29.10.2018 Gerd Presler

Das Mausoleum

Egon Schiele als Architekt? Die Entdeckung einer Skizze wirft ein neues Licht auf das Vermächtnis des Künstlers, der vor 100 Jahren jung verstarb

Als im November 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende ging, hatten mehr als neun Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten – ihr Leben verloren. „Von den zwanzig, die sich 1914 freiwillig meldeten, sind vierzehn tot, vier werden vermisst, einer ist im Irrenhaus, wir leben“, lautet die erschütternde Bilanz von Erich Maria Remarque in seinem Bestseller „Im Westen nichts Neues.“ Als ob das alles noch nicht genug war, brach in demselben Jahr die Spanische Grippe über das erschöpfte Mitteleuropa herein, und wieder schwang der Tod seine Sichel. Wer der Hölle aus Giftgas und Granaten entkommen war, den fraß nun ein tödlicher Virus. Edvard Munch malte sich in der Abgeschiedenheit seines norwegischen Ateliers den Schrecken vom Halse: „Selbstporträt mit Spanischer Grippe“.

Eine düstere Vorahnung

Im Zentrum der Pandemie aber, in Wien, starb am 28. Oktober Edith Schiele. Für die Künstlergattin und ihr ungeborenes Kind kam jede Hilfe zu spät. Sechs Tage danach standen einige wenige Freunde am Grab des Malers Egon Schiele. Die Seuche hatte auch ihn erreicht, 28 Jahre alt. Vielleicht hat er seinen frühen Tod vorausgeahnt. So etwas sagt sich leicht und gehört zum Inventar großer Künstlerbiografien, aber hier ist es anders. An abgelegenem Ort fernab dessen, was die Öffentlichkeit erreichen soll und darf, hat er den Gedanken an ein unausgeschöpftes Leben für sich ganz allein niedergelegt. Erst jetzt fand sich diese einsame Notiz in einem späten Skizzenbuch. Das Skizzenbuchblatt, bisher nicht einbezogen in die Diskussion, mag ein Vermächtnis sein, ein Testament, hineingenommen in die Stille eines wenig beachteten, für den Künstler hingegen unendlich wertvollen Ortes. Eine Antwort auf jene Frage, die den Künstler, so jung er war, bedrängte: Was wird aus mir? Was wird aus meinem Werk? Blau kariertes Papier, darauf ein achteckiges Mausoleum, dessen Mitte ein „Sargophag aus Gold und Elfenbein“ einnimmt. Er steht gleichsam im Zentrum des Universums, streng ausgerichtet in die vier Haupthimmelsrichtungen Norden, Osten, Süden, Westen, auch die vier Zwischenrichtungen Nordost, Südost, Südwest, Nordwest sind abgekürzt verzeichnet. Viel weiter kann ein Künstler seine Flügel nicht ausspannen.

In seiner späten Skizze gruppierte Schiele „Irdisches Dasein
In seiner späten Skizze gruppierte Schiele „Irdisches Dasein", „Religion" und „Leidenschaften" um einen Sarkophag aus Gold und Elfenbein, Foto: Courtesy Galerie St. Etienne, New York

Die Welt im Oktogon

Ein solches achteckiges Gebäude gilt von alters her als Abbild des Himmels, ausgerichtet nach den Sternen, vergleichbar den ägyptischen Pyramiden und frühen christlichen Sakralbauten. Das nimmt Schiele auf und ordnet den acht Segmenten thematische Schwerpunkte zu. Das „irdische Dasein“ ist der Raum, in dem seine Existenz stattfindet, rätselhaft ergänzt um drei weitere Räume: „Weltbegriff, Leidenschaften, Religion“. Um den „Sargophag“ versammeln sich jene Bereiche, die das menschliche Leben in alle Unendlichkeiten ausweiten: „Der Tod. Auferstehung. Das ewige Leben“. Schiele weiß, wovon er spricht, schreibt und hier zeichnet. Dies alles durchzittert ihn schon lange, wie eine acht Jahre zuvor gemachte Äußerung belegt. Der Schriftsteller und Kunstkritiker Fritz Karpfen hatte dem Künstler im November 1910 die Herausgabe eines Schiele-Buchs vorgeschlagen und beschrieb seine Reaktion: „›Das ist so etwas Ähnliches wie ein Grabmal!‹, lachte er. Und wir scherzten noch lange darüber.“ Schiele, so jung er auch war, hat sich über die großen Zusammenhänge, in denen menschliches Leben verläuft, weitreichende Gedanken gemacht. Dabei überwiegt die Hinwendung zum „Irdischen Leben“, dem in der Skizze fünf Achtel des Kreises gehören. Das heißt dem Alltag im Atelier, der Suche nach dem einzigartigen, dem in Form und Farbe nur ihm möglichen Zugang zur Wirklichkeit. Zugleich aber kennt Schiele auch jenen Teil der Wirklichkeit, in dem „Der Tod“, „Auferstehung“, „Das ewige Leben“ anwesend sind. Hier dehnt sich die Zeit nicht in den Grenzen der Tage, Monate und Jahre; hier dehnt sie sich bis in die Ewigkeit.

Gedanken an das Ende

Vor dem Hintergrund solcher Zeiträume gilt es, die Frage zu beantworten, was wird aus mir und meinem Werk. Schiele schreibt „Sargophag“, nicht, wie es sein müsste, „Sarkophag“. Ein Rechtschreibfehler? Eher nicht. Das Wort „Sarkophag“ heißt, übersetzt aus dem Griechischen: „Fleischfresser“. Eine drastische, in ihrem Realitätsgehalt brutale Vorstellung. Das mag den Künstler abgestoßen haben. Und so änderte er, milderte ab, besänftigte den Zerfall. Dieser Gedanke korrespondiert mit jenem Wort, das in besonderer Weise das irdische Leben prägt: „Leidenschaften“. Schiele hat sein Wirken als Teilhabe an der Fülle des Daseins verstanden. Jedes Blatt, jedes Bild ein schöpferisches Ereignis, das gerade dem Zerfall trotzt, um als bleibendes Zeugnis zu überdauern. Solch ein Verständnis von der Aufgabe und dem Wert schöpferischen Handelns kann nur der formulieren, der mit aller Leidenschaft arbeitet. Schiele löste sein Werk aus der zeitlichen Begrenztheit eines Lebens von wenigen Jahren. Er entwarf ein Haus, in dem sich der Himmel mit seinen ganz anderen Dimensionen abbildete. Und dort, in diesen weiteren Horizonten, wohnte er zusammen mit seinen Bildern.

Sich selbst ein Denkmal setzen

Der Tod war nicht das letzte Wort in diesem Drama. Der Künstler verging nicht in einem Sarkophag, sondern durchschritt den Tod, stand auf, verblieb in den Zeiten. An seinem 100. Todestag ein weit gespannter Blick, niedergelegt auf einem kleinen, blau karierten Stückchen Papier aus einem Skizzenbuch. Damit steht Egon Schiele nicht allein. Sein großer norwegischer Künstlerkollege Edvard Munch baute ebenfalls ein Haus als Abbild des Himmels, eine „Kapelle der Kunst“ für seine Gemälde, achteckig mit einer Kuppel, die die göttliche Architektur des Himmels auf die Erde holt. Er schrieb dazu: „Die Leute sollen das Mächtige, das Heilige in den Bildern verstehen, und sie sollen ihre Hüte vom Kopf nehmen, als ob sie in einer Kirche wären.“

Service

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 148/2018