„Volksbad“

Berliner Volksbühne wird zum Freibad

Die Berliner Volksbühne ist eines der wichtigsten Theater Deutschlands. Der neue Chef Matthias Lilienthal lässt zu Beginn seiner Intendanz einen Pool aufbauen. Inspiriert wurde er dabei von Performance-Künstlerin Florentina Holzinger

Von Weltkunst News
07.08.2026

Vor wenigen Wochen kündigte der neue Intendant der Berliner Volksbühne an, vor dem Theater ein Freibad zu bauen. Mit 25-Meter-Bahn! Und Pommesbude! Matthias Lilienthal will damit nicht nur zeigen, dass er unter Theaterkunst auch versteht, „wenn zwei Leute sich nass spritzen“. Sondern für ihn ist die Aktion auch ein Protest gegen die verfallende Infrastruktur in der Hauptstadt. „Uns freut es sehr, dass wir den Freibadmangel für zwei Monate ein klein bisschen relativieren“, sagte Lilienthal im Frühsommer. Am Freitag öffnet der Pool tatsächlich.

Vor dem monumentalen Theatergebäude glitzert das türkisblaue Becken. Umkleidekabinen wurden aufgebaut, Bademeister und Sicherheitskräfte engagiert. Das Projekt, das auch als Willkommensgruß an die Nachbarschaft gedacht ist, macht schon vorab Schlagzeilen.

Nun wäre die Volksbühne nicht eines der wichtigsten Theater Deutschlands, wenn sie nicht für spektakuläre Aktionen bekannt wäre. Der frühere Intendant Frank Castorf revolutionierte das Theater mit Kunstblut, Videokamera und Gebrüll. Seine Nachbesetzung führte zu Protesten und Verwerfungen.

Nach zwei gescheiterten Varianten übernahm René Pollesch, der aber vor zwei Jahren überraschend starb. Jetzt folgt ihm Lilienthal nach. Der 66-Jährige war früher schon mal an der Volksbühne, leitete das Berliner HAU und die Münchner Kammerspiele. Nicht immer passten seine Vorstellungen vom Theater zu denen der bayerischen Regierungspartei CSU.

„Über das Volksbad redet schon jetzt die ganze Stadt“

Die Volksbühne will mit dem Projekt auch Menschen anziehen, die sonst vielleicht nicht ins Theater gehen. Für ihn sei es auch das Anprangern eines sozialen Missstandes, meinte Lilienthal in einem rbb-Interview. Nämlich: dass Infrastruktur wie Bäder, S-Bahnen und Schulen unzureichend funktioniere. „Und das Volksbad ist ein politischer Protest dagegen.“

Eine Sprecherin des Theaters erklärt, auch sie fänden die Lage der freien Theaterszene schwierig und wollten sie in ihren Interessen unterstützen. „Das Projekt hilft hoffentlich auch die Wichtigkeit der Kultur in der Stadt Berlin zu zeigen und diese damit zu stärken.“

Lilienthal verstehe etwas von Werbung für sein Haus, sagte Journalist Arno Frank, der etwa für den „Spiegel“ schreibt. Dass die Spielzeit im Oktober mit „House of Hopes“ von Rimini Protokoll eröffnet werde, wisse nur, wer sich wirklich für Theater interessiere. „Über das Volksbad aber redet schon jetzt die ganze Stadt. Und bald – jede Wette – das ganze Land.“

Lilienthal verlagere die Bühne ins Freie, öffne sie für das ganze Volk und übe mit dem Projekt auch Kritik an einer Kommerzialisierung öffentlicher Räume. Wann sei zuletzt ein neues öffentliches Freibad eröffnet worden? Die Volksbühne nehme das Geld in die Hand und setze darauf, dass in den Köpfen der Menschen wieder eine Ahnung keime, was diese Stadt sein könnte.

Inspiration bot Florentina Holzinger

Inspiriert ist das Projekt von Performance-Künstlerin Florentina Holzinger, die gerade den österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig bespielt. Sie flutete das Gebäude und lässt Frauen dort nackt Jetski fahren. Oder in einem Tank abtauchen, der angeblich mit geklärtem Urin gefüllt ist.

An der Volksbühne zeigte sie neben „Sancta“ (über die Kirche) und „A Year Without Summer“ (mit lesbischer Orgie und Fäkalienschlacht) auch „Ophelia’s Got Talent“. Eine Art Talentshow nackter Performerinnen mit großem Wasserbecken. Das hat Lilienthal auch auf die Idee des „Volksbads“ gebracht, so nennt die Volksbühne das temporäre Freibad.

Holzinger soll 2028 an der Volksbühne wieder ein neues Stück inszenieren, bereits zum Ende des Freibads plant sie dort eine Aktion. Was genau? Wird man sehen. Bis dahin gibt es erstmal Planschen und Pommes. Mit der Arschbombe allerdings könnte es schwer werden. Das Becken ist nur 1,30 Meter tief. (Von Julia Kilian, dpa)

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