07.04.2017 Peter Dittmar

Kunst im Netz - Palmyra: Was war und was ist

Palmyra, das ist eine unselige Abfolge von Eroberung, Zerstörung, Empörung, Befreiung, Eroberung, Zerstörung, Empörung etc. Doch was ist geblieben? Was ist verloren? Was wird sein? Das Netz hat Informationen

Palmyra, das ist eine unselige Abfolge von Eroberung, Zerstörung, Empörung, Befreiung, Eroberung, Zerstörung, Empörung etc. Damit verbinden sich die Fragen: Was war? Was ist geblieben? Was ist verloren? Was wird sein? Wenn es um die Vergangenheit wie um die Gegenwart geht, vermag das Internet einige Auskunft zu geben. Ob dieses Wissen – neben den zahlreichen gedruckten Forschungsberichten und wissenschaftlichen Informationen – aber künftig hilfreich sein kann, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wie die archäologischen Stätten vor der Zerstörung aussahen, haben „The Guardian“, der „Syria Photo Guide“ und mit Aufnahmen vom 19. Jahrhundert bis in die Sechzigerjahre die Website „Photorientalist“ dokumentiert.

Diese Fotografien aus alter und neuerer Zeit sind jedoch nicht die einzigen Zeugnisse. Seit dem 17. Jahrhundert haben einzelne Reisende, noch nicht als Forscher, die Stadt besucht. Der Italiener Pietro della Valle, der zwischen 1614 und 1626 bis nach Indien reiste, war einer der ersten, der 1650 einen Bericht über die Stadt in der Wüste schrieb.Ihm folgte 1638 der Franzose Jean-Baptiste Tavernier. Und über die kommerziell motivierte Erkundungsreise einer Gruppe englischer Kaufleute 1691 veröffentlichte der Geistliche William Halifax 1695 seine Relation of a Voyage to Tadmor. 1696 erschien dann in dem Band The antiquities of Palmyra: alias Tadmor erstmals ein großer Stich der Ruinen als „Marmor Wildnis“. Er diente als Vorbild für ein Panorama-Gemälde in der Eingangshalle der Amsterdamer Universität. Beide sind auf der Seite „The Legacy of Ancient Palmyra“ des Getty Research Institute, einer knappen Einführung zur Archäologie Palmyras, abgebildet.

Wenn Johann Christoph Gottsched 1756 in seiner Zeitschrift über „Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit“ schreibt, „Die Engländer haben ganz allein das größte Verdienst um dieses alte Palmyra … Dahin gehöret nun ohne Zweifel die Beschreibung der Drümmer und Bruchstücke einer vormals so prächtigen Stadt, als Palmyra gewesen“ (S. 173 ff.), dann bezog sich das vor allem auf Robert Wood und James Dawkins, die 1751 nach Palmyra reisten und 1753 The Ruins of Palmyra, otherwise Tedmore, in the desart mit einem Plan der Stadt und mehr als fünfzig Stichen der Tempel und ihrer Details veröffentlichten (was allerdings noch nicht digitalisiert wurde). Anders die Voyage pittoresque de la Syrie, de la Phénice et de la Basse Egypte von Louis-François Cassas, die drei Bände mit 330 Stichen und Kommentaren umfassen sollte. Von den geplanten 110 Ansichten von Palmyra konnte er letztendlich nur 74 realisieren (von denen im letzten Jahr eine Auswahl im Graphischen Kabinett des Wallraf-Richartz-Museums in Köln ausgestellt war). Alle diese Kupferstiche, sehr genaue Gesamt- und Detailaufnahmen, sind in den Digital Collections des Getty Institute zugänglich (http://bit.ly/2o1pm4w und http://bit.ly/2ndX5UH). Dort findet man auch die ältesten Fotografien der Ruinen, die Louis Vignes 1864 aufgenommen hatte (http://bit.ly/2otMhlF).

Eine spielerische Annäherung versucht schließlich die Seite #Newpalmyra (www.newpalmyra.org). Sie summiert die unterschiedlichen Versuche, die zerstörten Tempel als 3D-Modelle zu rekonstruieren. Außerdem sind unter „Community“ / „Paper Palmyra“ Anleitungen herunterzuladen, anhand derer man den Triumphbogen, den Baal-Tempel und das Tetrapylon als Faltkarten-Papiermodelle nachbauen kann. 1986 / 87 verstand sich die Ausstellung „Palmyra – Geschichte, Kunst und Kultur der syrischen Oasenstadt“ in Warschau, Linz und Frankfurt als Ermunterung „für die Fortsetzung der Wiederherstellung dieser unsterblichen Hauptstadt“. Das könnte man heutzutage allenfalls mit einem großen Fragezeichen schreiben.

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KUNST UND AUKTIONEN NBr. 6/2017