Kunstwissen

Ein Leben in 118 Kisten

Die Direktorin des Georg Kolbe Museums, Julia Wallner, entdeckte Kunst, Briefe und Notizen von Georg Kolbe bei seiner Enkelin in Kanada

Von Kunst und Auktionen Redaktion
17.05.2020

Was war Ihre bislang überraschendste Entdeckung?

Mehr als 70 Jahre nach Georg Kolbes Tod konnten wir in Kanada 118 Kisten mit über 100 Originalzeichnungen, etlichen Gemälden und Skulpturen und vor allem über 3000 Briefen und persönlichen Dokumenten des Künstlers entdecken und für unser Museum sichern.

Welchen Wert besitzt der Fund?

Allein die enthaltenen Aufzeichnungen aus den Jahren 1933 bis 1945 haben einen unschätzbaren historischen Wert. Der Nachlass Georg Kolbes zählt mit den jetzt gefundenen Stücken zu den größten Archiven eines Künstlers der klassischen Moderne.

Über 100 Originalzeichnungen und zahlreiche Druckgrafiken von Georg Kolbe, hier eine Tuschzeichnung aus den 1920er-Jahren, Foto: Georg Kolbe Museum, N. Hausser, 2020
Über 100 Originalzeichnungen und zahlreiche Druckgrafiken von Georg Kolbe, hier eine Tuschzeichnung aus den 1920er-Jahren, Foto: Georg Kolbe Museum, N. Hausser, 2020

Wo und wie haben Sie die Kisten entdeckt?

Wir haben den Schatz nach dem Tod von Georg Kolbes Enkelin in deren Wohnung entdeckt.

Wo befindet sich der Schatz heute?

Vor einigen Wochen sind die Unterlagen im Georg Kolbe Museum in Berlin angekommen.

Hat sich durch die Entdeckung etwas für Sie verändert?

Oh ja! Manche Geschichte wird sich jetzt erst vollständig erzählen lassen. Der bisher im Museum vorhandene Torso eines Künstlerlebens wird endlich wieder vollständig.

Wochenkalender und Besucherbücher Georg Kolbes aus den Jahren 1938 bis 1947, im Hintergrund ein expressionistisches Gemälde und eine frühe Arbeit Max Beckmanns, Foto: Georg Kolbe Museum, N. Hausser, 2020.
Wochenkalender und Besucherbücher Georg Kolbes aus den Jahren 1938 bis 1947, im Hintergrund ein expressionistisches Gemälde und eine frühe Arbeit Max Beckmanns, Foto: Georg Kolbe Museum, N. Hausser, 2020.

Was würden Sie gerne einmal finden?

Mehr als das gibt ein Kunsthistorikerleben wohl nicht her – ich bin zufrieden.

Was zeichnet eine Spürnase aus?

Hier war weniger Spürsinn als Geduld und Diplomatie gefragt. Mehrfach bin ich nach Kanada gefahren, mehrfach habe ich die Enkelin in Berlin empfangen. Viele Briefe wurden geschrieben, viele Gespräche geführt. Erst dann war das Vertrauen da, uns diesen Schatz anzuvertrauen.

Service

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Kunst und Auktionen Nr. 08/2020