Interview mit Albert Scopin

„Die Menschen im Chelsea Hotel lebten in ihrer eigenen Welt“

Anfang der Siebzigerjahre porträtierte der deutsche Künstler Albert Scopin das Leben im New Yorker Chelsea Hotel. Wir sprachen mit ihm über die junge Patti Smith, erotische Arbeiten von Robert Mapplethorpe und einen Prinzen in Unterwäsche

Von Clara Zimmermann
18.03.2026

Viele Jahrzehnte lang war das 1884 errichtete Chelsea Hotel in New York Heimat und Zufluchtsort für Freigeister und kreative Köpfe. Manche blieben nur ein paar Tage, andere lebten über mehrere Jahre in dem im zwölfstöckigen roten Gebäude nahe des Madison Square Parks. Einer von ihnen war der 1943 in Freiburg im Breisgau geborene Fotograf Albert Schöpflin, der heute unter seinem Künstlernamen Alfred Scopin bekannt ist, und damals als Assistent für den amerikanischen Modefotografen Bill King arbeitete. Von 1969 bis 1971 dokumentierte er mit seiner Kodak Instamatic Kamera das unkonventionelle Leben im Chelsea Hotel. 

Im Jahr 1972 veröffentlichte das neugegründete ZEIT Magazin eine Reportage über das legendäre Hotel – bebildert mit den Fotos von Alfred Scopin. Doch diese kamen nie zurück zu ihrem Schöpfer und auch im Archiv des Magazins konnte man sie später nicht mehr finden. Erst 2016 tauchte das Konvolut in einer Galerie wieder auf. Zu dieser Zeit hatte Scopin schon lange die Kamera beiseite gelegt und sich als freier Künstler zunächst in die Malerei vertieft. Später entdeckte er Asphalt als Material. Anfang März erschien im Kerber Verlag eine Publikation mit seinen Fotos aus dem legendären Chelsea Hotel, die nun auch in der Galerie Feldbusch Wiesner Rudolph in Berlin zu sehen sind. Dort trafen wir Albert Scopin kurz vor der Eröffnung und sprachen über seine Erlebnisse in New York.

Albert Scopin
Der Künstler Albert Scopin. © Albert Scopin

Herr Scopin, Sie haben in den Sechzigerjahren ihr Studium der Betriebswirtschaft abgebrochen, um eine Ausbildung zum Fotografen zu machen. Was hat Sie an dem Medium damals so fasziniert?

Ich wollte ursprünglich Grafikdesign studieren, aber das war damals nicht möglich. Also habe ich mich für Betriebswirtschaft entschieden und in einem großen Unternehmen in der Werbeabteilung gearbeitet. Dort sah ich, was Fotografen verdienen, und dachte: Das kann ich auch – davon kann ich leben. Michelangelo Antonionis Film „Blow Up“, der zu dieser Zeit lief, machte Fotografie zusätzlich zu einem zentralen Thema – auch für mein eigenes Leben. So kam ich, angeregt durch verschiedene Impulse, zur Fotografie.

Warum sind Sie dann nach New York gegangen? Warum nicht nach London oder Paris?

Paris war zu der Zeit nicht angesagt. London wäre schon angesagt gewesen, aber das war mir zu nah. (lacht) Es musste New York sein!

Wann wussten Sie, dass die Fotos, die Sie im Chelsea Hotel machten, eine Serie sind und nicht nur einzelne Bilder?

Ich habe nach und nach immer mehr Menschen im Chelsea Hotel kennengelernt, häufig im Lift, und bekam auch Einblicke in ihre zum Teil sehr ungewöhnlichen Zimmer. Diese Menschen und ihre Zimmer: Das war einfach toll für mich als Fotograf, ich konnte es gar nicht glauben. Zum Beispiel gab es da den Musiker George Kleinsinger, der in seinem Apartment Vögel, Schlangen und Echsen hielt. Unglaublich!

Foto von Albert Scopin aus dem Chelsea Hotel
George Kleinsinger mit einem Leguan. © Foto: Albert Scopin Schöpflin

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, wen Sie fotografieren?

Es gab keine Kriterien. Ich habe alle fotografiert, die mich fasziniert haben. Davor habe ich immer sehr intensiv mit den Leuten gesprochen. Mein Anliegen war – und das spiegelt sich auch bei der Kunst von Andy Warhol wider –, nicht das Äußere zu fotografieren, sondern das Innere sichtbar zu machen.

In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie am liebsten ohne Kamera fotografiert hätten. Wie meinen Sie das?

Ja, das wäre mein Wunsch gewesen! Im Gegensatz zu heute war es wirklich mühselig, ein Foto zu machen: Man musste von Hand scharfstellen, die Belichtung treffen und so weiter.

Foto von Albert Scopin aus dem Chelsea Hotel
Ein als Clown geschminktes Mädchen vor dem Eingang des Chelsea Hotel. © Foto: Albert Scopin Schöpflin

Welche Rolle spielen Inszenierung und Zufall in diesen Bildern?

Auch wenn die meisten meiner Fotografien aus dem Chelsea Hotel nicht einfach nebenbei entstanden sind, spielt der Zufall immer eine große Rolle. Normalerweise sagt der Verstand, wenn etwas Zufälliges passiert: Das ist nicht richtig. Aber den Zufall ernst zu nehmen – in allen Lebenslagen –, das ist eine ganz wichtige Sache!

Im Jahr 2016 tauchte Ihr verloren geglaubtes Material aus dieser Zeit in der Göttinger Galerie Ahlers wieder auf: Wie war es, die Negative, Abzüge und Dias nach so vielen Jahren erneut anzuschauen?

Ich habe mich natürlich sehr gefreut, sie nach all den Jahren wiederzusehen. Mit den Bildern ist alles von damals wieder lebendig geworden. Ich wollte mit diesem Material dann auch etwas machen und ich fing an, an dem Buch zu arbeiten, das jetzt herausgekommen ist. Während dieser Phase kam plötzlich ganz viel zurück und es fiel mir leicht, mich an die Geschichten zu den einzelnen Personen zu erinnern.

Foto von Albert Scopin
Lola war die Zimmernachbarin von Alfred Scopin im Chelsea Hotel. © Foto: Albert Scopin Schöpflin

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