Vandalismus auf der Berliner Museumsinsel

„Es gab schon ähnliche Vorfälle“

Auf der Berliner Museuminsel haben Unbekannte rund 70 Kunstwerke beschädigt. Wir sprachen mit dem Journalisten Tobias Timm, der den Kunstvandalismus gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Koldehoff aufgedeckt hat

Von Simone Sondermann
22.10.2020

Sie haben gerade einen der größten ikonoklastischen Anschläge in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands aufgedeckt. Wie kam es dazu?

Ich habe das nicht allein aufgedeckt, sondern gemeinsam mit meinem Kollegen Stefan Koldehoff. Bei einem privaten Besuch im Pergamonmuseum Ende vergangener Woche habe ich gesehen, dass eine Vogelskulptur nahe dem Eingang einen großen Fettfleck trug. Gleich daneben gibt es einen Steinfries, und da war auch ein großer, dicker Fleck drauf, sowie auf weiteren Steinfriesen. Dann habe ich Zettelchen gesehen, die nach Spurensicherung aussahen oder von Museumskonservatoren stammten, mit Rastern und Nummern darauf. Ich habe eine Aufsicht gefragt, was es damit auf sich habe, und die sagte mir, es hätte diesen Anschlag gegeben am Tag der Deutschen Einheit, dem ersten Tag, an dem das Museum wieder geöffnet hatte nach langer Corona-Schließzeit. Die Täter hätten nicht nur im Pergamonmuseum, sondern in verschiedenen Häusern der Museumsinsel Ölspritzer verteilt. Stefan Koldehoff und ich haben dann recherchiert und mit verschiedenen Personen gesprochen, sodass uns das ganze Ausmaß des Anschlags klar wurde. Dann haben wir es in der ZEIT und im Deutschlandfunk öffentlich gemacht.

Es gab eine zweiwöchige Kommunikationssperre vonseiten des Museums. Wie ordnen Sie das ein?

Die Museen sagen, sie haben es aus polizeitaktischen Gründen geheim gehalten. Die Polizei wiederum sagt, sie habe es in Absprache mit den Museen nicht an die Öffentlichkeit gegeben. Für das Museum und seine Sicherheitsleute ist es natürlich hochgradig peinlich, dass ein oder mehrere Täter so viele Objekte beschädigen können. Es waren auch Leihgaben betroffen, das ist umso peinlicher. Als würde man einer Freundin an einem kalten Tag einen schönen Pulli leihen und die gibt einem diesen dann mit einem Ölfleck zurück. Das Museum wollte wohl zunächst die Leihgeber informieren, und die Polizei wollte in Ruhe ermitteln, aber man fragt sich doch, wieso die Öffentlichkeit nicht früher informiert wurde. Zum einen um nach Hinweisen zu fragen. Es waren mehr als 3000 Besucher am 3. Oktober in den Museen, die diesen Vorfall vielleicht beobachtet und den Täter gesehen haben. Wenn man erst zwei Wochen später fragt, haben die Leute vielleicht schon wieder vergessen, was sie da Sonderbares gesehen haben. Zum anderen stellt sich die Frage, warum andere Museen nicht gewarnt wurden. Wie ich jetzt erfahre habe, gab es schon ähnliche Vorfälle, etwa ein Anschlag mit Öl im Sommer in der Wewelsburg nahe Paderborn oder vor einigen Jahren in Athen, wo Antiken bespritzt wurden, um sie zu „reinigen“. Da hätte man andere Museen flächendeckend warnen müssen. Wir haben mit größeren Museen rund um Berlin gesprochen, und die wussten überhaupt nichts davon.

Porträt Tobias Timm Vandalismus Museumsinsel
Der Journalist und Buchautor Tobias Timm hat gemeinsam mit Stefan Koldehoff den Anschlag auf die Berliner Museumsinsel öffentlich gemacht. © Foto: Julian Röder, Ostkreuz

Hätte sich das Museum aus Ihrer Sicht besser schützen müssen?

Als ich dort war, waren die Aufsichten sehr zahlreich und aufmerksam, aber vielleicht waren sie nach dem Vorfall auch vorsichtiger geworden. Ich hoffe es. Das Museum hat sich ganz offensichtlich nicht gut genug geschützt, wenn ein oder mehrere Täter durch vier Häuser laufen und rund 70 Objekte beschädigen können. Und wenn auch noch die Mittel fehlen, um den oder die Täter im Nachhinein festzustellen, das heißt keine Videokameras da sind, die brauchbare Aufnahmen gemacht haben, zeugt das von einer schlechten Sicherheitsarchitektur.

Wie hoch ist der Schaden, der entstanden ist?

Das zu sagen ist noch zu früh. Die Objekte aus Sandstein sind stärker beschädigt, weil das Öl tiefer in den Stein eindringt. Andere Werke können von den hervorragenden Restauratoren der Berliner Museen wahrscheinlich schneller wiederhergestellt werden.

Was denken Sie über den oder die Täter? Wer könnte es sein?

Ich kann nicht einschätzen, ob das ein Einzeltäter oder mehrere Täter waren. Man kann über den Hintergrund nur mutmaßen. Es muss wohl jemand sein, der ein psychopathisches Problem oder die krankhaften Vorstellungen hat, dass Kunst schlecht oder böse ist. Wenn man sich ansieht, was in jüngster Zeit über das Pergamonmuseum veröffentlicht wurde, stößt man auf den öffentlichen Telegram-Kanal von Attila Hildmann, dem veganen Koch, der behauptet, dass sich im Pergamonmuseum der „Thron des Satans“ befindet und es ein Zentrum der „Corona-Verbrecher“ sei, was wiederum in Zusammenhang mit dem nahen Wohnort Angela Merkels gegenüber gebracht wird.

Wurden die Objekte gezielt ausgesucht?

Es fällt auf, dass vor allem Werke aus vorchristlichen oder nichtchristlichen Kulturen betroffen sind. Und in der Alten Nationalgalerie war es das Gemälde eines Okkultisten aus dem Belgien um 1900, der eine dramatische sexuelle Szene gemalt hat. Das wäre vielleicht ein Muster, aber ich kenne natürlich nicht alle Spuren. Die Polizei sagt, dass sie bisher kein Muster erkennen kann.

Sie arbeiten seit einigen Jahren intensiv zum Thema Kunst und Verbrechen und haben gemeinsam mit Ihrem Journalistenkollegen Stefan Koldehoff auch ein Buch dazu verfasst. Was interessiert Sie daran?

Ich habe durch Zufall angefangen, mich mit Kunstverbrechen zu beschäftigen, weil ich in Auktionskatalogen auf Fälschungen gestoßen bin. Ich habe vorher als Kunstkritiker gearbeitet. Mit Fällen von absichtsvollem Kunstvandalismus war ich noch nicht oft beschäftigt. Ich hoffe jetzt vor allem erst mal, dass man diesen Anschlag aufklärt und ein Konzept entwickelt, wie man Museen besser schützt, ohne die Freude an der Betrachtung dabei allzu sehr einzuschränken. Mein Kollege Stefan Koldehoff und ich versuchen, durch das Aufklären solcher Fälle einen kleinen Beitrag dazu zu leisten. 

Service

BUCHTIPP

„Kunst und Verbrechen“
von Stefan Koldehoff und Tobias Timm
Galiani, Berlin, 2020, 25 Euro