19.05.2017 Peter Dittmar

Kunst im Netz - Mythos FSA-Fotografie

Amerika nach der großen Depression im Bild

Sie sind längst Ikonen der Fotografiegeschichte: die „Migrant Mother“, die abgehärmte Frau mit ihren Kindern vor einer Art Zelt, von Dorothea Lange, „Farmer and sons walking in the face of a dust storm, Cimarron County, Oklahoma“ von Arthur Rothstein oder „Washington, D. C. Government charwoman“ (Abb.), die Reinemachefrau vor der amerikanischen Fahne, von Gordon Parks. Was heute der (Foto-)Kunst ohne Probleme zuzuschlagen ist, war in den Dreißiger- und Vierzigerjahren Auftragsfotografie als Propaganda für die Farm Security Administration (FSA) im Rahmen von Franklin D. Roosevelts New Deal. Nach dem Scheitern der Resettlement Administration (RA), die die verarmten Farmer in wirtschaftlich effektiveren Landkollektiven zusammenfassen wollte, ihnen jedoch den Landerwerb verbot, sollte die FSA den Farmpächtern helfen, Land zu erwerben und so zu bewirtschaften, daß sie auskömmlich davon leben könnten.

In den Jahren 1935 bis 1944 wurde deshalb Fotografen und Autoren die Aufgabe übertragen, unter der Kontrolle von Washington – und zuletzt als eine Abteilung des United States Office of War Information (OWI), „Amerika den Amerikanern nahezubringen“. Ihnen wurde nicht vorgeschrieben, was sie zu berichten und zu fotografieren hatten. Sie durften aus einer Vorschlagsliste Themen auswählen, die das tägliche Leben der Wanderarbeiter betrafen. Oder der Farmer, die durch die Sandstürme in den Great plains, den Prärien östlich der Rocky Mountains, ihre Existenz verloren hatten – mit all dem Elend, das damit verbunden war.

Insgesamt entstanden rund 250.000 Aufnahmen, von denen etwa 175. 000 erhalten blieben. Sie gehören jetzt zum Bestand der Library of Congress in Washington. Da sich dieselben Motive oft nur minimal unterschieden, wurden nur etwa die Hälfte – etwa 77.000 Schwarzweiß- und 644 von 1600 Farbnegativen – für Veröffentlichungen abgezogen. Im Internet sind jedoch alle Bilder zu betrachten. Unter http://bit.ly/2pKjuNQ finden sich die 175 317 schwarzweißen Aufnahmen. Die 1615 Farbfotos sind über über Flickr http://bit.ly/1xmdiXh abzurufen. Dort allerdings, da sich die Suchfunktion nicht nur auf diese Bilder beschränkt, wird der gesamte Flickr-Bestand einbezogen.

Anders bei den Schwarzweiß-Fotos. Da ist – neben „View All“ – eine gezielte Auswahl nach einzelnen Fotografen wie nach Themen möglich. Zudem wird in mehreren Kapiteln das Projekt charakterisiert, die Katalogisierung und Digitalisierung erläutert. Dazu kommt noch eine ausführliche Bibliographie. Die einzelnen Aufnahmen sind gewöhnlich in mehreren Versionen – das Negativ vor und nach der Restaurierung, der Papierabzug und das digitalisierte Bild – zu betrachten. Außerdem fehlen weder technische noch inhaltliche Angaben. Daraus ergibt sich, dass „Migrant Mother“ ein verkürzter Titel ist. Lange notierte „Destitute pea pickers in California. Mother of seven children. Age thirty-two. Nipomo, California“. Und die Putzfrau, die Parks aufnahm, hieß Ella Watson, arbeitete seit 26 Jahren in Washington für ein Jahresgehalt von 1080 Dollar, mit dem sie drei von fünf Kindern unterstützte. Denn das berühmte Foto vom August 1942 gehört zu einer Serie, die auch die häuslichen Situation mit der Tochter und den Enkelkindern zeigt.

Wer wissen will, wo die FSA-Fotografen zu welcher Zeit arbeiteten, dem hilft http://photogrammar.yale.edu/map/, eine Website der Yale University, weiter. Sie beginnt mit einer Karte Amerikas, auf der alle Orte markiert sind, die für die FSA fotografiert wurden. Ein Klick auf den markierten Punkt öffnet ein Fenster, das zu den Aufnahmen führt. Außerdem läßt sich bei elf Fotografen und vier Fotografinnen verfolgen, wo sie wann gearbeitet haben. Der „Mythos FSA-Fotografie“, der von einzelnen außergewöhnlichen Aufnahmen ausgeht, verwandelt sich angesichts der Fülle dieser – manchmal eindrucksvollen, oft beiläufigen – Bilder zu einem bemerkenswerten Report über Amerika nach der großen Depression.

Service

Abbildung

Gordon Parks, 1942, http://hdl.loc.gov/loc.pnp/fsa.8b14845

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 9/2017