist am 14. August im Alter von 97 Jahren in Tokio gestorben. Mit ihren farbenfrohen „Polka Dots“ zog sie Menschen jeden Alters in ihren Bann

Von Lisa Zeitz
27.08.2026

Wie keine andere Künstlerpersönlichkeit hat Yayoi Kusamas Kunst auch junge und jüngste Menschen begeistert. Ihre gepunkteten Kürbis-Skulpturen sind Publikumslieblinge, und vor ihren „Infinity Rooms“, bilden sich regelmäßig Schlangen mit stundenlanger Wartezeit: für die Gelegenheit, 45 Sekunden lang ihre verspiegelten, funkelnden, sich in die Endlosigkeit erweiternden Räume zu betreten. Auf Millionen Selfies tragen die Besucherinnen und Besucher ihren Ruhm weiter. Zeitlebens war Kusamas Bestreben, eine Kunst zu schaffen, die universell und unendlich ist. 

Gelber Kürbis mit schwarzen Punkten
Yayoi Kusama, „Pumpkin", 1991. © YAYOI KUSAMA

Geboren am 22. März 1929 in der japanischen Stadt Matsumoto, wuchs Yayoii Kusama in einer wohlhabenden Familie auf, die mit Saatgut und Blumen handelte. Schon als Teenager wusste sie, dass sie Künstlerin werden wollte. Sie setzte sich gegen alle Widerstände ihres konservativen Umfelds durch. Noch als Studentin an der Kunstakademie in Kyoto entwickelte sie den Wunsch, in die USA zu gehen. Die einzige Künstlerin, von der sie wusste, war Georgia O’Keeffe. An sie wandte sie sich, schreibt Holland Cotter in der New York Times und erhielt eine ermutigende Antwort – so flog Kusama 1957 erst für ein halbes Jahr nach Seattle und etablierte sich dann in New York, wo sie ohne Unterstützung ihrer Familie in Armut lebte. Als Malerin schuf sie „Infinity Nets“, abstrakte Werke, in denen sie kleine kurvige Pinselstriche zu netzartigen Oberflächen zusammenfügte. Aus diesen entwickelte sie kurz darauf ihre „Polka Dots“, das Muster, für das sie heute berühmt ist. In den Sechzigerjahren kamen phallusartige textile Skulpturen hinzu, die immersive Installationen bildeten und zu hunderten oder gar tausenden Stühle, Tische, Schuhe und andere Objekte überwucherten. Schon 1962 stellte sie zusammen mit Andy Warhol, Claes Oldenburg und anderen aus. Sie gilt als Pionierin der Pop Art und des Minimalismus und hat in Deutschland die Zero-Künstler stark beeindruckt und Ausstellungen mit ihnen zusammen organisiert.

Die Künstlerin posiert mit verschiedenen Skulpturen und Accessoires vor einer beschrifteten Wand
Yayoi Kusama posiert in „Untitled (Dress)“ mit ihren phallischen Skulpturen in ihrem New Yorker Studio, 1971. © YAYOI KUSAMA, Photo: Tom Haar

In New York machte sie sich ab 1966 auch mit bahnbrechenden Performances und politischen Happenings einen Namen, bevor sie in den Siebzigerjahren nach Japan zurückkehrte. Ihre Kunst war für Yayoi Kusama ein Weg, so schrieb sie 2002 in ihrer Autobiografie, mit Phobien und Angstzuständen umzugehen. Das ganze Leben über stand die Künstlerin, die schon als Mädchen unter Halluzinationen litt, vor psychischen Herausforderungen. Auf eigenen Wunsch wohnte sie seit Ende der Siebzigerjahre unter medizinischer Betreuung in einer Anstalt in Tokio. Einige Zeit wurde es stiller um sie, doch im reifen Alter wurde sie zum internationalen Superstar, sie präsentierte Japan 1993 auf der Biennale von Venedig und war gefragt auch als Kooperationspartnerin von Marken wie Louis Vuitton. Seit 2013 wird sie von der Galerie David Zwirner vertreten, 2014 erzielte ein „Infinity Net“ in Weiß auf Weiß bei Christie’s inklusive Aufgeld 7,1 Millionen Dollar, damals das teuerste Werke einer lebenden Künstlerin. 

Aktuell wird Yayoi Kusamas epochales Werk mit einer großen Retrospektive gefeiert, die zuerst in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen war, gerade im Kölner Museum Ludwig rund eine halbe Million Menschen angelockt hat und von 12. September bis zum 17. Januar 2027 im Stedelijk Museum in Amsterdam zu sehen ist.

 

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