08.03.2018 Peter Dittmar

Kunst im Netz - Der Maler als Briefschreiber

Die Online-Edition der Briefe Vincent van Goghs

Dem ausklingenden 18. Jahrhundert ist als Ideal das Genie, der Künstler, der über jeglicher banaler Alltäglichkeit schwebt, zu verdanken. Asmus Jakob Carstens hat das höchst ungewöhnlich für seine Zeit so zusammengefasst: „Es ist einem Monarchen so viel Ehre für die Nachwelt ein Genie unterstützt als eine Schlacht gewonnen und Provinzen erobert zu haben.“ Weil jedoch kaum ein Monarch diese Meinung teilte, entstand im 19. Jahrhundert der Mythos des „verkannten Genies“, dem erst die Nachgeborenen gerecht zu werden vermögen. 

Wo könnte man dem Willen und Wollen eines verkannten Genies besser nachspüren als in seinen persönlichen Äußerungen – in den Tagebüchern, Erinnerungen und Briefen: in Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-4462/1) beispielsweise, in Paul Gauguins Noa Noa und Vorher und Nacher (http://bit.ly/2EroRcs und http://bit.ly/2E9sLmJ) – und natürlich in den Briefen von Vincent van Gogh, von denen die ersten bereits 1893 bis 1897, ediert von Emile Bernard, im Mercure de France erschienen. Sie bildeten dann die Grundlage einer deutschen Übersetzung, die 1904 / 05 in vier Folgen der Zeitschrift Kunst und Künstler (http://bit.ly/2GU9kQy) gedruckt wurde und in das Buch Van Gogh – Briefe mündete. Dabei handelte es sich – wie auch bei den diversen nachfolgenden Publikationen – stets um eine Auswahl. 

Das hat ein Ende, seitdem die vom Van Gogh Museum und dem Huygens Instituut, der niederländischen Königlichen Akademie der Wissenschaften und Künste, erarbeitete Edition Vincent van Gogh – The Letters – The Complete Illustrated and Annotated Edition online (http://vangoghletters.org/vg/) und – nicht ganz so umfangreich – als Buch in sechs Bänden (ndl., engl., frz., chin.) vorliegt. Sie erfasst 927 Briefe von Van Gogh (davon allein 659 an seinen Bruder Theo) und 84 an ihn. Jeweils als Faksimile, transkribiert und aus dem Niederländischen und Französischen zusätzlich ins Englische übersetzt. Die Briefe lassen sich chronologisch, nach Adressaten, Orten und Briefen mit Skizzen aufrufen. Bei einem Bildschirm von ausreichender Breite erscheinen sie in drei Kolumnen: dem Faksimile, der Transkription und der Übersetzung. Dazwischen schieben sich als vierte Spalte die angeklickten Anmerkungen. Denn jeden Brief begleiten eine Fülle von Hinweisen zu Orten, Personen, Werken und biografischen Bezügen. Das wird zusätzlich durch längere Abhandlungen zum Maler als Briefschreiber und zu den Personen, mit denen er korrespondierte, ergänzt. 

Außerdem erleichtern eine Zeitleiste und Erläuterungen zu den bisherigen Veröffentlichungen seiner Briefe den Gebrauch dieser historisch-kritischen Edition. Das wesentliche Hilfsmittel dabei ist die Suchfunktion, die als „Advanced search“ neben der Volltextsuche eine Fülle von Möglichkeiten anbietet. Da kann man nach Bildtiteln und Personen, nach Bibelstellen und Literaturverweisen, nach Zeitschriften, Orten oder Entstehungsdaten forschen. Als Ergebnis werden dann alle Fundstellen in den Briefen, den begleitenden Materialien, den Essays, dem biografischen Material und den Literaturangaben nachgewiesen. Bei so viel wissenschaftlicher Akribie muss das Sentimentalische natürlich passen.

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KUNST UND AUKTIONEN Nr. 3/2018