Kunst- und Antiquitätenwochen

Kunstfestspiele in Bamberg

Seine schönsten Stücke hält der Bamberger Antiquitätenhandel für die Sommerwochen zurück. Zu Besuch in einer Stadt, die ihre Geschichte lebendig hält

Von Sebastian Preuss
18.07.2022
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 202

Der Bamberger Sommer ist normalerweise heiß und sonnig. Sitzt man im Eiscafé Bassanese an der Brücke zum Rathaus, kommt zwischen all den Barockbauten unweigerlich italienische Stimmung auf. Und auch beim Besuch der Kunst- und Antiquitätenwochen ist das südliche Wetter traditioneller Bestandteil. Erwischt man aber tatsächlich einmal einen der raren Tage, an denen es regnet und stürmt und sich schwarze Wolken auftürmen, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild der sonst so heiteren Stadt. Plötzlich fühlt man sich in den Gassen oder auf dem Michaelsberg mit Blick auf den Dom in eine der schauerromantischen Geschichten von E. T. A. Hoffmann versetzt. Vor 200 Jahren starb der Schriftsteller in Berlin, doch das Jubiläum wird auch in Bamberg zelebriert, wo Hoffmann einige Jahre lebte. Er fühlte sich in der Stadt nicht sonderlich wohl, aber wenn er nachts durch die Straßen lief, fand er Motive und Stimmungen, die ihn in seiner düsteren Fantasie inspirierten.

Bamberg Altenburg
Wer sich in Bamberg auf die Spuren von E. T. A. Hoffmann begibt, wird die Altenburg nicht versäumen. Hier lebte der Schriftsteller einige Zeit in einer Turmklause, bemalte die Wände und fand Anregungen für seine Gruselgeschichten. Der Steinlöwe bewacht die Burgmauer. © Foto: Wolfgang Stahr

Die Romantiker waren empfänglich für die Vergangenheit, die sie in den Gemäuern der alten Städte erblickten und erträumten. Mehr noch als in Rothenburg ob der Tauber, der touristischen Konkurrenz in Franken, ist Geschichte hier allgegenwärtig und in unzerstörten Zeugnissen erhalten. Die Stadt hegt und pflegt sie, ist stolz auf sie und lebt mit ihr. Das beginnt schon mit der Lage, die alle verinnerlicht haben. Denn Bamberg wurde wie Rom auf sieben Hügeln erbaut. Kaiser Heinrich II., der 1007 das Bistum und den ersten frühromanischen, damals schon gewaltigen und aus Grabungen recht gut erschließbaren Kathedralbau begründete, ließ auf den Anhöhen um den Domberg Stifte und Klöster errichten, wobei ihm offensichtlich ein fränkisches Pendant zur Ewigen Stadt vorschwebte. Das Mittelalter ist in der urbanen Struktur und in Kirchen bis heute präsent. Vor allem natürlich mit dem Dom, der in seiner heutigen Gestalt beim großen Umbau im frühen 13. Jahrhundert entstand, als sich die schweren Mauermassen und Gewölbesysteme der Romanik mit den damals modernsten Elementen der französischen Gotik mischten. Die Kathedrale thront über der Stadt und strahlt weit ins Umland hinaus. Sie zu besuchen, die Architektur und die Skulpturen darin zu bestaunen und natürlich den rätselhaften Bamberger Reiter, dessen Deutung die Kunstwissenschaft über Generationen beschäftigt hat, das sollte niemand bei einem Aufenthalt in der Stadt versäumen.

In seiner heutigen Erscheinung ist Bamberg aber vor allem eine Barockstadt. Im 17. und 18. Jahrhundert ließen nicht nur die Fürstbischöfe, sondern auch die adeligen und bürgerlichen Magnaten überall prachtvolle römisch, böhmisch oder wienerisch inspirierte Bauten errichten. Von Kriegszerstörungen verschont, hat sich in der Altstadt ein einzigartiges Ensemble erhalten, das seit 1993 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Die Aufwertung hat viel ausgelöst, das politische und bürgerliche Bewusstsein für diesen Schatz geschärft. Zahlreiche Gebäude wurden fachgerecht saniert, zugleich entwickelte sich Bamberg immer mehr zum Ziel für Reisende, die sich für Geschichte und Kultur begeistern. Ein sorgsamer Umgang mit der Geschichte belebt eben auch die Wirtschaft.

Bamberg Altstadt
In der historischen Innenstadt von Bamberg gibt es für Sammlerinnen und Sammler während der Antiquitätenwochen eine reiche Auswahl. © Foto: Wolfgang Stahr

Der Kunsthandel, der inmitten der Altstadt seine Schätze ausbreitet, hat einen gewichtigen Anteil an dieser Entwicklung. Bei Christian Eduard Franke-Landwers, der Familie Senger oder Matthias Wenzel tun sich wahre Wunderkammern auf – gefüllt mit gotischen Skulpturen, Goldschmiedekunst der Renaissance, Fayencen und Meissener Porzellan, Barockmöbeln, Gemälden vom Cranach-Porträt bis zur Landschaft des 19. Jahrhunderts, vergoldeten Bronzen des Klassizismus, modernem Design und mehr. Auch in den Ladenlokalen von Schmidt-Felderhoff und Hauptmann lassen sich außergewöhnliche historische Möbel und andere Sammlerstücke finden, während das Auktionshaus Schlosser bei seinen Versteigerungen immer wieder ein breites Angebot aus allen Gattungen und Epochen auffährt. Ausführlich stöbern lässt sich im Antiquariat Lorang, das vom Standardwerk zum Schnäppchenpreis bis zur bibliophilen Kostbarkeit alles zu bieten hat. Nicht zu vergessen die Expertin Julia Heiss, die auf dänisches Silber spezialisiert ist, sowie seit einiger Zeit die Galerie AOA;87, wo Gegenwartskunst das Angebot aus den klassischen Sparten ergänzt.

Bamberg St. Michael
Von der Terrasse des ehemaligen Benediktinerklosters St. Michael eröffnet sich ein Panoramablick über die Stadt, die Türme des Doms und die Hügel der Fränkischen Schweiz, auch bei düsterem Wetter ein eindrucksvolles Erlebnis. © Foto: Wolfgang Stahr

Seit 1996 laden Händlerinnen und Händler im Sommer zu den Kunst- und Antiquitätenwochen ein. Dass parallel in Bayreuth die Wagner-Festspiele stattfinden, ist kein Zufall. Doch längst reisen viele Kunstfreudige auch nur nach Bamberg, weil sie die familiäre Atmosphäre in den Galerien und überhaupt den Aufenthalt in der Barockstadt schätzen. Ob man sich nun zwanglos einer Reise durch die Geschichte hingibt, einfach nur flaniert oder gezielt die kunsthistorischen Kleinode studiert: Überall ist etwas zu entdecken. Eine neue Errungenschaft präsentiert sich in der gotischen Kirche St. Elisabeth, die Markus Lüpertz jetzt vollständig mit Bildfenstern ausgestattet hat. Nicht nur die Augenlust, sondern alle Sinne werden in Bamberg bedient. Geselligkeit ist wichtig, und in den Gasthäusern und Gartenlokalen kann man sich mit Rauchbier wie fränkischer Küche vertraut machen. Herrlich sind Spaziergänge an der Regnitz, im Hainbad lädt sie sogar zum Schwimmen ein. Und schlendert man abends durch die engen Gassen, wenn die Schaufenster des Kunsthandels und seine Schätze darin aufleuchten, drängen schon wieder E. T. A. Hoffmanns Visionen hervor. Manches erscheint tatsächlich traumhaft in dieser Stadt, doch sie ist eben ganz real und lässt alle, die kommen, an ihren großen und kleinen Wundern teilhaben.

Service

Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen

22. Juli bis bis 22. August 2022

Die Galerien sind täglich geöffnet.

bamberger-antiquitaeten.de

 

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