Wolfgang Hollegha in Wiesbaden

Wenn sich in der Einsamkeit der Blick weitet

Wolfgang Hollegha war ein Pionier der Abstraktion in Österreich. Auf den Ruhm in New York verzichtete er, um in Ruhe am Rechberg zu malen. Jetzt wird er in Wiesbaden wiederentdeckt

Von Matthias Ehlert
20.03.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 253

Das Bild ist riesig, fast vier Meter hoch. Ein Tanz der Farben, dessen Rhythmus man sich schwer entziehen kann. Bunt wie ein Korallenriff, dynamisch wie das Gewimmel von Pantoffeltierchen unterm Mikroskop. Je näher man an das Gemälde herantritt, desto stärker wird seine Sogwirkung. Kein dominanter Pinselstrich weit und breit, keine geometrischen Formen, dafür koloristische Überlagerungen, transparente Rinnsale, zarte Ausfransungen, Spritzer, Tropfen. Eine ihren eigenen Regeln folgende Farbchoreografie auf leuchtend weißer Leinwand, eine Ursuppe des Sehens.

Geschaffen hat das monumentale Werk der 2023 verstorbene österreichische Maler Wolfgang Hollegha. Es steht in seinem Atelier auf dem Rechberg im Grazer Bergland, mitten in der Natur, abgeschieden zwischen Nadelwäldern und weiten Wiesen. Alles hier sprengt die üblichen Dimensionen. 15 Meter hoch ragen die massiven Holzbalken des frei stehenden Gebäudes, das Licht fällt durch eine gigantische Wand aus Sprossenfenstern. Der Malort eines Riesen, der jeden Augenblick zur Tür hereinstapfen könnte. Auf einem langen, farbgesprenkelten Tisch reihen sich seine Malutensilien, Schalen, Pinsel, Farbtuben, an die Wände sind großformatige Zeichnungen gepinnt. Selbst der CD-Player, der den Künstler in die finale schöpferische Stimmung versetzte, verharrt an seinem angestammten Platz.

Hier malte Wolfgang Hollegha in den Sommermonaten, wenn seine abstrakten Bilder in ihm zur Reife gelangt waren, hier fuhr er seine künstlerische Ernte ein. Wobei Malen den Vorgang nicht ganz präzise beschreibt. Auch Gießen trifft es nicht, obwohl es der eigentlichen Tätigkeit schon näher kommt. Bereits früh, in den 1950er-Jahren, als junger Absolvent der Akademie der bildenden Künste in Wien, hatte Hollegha damit begonnen, mit Terpentin stark verdünnte Ölfarbe auf liegende Leinwände zu schütten. Kontrolliert, beobachtend, gelegentlich vorsichtig nachwischend. Diese Technik der Schüttbilder perfektionierte er in den Folgejahren immer mehr und entwickelte ein strenges System von Regeln darum herum. Ein Action Painter war er aber nicht, auch wenn er an die Grenzen des physisch Möglichen ging. Statt äußerer Entgrenzung strebte er innere Konzentration an, einen Zustand vollkommener Versunkenheit und Reduktion beim Schaffen seiner Bilder.

In das Refugium am Rechberg, ein einfaches Gehöft aus dem 17. Jahrhundert, das später um zwei Ateliers und ein Depot erweitert wurde, war Wolfgang Hollegha 1961 mit seiner Frau Edda gezogen. Hier blieb er bis zu seinem Tod mit 94 Jahren, hier wuchsen seine Tochter und sein Sohn auf. Der Schritt in die selbst gewählte Abgeschiedenheit erlangt im Nachhinein besondere Bedeutung, war doch Hollegha damals drauf und dran, eine fulminante internationale Karriere zu starten. In der Wiener Kunstszene der Fünfzigerjahre gehörte er – neben Josef Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer – zu der kleinen Gruppe von Malern um Monsignore Otto Mauer in der Galerie nächst St. Stephan, die die Moderne nach dem Krieg wieder in Österreich heimisch machten. Seine abstrakten Bilder erregten die Aufmerksamkeit von Clement Greenberg, dem damals einflussreichsten amerikanischen Kunstkritiker. Nach einer Europareise lud Greenberg ihn nach New York ein, wo er 1959 in einer Gruppenausstellung in der Galerie French & Co. mit Künstlern wie Morris Louis und Kenneth Noland gezeigt wurde. Sie bildeten die Speerspitze der zweiten Generation des abstrakten Expressionismus, die später unter dem Begriff „Color Field Painting“ berühmt wurde. Ein Jahr später erhielt Hollegha sogar eine Einzelausstellung in derselben Galerie und wurde mit dem renommierten Carnegie-Preis in Pittsburgh ausgezeichnet. Wichtige Kunstmagazine besprachen nun seine Arbeiten, selbst die New York Times widmete ihm eine Kritik.

Wolfgang Hollegha
Wolfgang Hollegha, „Ohne Titel / Untitled“, 1974. © Nachlass Wolfgang Hollegha / Hollegha Estate Foto / Photo: N. Lackner / UMJ

Der Weg war also geebnet für möglichen Ruhm und Reichtum, doch Wolfgang Hollegha verweigerte sich, wählte den Rückzug. In einem Gespräch gegen Ende seines Lebens erinnert er sich an den damaligen Entschluss. „Als ich von New York zurückgekommen bin, war ich irgendwie ausgelaugt, habe dann ein besonders schlechtes Bild gemalt, und dann habe ich mir gedacht: New York war irgendwie eine Wildnis, ein Urwald, das hat mir gefallen, aber man verbraucht sich. Und dann ist meine Mutter gestorben, es gab die Möglichkeit, das Haus zu kaufen, und ich habe mir gedacht: Da gehe ich jetzt lieber in den richtigen Wald.“

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