Tom Woods 101 Pictures

Bilderbuch des Abstiegs

Ein unglamouröser Badeort in der Nähe von Liverpool war zwischen 1978 und 2003 die Heimat des irischen Fotografen Tom Wood. Sein neuer Bildband „101 Pictures“ zeigt eine Auswahl seiner besten Motive – die den Brexit bereits vorausahnen lassen

Von Tim Ackermann
17.12.2020

In diesen Tagen erinnert die neueste Staffel der britischen Fernsehserie „The Crown“ mit der großartigen Schauspielerin Gillian Anderson in der Rolle von Margaret Thatcher noch einmal daran, wie radikal jene konservative Premierministerin in den Achtzigerjahren ihr Land umkrempelte: Die Tochter eines kleinbürgerlichen Ladenbesitzers aus Lincolnshire erhob die freie Marktwirtschaft zum Idealprinzip, das alle Gesellschaftsbereiche dominierte und führte einen ökonomischen Deregulierungs-Feldzug gegen die weniger privilegierten Schichten. Mit dem Thatcherismus hatten ab 1979 die abhängig und prekär beschäftigten Menschen ein System gegen sich, das sie immer weiter verlieren ließ.

Tom Wood, „Finding a Pair (color fim)“, 1990. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Tom Wood, „Finding a Pair (color fim)“, 1990. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ein Jahr zuvor, 1978, war Tom Wood nach New Brighton gezogen. Über mehrere Dekaden fotografierte der Ire das Leben in dem Badeort an der Mündung des Merseys und den Alltag in den Straßen von Liverpool auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Unzählige Aufnahmen hat Wood gemacht. Sein im September bei RRB Photobooks erschienener Bildband mit dem Titel „101 Pictures“ versammelt nur eine kleine Auswahl, die der Fotografenkollegen Martin Parr ausgesucht hat. All diesen Fotografien ist gemein, dass die Menschen zeigen, die vom Thatcherismus herzlich wenig Gutes zu erwarten hatten.

Tom Wood, „King Street (tear stained), Wallasey“, 1978. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Tom Wood, „King Street (tear stained), Wallasey“, 1978. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Aus heutiger Sicht erscheint uns daher das New Brighton der Achtzigerjahre wie ein Bilderbuchengland des gesellschaftlichen Niedergangs. Doch als Tom Wood dort wohnte, hatte der Wandel zur Dauermisere gerade erst begonnen.

Haarspray gegen die Härte des Lebens

Offensichtlich interessierte den Fotografen die Widerstandsfähigkeit der Menschen angesichts ihres Schicksals: Heroisch stemmen sich seine Protagonisten gegen die Härte des Lebens – und zu diesem Heldendasein gehört es eben auch, dass man am Wochenende die Haare hochtoupiert und in der Disco zu „Dancing in the Street“ die Sau rausläßt („,Anyone got any hairspray?‘“, 1983). Auch die Ladies, die auf dem Straßenmarkt in Liverpool den Haufen preiswerter Schuhe durchsuchen, verlieren möglicherweise das perfekte Paar aus den Augen, zu keiner Zeit jedoch ihre Würde („Finding a pair (colour film)“, 1990).

Tom Wood, „'Anyone got any hairspray?'“, 1983. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Tom Wood, „'Anyone got any hairspray?'“, 1983. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

In New Brighton verschoss auch Martin Parr zwischen 1982 und 1985 einiges Farbfilmmaterial für seine berühmte Serie „The Last Resort“. Die Erzählungen der beiden Fotografen scheinen sich in oberflächlicher Betrachtung zu ähneln, könnten in ihrer Aussage allerdings nicht gegensätzlicher sein: Parr blickt mit spürbar Distanz auf die proletarische Urlauberschar, die auf Betontreppen in der Sonne schmort oder ihre Pommes neben überquellenden Mülleimern verdrückt. Die kleinen Hoffnungen auf ein glamouröses Ferienerlebnis enden in seinen Bildsatiren zwangsläufig in einer großen Enttäuschung.

Stolz der Arbeiterklasse

Nicht so bei Tom Wood, der mit seiner Kamera in New Brighton und Liverpool ein so fester Bestandteil der Community wurde, dass man ihn als „Photie Man“ begrüßte: Seine Fotografien lassen den Menschen die Perspektive, dass die Zukunft glückliche Erlebnisse bringt – so wie im Bild „Blue End“ (1989), in dem ein Trupp Jugendlicher am Anleger der Mersey Fähre ungeduldig auf Kumpels oder Dates wartet.

Tom Wood, „Blue end“, 1989. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Tom Wood, „Blue end“, 1989. © Tom Wood courtesy RRB Photobooks/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die britische Arbeiterklasse hat stets sehr genau darauf geachtet, dass ihr der Stolz und das Selbstwertgefühl nicht genommen wurde. Überdeutlich wurde das zuletzt in der Abstimmung um den Brexit, die als Gegenreaktion verstanden werden darf. Zwar ist der Wahlkreis um New Brighton immer noch eine Hochburg der sozialdemokratischen Labour Party; anders als in weiten Teilen von Nordengland ist die „Red Wall“ hier nicht eingestürzt. Doch wer wirklich verstehen will, wie die britische Arbeiterschaft tickt und weshalb zwei Drittel von ihnen für den EU-Austritt gestimmt haben, der sollte sich die Bilder von Tom Wood ganz genau ansehen.

Service

BUCHTIPP

Tom Woods Bildband „101 Pictures“ ist in einer Auflage von 1000 Exemplaren bei RRB Photobooks erschienen. Die Aufnahmen wurden von Martin Parr ausgewählt. Der Preis beträgt 45 Pfund, Bestellung etwa über rrbphotobooks.com