30.04.2020 J. Emil Sennewald

Keine Zeit für Muße

Frankreichs Kulturszene steht noch immer im Zeichen des Lockdowns. Während die Pariser Museen ihre digitalen Angebote ausbauen, debattieren Frankreichs Intellektuelle über neue Wege für Solidarität und Subversion

Mancher Hashtag in diesen Tagen ist unfreiwillig komisch: #Pompeichezvous heißt übersetzt Pompeji bei Ihnen zu Hause – wer will das schon? Allgemein scheinen viele Kulturanbieter davon auszugehen, dass ein erzwungener Aufenthalt daheim zu schrecklicher Langeweile führt, die es zu besiegen gilt. De facto nimmt die Bildschirmzeit massiv zu, wächst der Erwartungsdruck ständiger Erreichbarkeit. Von Ruhe keine Spur. Der Aufruf #Culturecheznous des französischen Kulturministeriums beabsichtigt mehr als nur Unterhaltung: »Kultur zu Hause« versammelt Onlineangebote der großen Museen. Virtuelle Kunstinhalte sollen das Publikum schlicht daran hindern, rauszugehen. Das Grand Palais bietet anlässlich der Schau »Pompeii« neben Lektüren, Filmen, Spielen für Kinder und virtuellen Rundgängen auch an, mittels augmented reality antike Statuen ins eigene Wohnzimmer zu stellen.

Die Kultur braucht eine Atempause

Aber muss Pompeji zu Hause Spaß machen, während draußen die Welt stillzustehen scheint? Auch wenn es bessere Beispiele virtueller 3-D-Rundgänge gibt, wie der des Institut des Cultures d’Islam zu seiner Ausstellung »Croyances«, oder didaktischere Onlinespielideen, wie das Angebot der Cité de l’économie mit »Super Piggy Bang«, in Frankreich stellen aktuell viele die Kontinuität des Kulturkonsums infrage.

So fordert Emma Lavigne, seit Kurzem Direktorin des Palais de Tokyo, mehr Investition in die Arbeitsbedingungen der Künstlerinnen und Künstler, Abkehr vom Spektakel, mehr Solidarität. Das um seine Existenz fürchtende Kunstzentrum, dem monatlich eine Million Euro Einnahmen aus Vermietung und Tickets verloren geht, kann über soziale Netzwerke und die Website besucht werden. Auf Letzterer erläutert ein spannender, auch auf Englisch abrufbarer Essay des Kurators Fabien Danesi die zentrale Ausstellung »Notre monde brûle« (»Unsere Welt brennt«). Außerdem ist der Film »Le milieu est bleu« (»Die Mitte ist blau«) in voller Länge zu sehen. Er ist das Kernstück einer gleichnamigen Soloschau im Palais de Tokyo, Ulla von Brandenburg entwirft hier mit Motiven moderner Reformbewegungen alternativeFormen des Zusammenlebens mit der Welt. Perspektiven für danach? Im Skype-Gespräch wünscht die deutsche Künstlerin sich »zuerst intensives Engagement für all jene, die jetzt ins Nichts fallen. Wir müssen aktiv zusammenhalten.« Und dann zitiert sie ihre Kollegin, die Malerin Monika Michalko: »Kapitalismus ist das Virus.«

Kritik an der Kulturindustrie aus Kunst und Geisteswissenschaft

Ähnlich sieht das Bruno Latour. Der Soziologe und Philosoph, dessen performative Vorträge großen Einfluss auf die Kunstszene haben, mahnt in einem aktuellen Beitrag für die Onlinekunstzeitschrift AOC: »Das Letzte, was wir tun sollten, ist, alles auf dieselbe Weise weiterzumachen wie bisher.« Entgegen den Beteuerungen einer von ihm als »Globalisatoren« bezeichneten kapitalistischen Elite sehe man nun, dass sehr wohl alles angehalten, also auch anders gemacht werden könne.

Eine ökologische Wende am Horizont erahnt auch Ursula Biemann. Die Videokünstlerin und Kuratorin sucht mit teils futuristisch anmutenden Inszenierungen nach alternativen gesellschaftlichen Formen. »Das Virus steht auch für die sozialen Beziehungen, die nun in Bewegung kommen«, erklärt sie per Skype aus Zürich. »Jetzt gibt es eine starke Welle von Solidarität, Mitgefühl. Das lässt mit einer Werteveränderung rechnen. Wir stellen wieder die Frage nach dem Wesentlichen.« Während ihr Video »Acoustic Ocean« im Pariser Centre Culturel Suisse unzugänglich ist, liefert ihre Website Einblicke.

Kulturinstitutionen setzen auf Podcasts

Mitdenken und fortbilden statt bloß unterhalten will seit je das Centre Pompidou. Dessen gehaltvoller Onlineauftritt reicht von der Podcastserie #PompidouVIP mit Erläuterungen auf Englisch zu Meisterwerken der Sammlung oder Künstlerinterviews zu Ausstellungen wie der geplanten Christo-Schau über Konzerte auf Soundcloud und Videos von Ausstellungsrundgängen bis hin zu zweiminütigen Crashkursen zur Kunstgeschichte (die letzten beiden Angebote nur auf Französisch). All diese Inhalte bereiten zum mündigen Umgang mit Kunst und Gesellschaftsfragen nach dem Lockdown vor.

Lafayette Anticipations’ »Lifetime!«-Reihe stellt unter anderem die Künstlerin ­Félicia Atkinson online vor. © Lafayette Anticipations, Paris
Lafayette Anticipations’ »Lifetime!«-Reihe stellt unter anderem die Künstlerin ­Félicia Atkinson online vor. © Lafayette Anticipations, Paris

Diese Alternativen künstlerisch anzudenken ist Absicht vieler Onlineangebote französischer Kunstzentren. Lafayette Anticipations, das Ausstellungshaus der Unternehmensstiftung der Galeries Lafayette, liefert mit »Lifetime!« seit 26. März eigens für die Plattform produzierte Inhalte – etwa eine Saxofonperformance von Bendik Giske aus dem Funkhaus Berlin. Die Fondation Cartier hat ein neu entwickeltes, zweisprachiges Angebot zur politischen Arbeit der Fotografin Claudia Andujar freigeschaltet, und die Opéra National de Paris macht die Inszenierung der Rameau-Oper »Les Indes galantes« durch den Künstler Clément Cogitore bis 9. Oktober virtuell zugänglich. Cogitore wendet das Werk der Aufklärung zu einem dynamischen Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft.

Die Fondation Cartier zeigt digital die Fotografin Claudia Andujar. © Fondation Cartier
Die Fondation Cartier zeigt digital die Fotografin Claudia Andujar. © Fondation Cartier

„Ikonomie“: Die Ökonomie des Bildes

Kritisches Nachdenken fordert auch der Philosoph Emmanuel Alloa. Zusammen mit Peter Szendy und Martha Ponsa wolle man mit »Le supermarché des images« im Jeu de Paume »zeigen, wie eng Bilder und kapitalistische Ökonomie miteinander verknüpft sind«, erklärt er per Telefon aus Lausanne. Szendy, so Alloa weiter, habe in einem Essay den Begriff der »Ikonomie« geprägt: eines Spiegelverhältnisses zwischen (kapitalis­tischer) Wirtschaft und Bildern. Deren Vervielfältigung im Digitalen »bietet enorm ­viele Möglichkeiten sektorübergreifender Subversion, neuer Solidarität – trotz gleichzeitiger Monopolisierung und Überwachung«. Auch nach der Ausgangssperre dürfe man »das subversive Potenzial der Bilder nicht verspielen – es gibt Alternativen in den großen visuellen Shoppingwelten«.

Atemschutzmasken-Design an der Pariser Hochschule

Um die geht es auch an den Kunsthochschulen im Land, die die Unterbrechung verblüffend erfindungsreich nutzen. Als Beispiel sei auf die Pariser Hochschule für Kunst und Design, Ensad, verwiesen, wo man Modeentwürfe zum Mundschutz findet und übrigens auch Ulla von Brandenburg wieder auftaucht: Deren geplanter Vortrag wurde mit viel Bildmaterial aufgezeichnet. Ein­einhalb Stunden kluge Gedanken zur Kunst stehen nun online bereit. Die virtuellen Angebote französischer Kunstinstitutionen ermutigen dazu, den Umbau der Kunstwelt in Angriff zu nehmen, wenn wir endlich wieder rausdürfen.

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