24.04.2020 Weltkunst Redaktion

Wie bereiten Sie die Wiedereröffnung vor, Frau Hüsch?

Museen sind Begegnungsorte. Das könnte sie nach der Corona-Erfahrung stärker machen, glaubt Anette Hüsch, die Direktorin der Kunsthalle zu Kiel. Ein Gespräch über die Auswirkungen der Schließung und die bevorstehende Wiedereröffnung

Vor welche Herausforderungen stellt Sie die gegenwärtige Situation?

 Mein Team und ich möchten möglichst viele Veranstaltungen und Programme verschieben. Und möglichst wenige gänzlich absagen. Wir arbeiten jetzt ganz überwiegend im Homeoffice und erleben einen Zustand, der für uns in dieser Dimension neu ist. Es ist herausfordernd, die Planungen der nächsten Zeit zu überdenken, wenn momentan so wenig planbar erscheint. Für ein Museum stellen sich auch hinsichtlich einer möglichen Wiedereröffnung wichtige Fragen: Unter welchen Bedingungen werden Gäste unser Haus wieder besuchen können? Wie werden unsere Angebote aussehen können? 

Wie sieht Ihr Alltag aus?

 Wir haben für unser Homeoffice klare, verbindliche Regeln aufgestellt und kommunizieren kontinuierlich und intensiv miteinander. Auch deshalb waren wir schnell in der Lage, uns darüber auszutauschen, was diese temporäre Schließung für unsere Planungen bedeutet. Wir versuchen aber, uns in dieser verordneten Publikumspause auch Zeit für Fragen, Arbeitsthemen und Recherchen zu nehmen, die im Normalbetrieb oft nicht den Raum bekommen, den sie verdient hätten. Und wir erweitern unsere digitale Kommunikation. Insgesamt möchten wir, soweit das geht, diese krisenhafte Situation positiv nutzen. Dazu gehört ganz unbedingt die Improvisation! Positiv finde ich persönlich zudem den Austausch mit den Leitungen anderer Häuser. Viele akute Fragen ähneln sich. Wir sprechen gerade noch regelmäßiger miteinander, als das schon vor Corona der Fall war. 

Annette Hüsch, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, © Kunsthalle zu Kiel
Annette Hüsch, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, © Kunsthalle zu Kiel

Welche Entscheidungen taten besonders weh? 

Ganz klar waren das die Schließung des Hauses, die zeitlich unbestimmte Unterbrechung unserer noch im Februar sehr erfolgreich eröffneten Ausstellung „Rachel Maclean“, die vorläufige Absage aller Angebote und Veranstaltungen. Nun war das ja eine vorgegebene Entscheidung, die das gesamte öffentliche Leben betrifft. Aber mir als Direktorin fiel es sehr schwer, den Betrieb eines lebendigen Hauses mit seinen vielfältigen Aktivitäten so jäh und so weit herunterzufahren. 

Hat die Coronakrise auch ungeahnte Kräfte freigesetzt? 

 Ja, sicher – das lässt sich noch gar nicht abschließend bewerten. Freigesetzt hat diese Krise einmal mehr das produktive Nachdenken über das, was Museum ist und was es sein könnte. Uns beschäftigt beispielsweise noch stärker als sonst, inwiefern der Ort, an dem wir uns befinden, unser Haus prägt. Aber auch, welche große Bedeutung transnationale Themen haben. Begeistert hat mich, wie schnell, gemeinschaftlich und zupackend mein Team sich in der Homeoffice-Situation zurechtgefunden hat. 

Für uns arbeiten zudem viele, überaus engagierte freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben hier sehr zeitnah nach der Schließung reagiert und arbeiten in anderer Form weiter zusammen, beispielsweise wenn es um die Kommunikation über Social-Media-Kanäle geht. Das ist für die Kunsthalle gewinnbringend und überbrückt die Schließzeit für jene, die es jetzt besonders hart trifft. 

Wie, glauben Sie, wird sich der Museumsbetrieb durch diese Krise und ihre Folgen verändern? 

Eine große Frage! Die Welt wird sich wohl in vielerlei Hinsicht verändern. Aber wie das genau aussehen wird, lässt sich heute kaum abschätzen. Gegenwärtig wissen wir ja noch nicht einmal, welche Auswirkungen die Pandemie hier haben wird. Und schon gar nicht, wie sich die Lage anderswo entwickelt. Museen werden je nach Standort, Größe, Trägerschaft, Sammlungs- und Ausstellungspolitik sicher unterschiedlich reagieren ­– und reagieren können. Aber für alle werden die veränderten Bedingungen eine Rolle spielen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Relevanz des Museums als Ort der direkten Begegnung mit Kunst, mit anderen Menschen und mit aktuellen Debatten neue Impulse bekommt. Für die Kunsthalle ist in der jetzigen Zwangspause der Ausbau der digitalen Kommunikation, an der wir schon lange arbeiten, ein noch dringliches Anliegen – nicht als Ersatz für das Erlebnis im Museum, sondern als ein komplementäres Angebot. Außerdem prüfen andere Häuser sicherlich ebenso wie wir einmal mehr die Frage: Was wollen wir warum und mit welchem Aufwand betreiben? Wenn diese Frage lebhaft und klug diskutiert wird, ergeben sich aus der jetzigen Krise hoffentlich auch wertvolle Perspektiven für die Zukunft.

Mittlerweile stehen die ersten Wiedereröffnungen von Museen bevor. Wie bereiten Sie sich in Ihrem Haus darauf vor?

Abgesehen davon, dass für eine Öffnung klare Vorgaben zu erwarten sind, prüfen wir derzeit, was wir anbieten können – wie wir die Besucherinnen und Besucher durch das Haus leiten, wie Vermittlung in Zeiten phyischer Distanzierung aussehen kann, was wir jetzt neu und für die nächsten Monate anders denken müssen. Wir spielen verschiedene mögliche Szenarien durch und überlegen, welche Gestaltungsräume sie uns für die Besucher*innenkommunikation bieten. Diese Überlegungen werden nach der möglichen Öffnung selbstverständlich weitergehen – alles steht ja in direkter Abhängigkeit zu der Dynamik dieser Pandemie. Wir freuen uns in jedem Fall auf alle, die hoffentlich bald wieder den Weg zur Kunst finden und in unser Haus kommen können. Unsere Ausstellung mit Rachel Maclean konnten wir verlängern, das ist angesichts des großen Interesses eine gute Perspektive!