Kunstwissen

Fotobücher gegen die Langeweile

Das Coronavirus zwingt uns zum Innehalten in den eigenen vier Wänden. Zum Glück gibt es Bücher, die uns auf die Reise schicken. Wir stellen die schönsten Kunst-Fotobände vor

Von Laura Storfner
19.03.2020

ZEITLUPENLANDSCHAFT

Die Fotografin Janelle Lynch sucht die Verbindung zur Natur im Stillen: Jeden Tag zog sie mit einer Großformatkamera los, streifte durch ihren verwilderten Garten in den New Yorker Catskills, sah Gräsern, Berberitzen und Kiefern beim Wachsen zu. Drei Jahre lang lernte sie, ihre vertraute Umgebung neu wahrzunehmen. Mit „Another Way of Looking at Love“ widmet sie der stillen Kraft der Natur einen Liebesbrief: Mal führen ihre poetischen Aufnahmen ins Dickicht, mal zeigen sie nichts anderes als schneebedeckte Äste. Statt die Eindrücke rasch zu überblättern, lässt sich die Bilderserie wie ein Leporello ausklappen – als Leser teilt man so den entschleunigten Blick der Fotografin. Und sieht plötzlich klar: Dieser ewige Kreislauf des Lebens hält die Welt im Kleinen zusammen. 

Another Way of Looking at Love von Janelle Lynch, Radius Books, 2018, 60 Dollar

WANN IST EIN MANN EIN MANN?

Mehr als 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Robert Franks „The Americans“ unternimmt Gregory Halpern eine Neuvermessung des amerikanischen Hinterlands: Seit Jahren hält er die jungen Männer von Omaha beim Erwachsenwerden fest. Sie mögen sich geografisch in der Mitte der USA befinden, in der Mitte der Gesellschaft sind sie damit jedoch noch lange nicht angekommen. Toxische Maskulinität und Verletzlichkeit schließen sich in Halperns Aufnahmen nicht aus, sein Blick ist direkt und einfühlsam, ohne Partei zu ergreifen. Mal sieht man Vorstadtgärten und Cheerleader auf dem Baseballfeld, dann tätowierte Oberkörper und teure Autos, finanziert von Drogengeld. Was Halpern liefert, sind keine ausführlichen Milieustudien, sondern flüchtige Eindrücke einer gespaltenen Stadt in einem zutiefst gespaltenen Land.

Omaha Sketchbook von Gregory Halpern, MACK, 2019, 45 Euro

ES WAR EINMAL IN AMERIKA

In den Siebzigern fuhr Stephen Shore durch die USA, ließ sich von der Ostküste bis in die Wüste Arizonas treiben. Seine Farbfotos von Highways, Tankstellen und Motels suchen das Besondere im Banalen. Sie wirken wie Schnappschüsse und sind doch akkurat geplante Kompositionen, aufgenommen mit Großformatkameras. Shores Roadtrip, 1982 veröffentlicht, fing nicht nur die Stimmung Amerikas zwischen Hippies und Hinterland ein, seine Reise prägt die Fotografie noch immer. Nun werden erstmals Bilder versammelt, die Shore damals mit einer Handkamera schoss. Was als Formübung begann, ist kostbares Bonusmaterial: intim, spontan und persönlich.

Transparencies: Small Camera Works 1971–1979 von Stephen Shore, MACK, 2020, 55 Euro

UNVERWÜSTLICHE WELTEN

In der täglichen Berichterstattung ist die Sahelzone zu einem Synonym für islamisti­schen Terrorismus, Hungersnöte und Menschenhandel geworden. Doch während Medien und Politik die afrikanische Region vor allem unter geostrategischen Vorzei­chen betrachten, richtet der Schweizer Fotograf Philippe Dudouit seinen Blick seit Jahren auf die Einzelschicksale der Menschen, die die Gegend am Südrand der Sahara ihr Zuhause nennen. In seinem ambitionierten fotografischen Langzeitprojekt „The Dynamics of Dust“ begleitet er eine verlorene Generation, die in ihrer Heimat keine Zukunft  hat und ihren Ausweg nicht selten im Ausland oder in der Kriminalität sucht. In analogen und digitalen Aufnahmen macht Dudouit die Instabilität der Region spürbar. Seine Perspektive verklärt nichts, verschließt sich aber auch nicht vor Momenten der Alltagspoesie am Wegesrand.

The Dynamics of Dust von Philippe Dudouit, Edition Patrick Frey, 2019, 58 Euro