Wolfgang Hollegha war ein Pionier der Abstraktion in Österreich. Auf den Ruhm in New York verzichtete er, um in Ruhe am Rechberg zu malen. Jetzt wird er in Wiesbaden wiederentdeckt
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20.03.2026
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Erschienen in
Weltkunst Nr. 253
Im richtigen Wald vervollkommnete er in den nächsten Jahrzehnten seine künstlerische Methode. In der Reduktion fand er den Humus für seine Kreativität. Wie bei einem Bauern lag seinen Bildern eine akribische, an den Lauf der Jahreszeiten angepasste Arbeitsweise zugrunde. Am Anfang stand das Sehen: Unscheinbare Alltagsobjekte wie ein Holzscheit, eine Mütze, ein Korb, eine Puppe seiner Tochter, ein geschenktes Karussellpferd gerieten in sein Blickfeld und wurden zum Motiv. Er studierte sie intensiv, aber nicht, um sie mimetisch zu erfassen, sondern um ihrer inneren Wahrheit auf die Spur zu kommen. Licht, Farbe und Form waren es, die ihn interessierten, etwa die Frage, wie sich ein Objekt verändert, wenn es überraschend von Sonnenstrahlen erfasst wird oder sich im Schatten der Dämmerung aufzulösen beginnt. Dieses Wurzeln im Gegenständlichen war Hollegha wichtig, auch wenn er seine Motive danach immer weiter in Richtung Abstraktion trieb: „Wenn ich das Sichtbare als Ausgangspunkt nicht hätte, wäre das, was ich mache, ein rein willkürliches Geschmiere“, resümierte er später. „Ich brauche das Sichtbare als Ausgangspunkt, um es zu verändern.“
Der nächste Schritt war dann die Anverwandlung mithilfe der Zeichnung, oft gingen einem Gemälde mehrere Skizzen voraus. Die Motive wanderten mit ins Atelier, wo sie wie Bühnenrequisiten häufig jahrelang auf ihren Einsatz warteten. Für seine Zeichnungen bearbeitete Hollegha mit dicken Stiften große Blattformate, jetzt sind nur noch angedeutete Proportionen und expressiv ausgeführte Linien zu sehen, teilweise mit solcher Vehemenz, dass Rissspuren im Papier zurückblieben. Eine energetische Verdichtung wird auf diesen Blättern spürbar, die beim Künstler einherging mit einer Einverleibung des Motivs. Erst wenn dieses „physisch“ geworden war, konnte die Schaffung des eigentlichen Bildes beginnen, dessen aufwendige weiße Grundierung bereits vorher abgeschlossen war.
An nur einem einzigen Tag entluden sich schließlich die in der Zeichnung eingeübten Bewegungsabläufe und vollendeten damit den Abschied von allen gegenständlichen Bezügen. Holleghas „Staffelei“ war eine große hölzerne Unterlage, auf der er sich im Liegen und mit einer schwenkbaren Schlittenkonstruktion bewegte. Die in Schalen vorbereiteten Farben waren so stark verdünnt, als wollte er mit ihnen Aquarelle tupfen. Aus geringer Distanz schüttete er sie in dynamischen Schwüngen auf die Leinwand, angetrieben von Bachs himmlischen Klängen in Konzertlautstärke. Alles ist musikalisch untermalte Bewegung, frei fließende Materie, in die nur selten eingegriffen wurde. Was da in Gänze entstand, konnte der Maler nicht sehen, dafür musste er auf eine eigens errichtete Empore zehn Meter über dem Boden klettern. Über Stunden zog sich dieser Malprozess hin, der nur in den lichtstarken Sommermonaten möglich war und bei dem niemand den Künstler stören durfte.
In rund sechs Jahrzehnten entstehen so an die 600 Bilder, eine für einen Künstler seines Kalibers vergleichsweise geringe Zahl. Sie tragen Titel wie „Knoten“, „Holzstück III“ oder „Blaue Mütze“ und finden ihre Liebhaber vor allem in Österreich, wo Wolfgang Hollegha auch als Professor an der Wiener Kunstakademie beschäftigt ist. Aber international, ja selbst in Deutschland kennen ihn nur wenige Eingeweihte – das ist der Preis des selbst gewählten Exils am östlichsten Rand der westlichen Kunsthemisphäre. Ändern möchte das nun das Museum Reinhard Ernst, das ab Mitte März Wolfgang Hollegha mit der großen Retrospektive „Denk nicht, schau!“ vorstellt. Es ist nicht nur die lange überfällige Deutschlandpremiere dieses bedeutenden Malers, sondern auch eine Wiederbegegnung mit seinen New Yorker Weggefährten. Dank seines Stifters Reinhard Ernst verfügt das neue Wiesbadener Museum, das sich ausschließlich auf abstrakte Kunst nach 1945 konzentriert, über einen hochkarätigen Bestand an Gemälden etwa von Friedel Dzubas, Helen Frankenthaler, Morris Louis oder Kenneth Noland. In diesem Umfeld kann sich das Werk Holleghas bestens behaupten – mit seinen mitreißend schönen, aus Radikalität und Reduktion geborenen Farbkompositionen.
„Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!“
Museum Reinhard Ernst, Wiesbaden
bis 25. Oktober 2026
Der Katalog zur Ausstellung ist im Wienand Verlag erschienen.