13.11.2017 Advertorial

Egon Schiele: Die nackte Wahrheit

Vor 100 Jahren starb Egon Schiele – in Wien feiert man sein Werk. Mit seinen schonungslosen Selbstdarstellungen und Aktbildern erregte er Aufsehen. Wie begegnet man seinen Arbeiten heute? 

„Es muss damals in Wien ganz interessant gewesen sein …“ – Der Literat Hermann Bahr hatte zweifelsfrei Recht, als er die Zeit in Wien um 1900 mit diesem Satz charakterisierte. Viele der bekanntesten Meisterwerke auf dem Gebiet der Malerei, Architektur und Design, die heute in der ganzen Welt für Wien stehen, wurden in dieser Zeit geschaffen: So auch Egon Schieles „Wally Neuzil“ oder „Die Eremiten“. Seine schonungslosen expressionistischen Selbstdarstellungen und Abbildungen von Frauen haben damals wie heute Aufsehen erregt. Doch Schieles eigentlicher Ruhm kommt leider erst posthum.

Schiele führt ein kurzes, aber intensives Leben

Geboren 1890 in Tulln an der Donau, will er schon früh Maler werden und wird bereits als 19-Jähriger von Gustav Klimt gefördert. Die Wirkung Klimts auf Schieles Frühwerk ist überdeutlich. Von ihm übernimmt er die Faszination für Figurendarstellungen, die innere Zustände und seelische Befindlichkeiten schildern.

Von Jugenstil bis Expressionismus

Obwohl Schiele mit der Schönlinigkeit und Eleganz des Wiener Jugendstils bricht, bleibt er doch dessen Feinheit der Liniengestaltung und der farblichen Opulenz treu. Doch während Klimt die Nacktheit ästhetisiert, indem er sie sanft ins abstrakte Farbornament bettet, wird sie bei Schiele vor leeren Hintergründen zum Ausdruck der menschlichen Existenz. Vor allem in seiner Darstellung von Erotik und Sexualität wird Schieles Kunst von einer tabulosen Neugier, aber auch von einem schonungslosen Exhibitionismus getrieben. Neu ist auch sein Posieren vor der Kamera mit den typischen Handhaltungen und Gesten.  

Schieles tragische Ende

Schieles Bilder werden zu seinen Lebzeiten nur von einigen wenigen Sammlern gekauft. Erst im Jahr seines Todes stellt sich der Erfolg ein: Die 49. Ausstellung der Secession ist ihm gewidmet. 19 große Gemälde und 29 Zeichnungen werden gezeigt. Die Schau ist künstlerisch und finanziell ein Riesenerfolg. Das war im März 1918. Lange darf sich der Ausnahmemaler daran aber nicht erfreuen: Am 28. Oktober desselben Jahres stirbt seine Frau Edith, im sechsten Monat schwanger, an der Spanischen Grippe. Nur drei Tage später, am 31. Oktober 1918, folgt ihr Schiele ins Grab. Auch ihn hat die heimtückische Krankheit dahingerafft.

Egon Schiele im Leopold Museum, Wien. Foto: Peter Rigaud

Aktueller denn je

Die Gründe für seine heutige Popularität sind vielfältig. Beachtenswert ist vor allem, dass Schieles umfangreiches Werk – über 350 Gemälde und rund 2.800 Aquarelle und Zeichnungen – in extrem kurzer Zeit entstand. Denn Schiele wurde nur 28 Jahre alt. Es ist dies ein Werk, das durch Introspektion, Selbstinszenierung und Hinterfragung von Körper und Sexualität geprägt ist – lauter Themen, die auch in der Gegenwartskunst virulent sind. Zur heutigen Beliebtheit Schieles hat auch der Sammler Rudolf Leopold wesentlich beigetragen: Entgegen aller Unkenrufe beginnt er in den 1950ern damit, Schiele zu sammeln. Heute beherbergt das von ihm begründete Leopold Museum im Wiener MuseumsQuartier die größte Schiele-Sammlung der Welt. Auch Belvedere, Albertina und Wien Museum besitzen Werke des Ausnahmekünstlers.

Egon Schiele im Leopold Museum, Wien. Foto: Peter Rigaud
Egon Schiele im Leopold Museum, Wien. Foto: Peter Rigaud

Wien feiert 2018 die Moderne

1918 sterben neben Egon Schiele noch drei weitere große Persönlichkeiten der österreichischen Kulturgeschichte: der Maler Gustav Klimt, der Architekt Otto Wagner und der Universalkünstler Koloman Moser. 2018 wird das Schaffen dieser und vieler anderer Protagonisten der Wiener Moderne in Wien um 1900 gefeiert.

Kunst darf nicht überall alles

Egon Schiele wagte um 1900, was auch heute noch für Aufregung sorgt: Die explizite und schonungslose Darstellung von Nacktheit. 100 Jahre später treffen seine Werke selbst in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft einen wunden Punkt. Schieles expressionistische Zurschaustellung von nackten Körpern ist offensichtlich noch immer zu gewagt – was im Zuge der Bewerbung für das Jubiläumsjahr der Wiener Moderne 2018 dazu führte, dass seine Akte nicht unverhüllt in der Öffentlichkeit gezeigt werden durften.

Egon Schiele, „Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung)“, 1910, Öl, Deckfarbe auf Leinwand, Foto: Leopold Museum Wien
Egon Schiele, „Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung)“, 1910, Öl, Deckfarbe auf Leinwand, Foto: Leopold Museum Wien

Alles sehen – nur in Wien

Zur Bewerbung der wohl wichtigsten Kunst- und Kulturepoche Wiens sowie seiner prominentesten Vertreter war ursprünglich angedacht, Akte von Egon Schiele in deutschen und britischen Metropolen groß zu inszenieren. Seine weltberühmten Werke sollten in voller Pracht große Plakatstellen, ganze Hauswände und Citylights schmücken und mit der Frage, ob Schieles Kunst hundert Jahre nach dessen Tod von der Gesellschaft als immer noch zu gewagt empfunden wird, den Bogen ins Hier und Heute spannen.

Egon Schiele: Seine Kunst ist auch heute noch vielen zu gewagt

In Wien so durchaus machbar, jedoch in London, Hamburg oder Köln unmöglich – was als Anregung zur Auseinandersetzung mit dem Kunst- und Kulturangebot der Wiener Moderne geplant war, lehnten die Werbestellenvermarkter beider Länder aufgrund von Vorschriften zur Sittlichkeit im öffentlichen Raum ab. Die Werke konnten nicht wie geplant im Orginal gezeigt werden. Nach vielen Experimenten mit unterschiedlichen Arten der Abdeckung wählte man eine großflächige Version, um allen Vorgaben gerecht zu werden und um überhaupt Werbung im öffentlichen Raum für einen der größten Künstler seiner Zeit machen zu können. Mit diesen Vorgaben wurde auch die Antwort zur in der Kampagne gestellten Frage geliefert: Schieles Kunst ist auch heute noch vielen zu gewagt.

Egon Schiele,
Egon Schiele, "Liegende Frau", 1917, Öl auf Leinwand, Foto: Leopold Museum, Wien

#DerKunstihreFreiheit

Wien möchte dem Geist der Wiener Moderne entsprechend, zum Diskurs anregen und ebendiesen wieder aufleben lassen. Die Tatsache, dass keine Original-Abbildungen von Schiele-Akten in Deutschland und England gezeigt werden dürfen, soll aber schließlich noch stärker zu einer Diskussion über die Grenzen von Kunst, die unterschiedlichen Moralvorstellungen in der Öffentlichkeit und Online sowie über das Sitten- und Wertebild unserer Gesellschaft anregen. Unter #DerKunstihreFreiheit – in Anlehnung an den Wahlspruch der Wiener Secession „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“ – werden die Meinungen und Standpunkte der Menschen 2018 zu diesem Thema auf allen sozialen Netzwerken gesammelt.

Tauchen Sie in die Diskussion ein: #DerKunstihreFreiheit

 

© WienTourismus/Wien Nord
© WienTourismus/Wien Nord

Service

Ausstellungen

Orangerie (Unteres Belvedere)
„Egon Schiele – Wege einer Sammlung“

19.10.201 bis 17.2.2019
Die Ausstellung setzt sich mit jedem einzelnen Werk der Schiele-Sammlung des Belvederes auseinander und behandelt Aspekte wie Erwerbung, Motiv und porträtierte Person, aber die Schau ermöglicht auch einen erweiterten Blick auf Schieles Bilder und seine Arbeitsweise.

Leopold Museum 
„Egon Schiele. Expression und Lyrik
“
23.2. bis 4.11.2018
Schieles Gemälde und Grafiken treten erstmals in einen Dialog mit seinen Autografen und Gedichten sowie Dokumenten, Fotografien und Gegenständen aus seinem Leben. Die Ausstellung eröffnet so neue Sichtweisen auf Schieles persönliches Erleben und auf sein lyrisches Talent. Parallel gezeigte Gegenwartskunst reflektiert auf Schieles Werk aus heutiger Perspektive.

Wiener Moderne 2018
2018 feiert Wien die Moderne. 100 Jahre zuvor starben vier ihrer wichtigsten Protagonisten: Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner und Koloman Moser. Sie prägten das Wien um 1900 nachhaltig.

Video

Egon Schiele im Porträt
Das Video zur Kampagne