Bild des Tages

Der Junge von den Bahamas

Der Maler Winslow Homer setzte sich mit den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Europa und den karibischen Inseln auseinander. Im Jahr 1885 schuf er das Aquarell „A Garden in Nassau“ – eine Anspielung auf die Geschichte der Sklaverei

 

Von Simone Sondermann
23.11.2022
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 203

Als Christoph Kolumbus westwärts nach Indien aufbrach, landete er auf einer Insel, die er San Salvador nannte, Heiliger Erlöser. Den Menschen, die dort lebten, ist das nicht gut bekommen. Sie wurden versklavt und auf eine große Nachbarinsel verschleppt, wo sie in Minen arbeiten mussten und an Mühsal und Krankheiten starben. An der nun menschenleeren Inselgruppe rund um San Salvador, von Kolumbus Baja Mar, flaches Meer, genannt, fand dann lange Jahre außer ein paar Piraten niemand so rechten Geschmack. Erst als im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg diejenigen, die nicht unabhängig werden wollten, auf die heutigen Bahamas flohen, wurde es dort wieder voller. Denn die Loyalisten, die Fans des alten Europa, brachten ihre afrikanischstämmigen Sklaven mit. Und als die Sklaverei auf den Bahamas zu Beginn des 19. Jahrhunderts verboten wurde, blieben viele der ehemaligen Sklaven dort, wo sollten sie sonst auch hin. Das Kind auf dem Aquarell von Winslow Homer, das zu einem großen Anwesen schaut, wird ein Nachfahr dieser Sklaven sein. Der Maler Winslow Homer, der in Boston geboren wurde, schuf das Aquarell „A Garden in Nassau“ im Jahr 1885, da hatte er sich schon mit hochdramatischen Bildern von Seenotrettungen und als Chronist des amerikanischen Bürgerkriegs einen Namen gemacht. Doch manchmal reichen ein kleines Kind und ein verschlossenes Tor zu einem üppigen tropischen Garten, um Weltgeschichte zu erzählen.

Übrigens: Die National Gallery in London zeigt noch bis zum 8. Januar die Ausstellung „Winslow Homer: Force of Nature“, darunter auch das Aquarell „A Garden in Nassau“ aus dem Jahr 1885.

Zur Startseite