Venedig Biennale

Im inneren Konflikt

Rauschendes Fest oder politische Bühne? Überschattet von den Krisen der Welt fühlt sich die Biennale von Venedig so widersprüchlich an wie lange nicht mehr. Berührende Kunst findet sich dabei oft an unerwarteten Orten

Von Tim Ackermann
21.07.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 257

Wie viele Venedig-Biennalen laufen hier gerade eigentlich? Die Weltkunstschau in der Lagunenstadt war angesichts ihrer Fülle an visuellen Eindrücken schon immer eine Überforderung. Doch bei dieser Ausgabe stellt sich mehr denn je das Gefühl ein, dass in Venedig Welten aufeinanderprallen, die sich nicht vereinbaren lassen. Je nach Blickwinkel und Anspruch kann diese Biennale als künstlerische Leistungsschau erscheinen oder als Kanonrevision. Als politische Bühne, Tourismusmesse, Kunstmarktspektakel, beruhigende Oase oder rauschendes Fest des Luxus. Das macht die Sache kompliziert. Dazu beeinflussen die globalen Krisen das Geschehen in den Giardini und auf dem Arsenale-Gelände so stark wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Das wichtigste Ausstellungsereignis der Kunstwelt bleibt die Biennale dennoch. Dafür gibt es einfach zu viel Sehenswertes unter den Hunderten Kunstschaffenden, Länderpavillons und Nebenevents – wenn man denn weiß, wo sich das genaue Hinschauen lohnt.

Isola di San Giocomo. © Jacopo Trabuio/ Courtesy Fondazione Sandretto Re Rebaudengo
Die Isola di San Giacomo wird von der Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo zur Museumsinsel verwandelt. © Jacopo Trabuio/ Courtesy Fondazione Sandretto Re Rebaudengo

Zeitgenössische Kunst Afrikas als zentrales Thema der Hautausstellung

Auch in der Hauptausstellung von Koyo Kouoh muss man das Angebot kritisch durchsieben, denn Berührendes steht hier gleichberechtigt neben Banalem. Die Biennale-Leiterin konnte die Eröffnung ihrer Schau nicht mehr erleben, sie verstarb im Mai 2025 mit nur 57 Jahren. Ihr Konzept wurde nun von ihrem fünfköpfigen kuratorischen Team umgesetzt. Ganz im Sinne der im kamerunischen Douala geborenen Kouoh liegt der Fokus auf der zeitgenössischen Kunst Afrikas, der afrikanischen Diaspora und des Globalen Südens. Das macht neugierig auf eher unbekannte Positionen. In einem kleinen Saal im Hauptpavillon der Giardini präsentiert beispielsweise das Nairobi Contemporary Art Institute aus seiner umfangreichen Sammlung acht Malereien der Jahrzehnte 1950 bis 1980 aus der Makerere Art School in Kampala (Uganda). Von dieser Geburtsstätte des ostafrikanischen Modernismus, die farbenfrohe surrealistische Szenen zwischen Karneval und Albtraumvision hervorbrachte, hätte man gern noch mehr gesehen. Ebenso spannend fällt die Würdigung für den 2017 verstorbenen Issa Samb aus, dessen Atelierhof in Dakar eine inspirierende Anlaufstelle für die Avantgardeszene der senegalesischen Hauptstadt war. Kouoh hatte Samb als eine Leitfigur ihrer Biennale ausgerufen. Die Inszenierung seiner Werke im Entree des Hauptpavillons lässt mit bemalten T-Shirts, Hühnerkopfassemblagen aus Gummihandschuhen, Altarfiguren, Zeichnungen und Videofilmen die Faszination für diesen originellen Kunstphilosophen nachfühlbar werden.

Michael Armitages bunte Bilder wie „Untitled“ von 2024 berühren im Palazzo Grassi.
Michael Armitages Bilder wie „Untitled“ von 2024 berühren im Palazzo Grassi. © Kerry McFate/Courtesy the artist and David Zwirner/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Und dann geht man einen Saal weiter und ist geradezu geschockt: Frontal blickt einen die Biennale-Leiterin in Überlebensgröße an, verewigt von der Künstlerin María Magdalena Campos-Pons in ihrer brandneuen fünfteiligen Malerei „Anatomy of the Magnolia Tree for Koyo Kouoh und Toni Morisson“ (2026). Kouoh ist links, Morisson, die erste schwarze Literaturnobelpreisträgerin, im Panel ganz rechts dargestellt. Im Raum stehen zudem fünf riesige gläserne Magnolien-Skulpturen – die Blumen der amerikanischen Südstaaten. Klar ist das Black Portraiture, nur eben von ihrer zahmsten, inhaltsleersten Sorte. Kouoh selbst hätte ihre unironische Heiligsprechung sicherlich verhindert. Hier wie auch an anderen Stellen macht sich bemerkbar, dass der präzise Blick der Biennale-Leiterin fehlt.

Sehr unübersichtlich ist die Hauptausstellung nun inszeniert, aber immerhin stechen einige starke Positionen hervor: Die Kamerunerin Werewere Liking stellt in ihrem Gemälde „Lampedusa“ aus dem Jahr 2019 die europäische Verantwortung für afrikanische Menschenleben mit einer wütenden Wucht dar, die an Picassos „Guernica“ erinnert. Ebenso berührend ist ein Zyklus von Zeichnungen der First-Nation-Künstlerin Bonnie Devine über die Umweltvergiftung ihrer kanadischen Heimatregion durch Uranabbau. Manchmal offenbart sich die politische Kritik auch erst beim zweiten oder dritten Blick. Der Chilene Alfredo Jaar präsentiert in einem gänzlich roten Raum in den Arsenale-Hallen auf einem Sockel nur eine winzige Würfelskulptur. Sie besteht aus zehn verschiedenen Materialschichten. Wer dazu die Wandtexte liest, erfährt von den lebensgefährlichen und ökologisch desaströsen Bedingungen, unter denen die verwendeten Erze wie Kobalt oder Coltan in Afrika abgebaut werden. Hier gelingt die Verquickung aus minimaler Ästhetik und inhaltlicher Tiefe.

Werewere Liking, „Lampedusa
„Lampedusa“ von Werewere Liking in der Hauptausstellung. © Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

Ein Ärgernis dagegen ist in der Biennale-Haupausstellung der bisweilen stark spürbare Hang zum Spirituellen und Mystischen. Dabei hatte Kouoh in ihrem Einleitungsessay zum Katalog, den sie vor ihrem Tod noch verfasste, dem kapitalistischen Rationalismus der westlichen Welt vorgeworfen, die Kunst des Globalen Südens stets als „kunsthandwerklich, geschaffen zur Dekoration und zu religiösen Ritualen“, zu verunglimpfen. Nun allerdings suchen die Kunstschaffenden selbst den Kontakt zum Übersinnlichen, beziehen sich gerne auf Voodoo oder Sufismus (wohingegen sie den politischen Islam bewusst ausklammern) oder wollen am liebsten selbst Schamanen sein. Dass aber die zusammengebastelten Schreine des salvadorianischen Künstlers Guadalupe Maravilla oder die getöpferten Tierfiguren der peruanischen Künstlerin Celia Vásquez Yui tatsächlich magische Heilkräfte besitzen, wie in den jeweiligen Begleittexten ganz ernsthaft behauptet wird, darf man bezweifeln. Auf der Biennale jedenfalls wirkt solcher Zauber erkennbar nicht. Stattdessen versickert allzu oft der Impetus für Kritik und damit gesellschaftspolitische Verbesserung in einer diffusen Haltung der Harmonie und Affirmation. Hauptsache handgemacht: In den Eröffnungstagen saß beim Beitrag des progressiven Netzwerks Blaxtarlines Kumasi aus Ghana ein Künstler recht demonstrativ an einem Webstuhl.

Politische Dimensionen und starke Botschaften

Welch enorme Kraft die Kunst einer Black Identity aber tatsächlich entfalten kann, zeigen in Venedig ausgerechnet die Ausstellungen westlicher Luxusunternehmen. Im Palazzo Grassi des Sammlers François Pinault (Christie’s, Gucci, Yves Saint Laurent) kann man Bilder von Michael Armitage bewundern, in denen der britisch-kenianische Maler so ziemlich jedes brisante Thema aufgreift: sinkende Flüchtlingsboote im Mittelmeer, Polizeigewalt in Kenia, die Verfolgung schwuler Männer in Uganda oder die Misshandlung einer jungen afrikanischen Frau durch einen Mob wegen ihres Minirocks. Armitages Schau geht zu Herzen und an die Nieren. Ebenso furios gerät der Auftritt des US-Künstlers Arthur Jafa, der in der Fondazione Prada im Dialog mit Richard Prince ausstellt. Jafas Videocollagen aus Fernsehnachrichtenschnipseln, in denen im Minutentakt schwarze Menschen von weißen Cops verprügelt oder niedergeschossen werden, aber eben auch die Resilienz schwarzer Amerikaner in der Religion und der Popkultur gefeiert wird, gehören zu Recht zum Kanon der Kunst des 21. Jahrhunderts. Auch in der Wiederholung ziehen Jafas Werke so in den Bann, dass man glatt die prunkvolle Palastausstattung der Ca’ Corner della Regina drum herum vergisst. Das kann einem im Museo di Palazzo Grimani nicht passieren, wo ziemlich konventionelle Porträtbilder des ghanaischen Malers Amoako Boafo in einer festlichen Schau hängen, die verdächtig nach Messekoje aussieht. Doch in der Marktgängigkeit liegt auch die Chance, dass die westliche Sammlerschaft ihre Kollektionen diversifiziert.

In dem prunkvollen Ambiente der Fondazione Prada zeigt Arthur Jafa politische Kunstwerke wie „Viriconium“ (2026).
In dem prunkvollen Ambiente der Fondazione Prada zeigt Arthur Jafa politische Kunstwerke wie „Viriconium“ (2026). © Andrea Rosetti/Courtesy Fondazione Prada

Patrizia Sandretto Re Rebaudengo hat den Schritt schon gemacht: In ihrem neuen Privatmuseum sieht man Bilder von Michael Armitage, von der ghanaisch-britischen Malerin Lynette Yiadom-Boakye oder vom brasilianischen Maler Antonio Obá gleichberechtigt neben Werken lang etablierter europäischer Marktlieblinge wie Albert Oehlen oder Maurizio Cattelan. Die Turiner Sammlerin hat sich zusammen mit ihrem Mann tatsächlich eine eigene Insel in der Lagune gekauft, die sie zu einem Kunstzentrum mit Residenzprogramm ausbaut. Wenn ihr Plan aufgeht und die Vaporetto-Linie 12 von Murano erweitert wird, kann die Isola di San Giacomo zum neuen Anziehungspunkt für Kulturtouristen werden. Bei der Voreröffnung war das Gedrängel der Wassertaxis an der einzigen Anlegestelle jedenfalls noch wilder als der Publikumsansturm in den Giardini vor dem österreichischen Pavillon.

An den Länderpavillons bemisst sich ja traditionell die Temperatur einer Biennale, die man in diesem Jahr nur als aufgeheizt bezeichnen kann. Am Coolsten wirkt noch Florentina Holzinger, deren Auftritt für Österreich überraschend clean geraten ist. Der Pavillon ist zwar geflutet, aber die Fäkalien bleiben geruchssicher hinter Glas, und das Publikumsurin aus zwei im Garten aufgestellten Dixi-Klos, das angeblich den Wassertank speist, in dem eine ihrer nackten Performerinnen mit Tauchermaske sitzt, wird vorher gereinigt. Holzinger schwingt, ebenso unbekleidet, als menschlicher Klöppel in einer Glocke. Im Pavillon selbst fährt eine Performerin auf einem Jetski im Kreis und produziert große Wellen. Das ist eine wunderschöne Dekonstruktion doofer Macho-PS-Gesten.

Ein Blick in den Österreichischen Pavillon. Man sieht den Rücken einer nackten Frau
Florentina Holzingers Performance-Werk in Österreichs Beitrag. © Andrea Avezzù/ Courtesy La Biennale di Venezia/ Florentina Holzinger/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Aufregungen ereignen sich also anderswo: Russlands Zulassung bei der Biennale wurde schon im Vorfeld als Provokation erachtet, die EU kündigte an, deswegen Fördergelder zu streichen. Dankenswerterweise demonstrierten die mutigen Performerinnen von Pussy Riot neben ukrainischen Femen vor dem Pavillon von Putins Gnaden. Dass die Biennale-Jury neben Russland auch Israel vom Wettbewerb um den Goldenen Löwen ausschließen wollte, führte zu einem weiteren Eklat – und zum Rücktritt der Jury. Der Beitrag des rumänisch-israelischen Künstlers Belu-Simion Fainaru ist eine ziemlich abstrakte Rauminstallation mit schwarzer Flüssigkeit, angelehnt an eine Zeile aus Paul Celans Gedicht „Todesfuge“. Dass trotz dieses eher unverfänglichen Inhalts andere Kunstschaffende und Kuratoren der Biennale zum Boykott des Pavillons aufriefen, zeigt, wie weltpolitische Ereignisse die Biennale als Institution zunehmend in Bedrängnis bringen.

Zugleich wenden sich nicht wenige Länderpavillons von der komplizierten globalen Gemengelage ab und konzentrieren sich lieber auf den eigenen touristischen Markenkern: Der Oman hat Wüstensand mitgebracht und hängt Spiegelscherben über die aufgeschüttete Dünenlandschaft. China präsentiert einen Kalligrafie-Roboter, der mit einem Pinsel schwungvolle Schriftzeichen malt. Und Georgien sucht seine Identität im antiken Mythos: Das kleine Land wirbt mit einer Ausstellung zu den Argonauten und dem Goldenen Vlies. Interessanter erscheint da der Pavillon von Aserbaidschan – denn der Künstler Faig Ahmed löst in handgeknüpften Teppichen traditionelle Muster in abstrakte Farbstrudel auf. Beeindruckend sind das Werk und die Haltung des griechischen Künstlers Andreas Angelidakis, der in seinem Beitrag „Escape Room“ Stoffsäulen, die recht phallisch wirken, mit Neonlichtern, campen Hits von Frankie goes to Hollywood und Verweisen auf die Anti-AIDS-Bewegung kombiniert. Angelidakis bezeichnet das als „Verqueerung“ der repräsentativen Pavillonarchitektur.

„Escape Room“ von Andreas Angelidakis im Griechischen Pavillon.
„Escape Room“ von Andreas Angelidakis im Griechischen Pavillon. © Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

Deutscher Pavillon bietet ostdeutsche Perspektive

Der deutsche Beitrag war schon im Vorfeld mit hohen Erwartungen bedacht und löst diese ein. Sung Tieu hat die Fassade des Pavillons mit drei Millionen Mosaiksteinchen in das Trugbild jenes Berliner Plattenbaus verwandelt, in dem die Künstlerin als Tochter vietnamesischer Vertragsarbeiter aufwuchs. Heute steht dieser Wohnblock leer, eine Ruine der Gegenwart. Im Inneren des Pavillons decodiert dann die im Frühjahr überraschend verstorbene Künstlerin Henrike Naumann mit einer Installation aus folkloristischen Dekorationsobjekten als „Hieroglyphen“ die autoritären und identitären Denkströmungen in Teilen der deutschen Gesellschaft. Ob Kerzenleuchter oder Milchkanne – kein Objekt ist unschuldig bei Naumann. An einer Seite des Saals sind in einem Relief-Arrangement mit Metallmobiliar des Neuen deutschen Designs die Möbel absichtsvoll schräg und verkürzt dargestellt, um den Eindruck eines zweidimensionalen Wandbilds zu erwecken. Die Traumwohnlandschaften der Nachwendejahre erscheinen wie durch einen Zerrspiegel betrachtet. Mit den Mitteln der Kunst analysiert der gesamte Pavillon aus einer dezidiert ostdeutschen Perspektive die drängenden gesellschaftlichen Fragen der letzten dreieinhalb Jahrzehnte. An diesem Ort könnte man Stunden in lohnender Reflexion verweilen.

Plattenbau statt Pracht: Sung Tieus großes Mosaik-Trugbild an der Fassade des Deutschen Pavillons.
Plattenbau statt Pracht: Sung Tieus großes Mosaik-Trugbild an der Fassade des Deutschen Pavillons. © Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale die Venezia

Wer jedoch angesichts der Reizüberflutung auf der Biennale eine allmähliche und verständliche Ermattung verspürt, sollte als letzte Station den Pavillon des Vatikans aufsuchen. Er befindet sich versteckt neben dem venezianischen Bahnhof hinter den hohen Mauern eines geheimen Gartens, der zu einem Barfüßerkloster gehört. Dort haben die Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers einen Sound-Parcours im Geiste Hildegard von Bingens geschaffen, den man beim Promenieren über Funkkopfhörer erleben kann. In dieser grünen Oase lauscht man nun Musik von Meredith Monk oder Holly Herndon & Mat Dryhurst, hört – unter Obstbäumen sitzend – Gedichtvorträgen zu, erschnuppert dabei den Geruch von Blumen und Kräutern. Für eine Dreiviertelstunde versinkt man in diesem atmosphärischen Gesamtkunstwerk, das eine entspannende, ja vielleicht auch heilende Wirkung entfaltet. Jedoch nicht, weil die präsentierten Arbeiten magische Kräfte hätten. Sondern weil sie das sind, was sie immer sein sollten: gut gemachte, überzeugend inszenierte Kunst.

Service

INFOS ZUR BIENNALE

Die 61. Biennale von Venedig und die anderen erwähnten Schauen laufen bis 22. November. Nur die Isola di San Giacomo ist noch nicht eröffnet

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