23.04.2020 Weltkunst Redaktion

Wird die Krise die Kunstwelt verändern, Herr Kittelmann?

In Berlin steht es schon fest, dass im Mai Museen wiedereröffnet werden. Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, spricht über seine Erfahrungen während der Coronakrise und darüber, wer in der touristenfreien Hauptstadt in seine Sammlungshäuser kommen wird

Was waren die schmerzlichsten Entscheidungen, die Sie wegen der Schließung Ihrer Häuser treffen mussten?

Von Schmerzen würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen wollen. Es gab natürlich Entscheidungen, wie die Verschiebung von Ausstellungen und die Benachrichtigung der Künstler, die auch ein Stückchen wehtaten. Gemessen aber an der Ursache der Absage gab es eigentlich nur Verständnis. Einhergehend allerdings mit der Schließung der Museen sind sicherlich auch einzelne Schicksale verbunden, die für die Betroffenen schmerzlich sein können. Was bedeutet es für die Arbeitnehmer beispielsweise in den Bereichen Wachschutz und Reinigungstätigkeiten, wenn diese nicht mehr arbeiten können? In diesen Bereichen gibt es sicherlich große Sorgen die Zukunft betreffend.

Hat die Coronakrise auch positive Kräfte freigesetzt?

Glücklicherweise verstehen wir uns an den verschiedenen Häusern der Nationalgalerie als ein großes gemeinschaftliches Team. Unser Denken und Handeln in allen seinen prioritären Grundzügen werden gemeinsam erörtert und verhandelt. So konnten wir umgehend mit der Krisensituation auch pragmatisch gut umgehen. Wie heißt es so schön: Gemeinsam ist man stärker! Und natürlich wird es auch den Zeitpunkt geben müssen, wo man sich darüber verständigt, was diese Zeit mit jedem Einzelnen von uns gemacht hat. Vielleicht stellen wir ja fest, das diese Zeit uns auch etwas Positives mit auf den Weg gegeben hat.

Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie Berlin, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie Berlin, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Wie wird sich, glauben Sie, die Kunstwelt durch die Krise verändern?

Darüber wird ja jetzt an allen Ecken und Enden debattiert. Ich glaube, es ist noch zu früh, über einzelne tatsächlichen Folgen zu spekulieren, die es aber natürlich geben wird. Sicherlich wird man nach dieser kollektiven Menschheitserfahrung nicht wieder da anfangen können, wo man aufgehört hat. Und hoffentlich geht mit dieser existenziellen Gemeinschaftserfahrung einher, dass Kultur ganz allgemein und alle Kulturschaffenden und Kulturbetriebe sehr wohl als systemrelevant anerkannt und ein für allemal nicht mehr in Frage gestellt werden. Was es in allernächster Zukunft ganz dringlich braucht, ist dass das kreative Potenzial von Kulturakteuren und den Institutionen gefördert wird und nicht durch eine überregulierte Bürokratie verhindert wird. Um veränderte, auch neue künstlerische Ansätze und Formen von vielleicht zukünftiger gesellschaftlicher Relevanz zu gewährleisten, braucht es flexible und schnell umzusetzende Grundlagen zum Handeln und Reagieren.

Ab 4. Mai sollen die ersten Museen wieder eröffnen. Wie bereiten Sie sich darauf vor? Mit welchem Besucheraufkommen rechnen Sie? Die Touristenströme, von denen gerade die Berliner Museen leben, wird es ja vorerst nicht geben.

Derzeit wird geprüft, ob, wie und welche Museen im Mai unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen wiedereröffnet werden könnten. Diese Pläne sind vor allem als Einladung an die Berlinerinnen und Berliner zu verstehen, ihre Museen wieder zu besuchen, sie auch neu und anders zu erfahren. In dieser Hinsicht ist es uns ein wichtiges Anliegen, als Zeichen für die Menschen in der Hauptstadt beispielsweise die Einzelausstellung von Katharina Grosse in der historischen Halle sowie im Außenbereich des Hamburger Bahnhofs möglichst noch in diesem Sommer zu eröffnen.