02.09.2016 Jan Maruhn

Die schöne Linie des Capability Brown

Unser Bild von der Natur hängt mit dem Englischen Landschaftsgarten zusammen. In diesem Jahr wäre sein geistiger Vater Lancelot Capability Brown 300 Jahre alt

Die Sehnsucht nach einer schönen und wahren Natur ist heute stärker denn je. Wir alle wollen das Grüne, das Üppige, das Wahre und das Ursprüngliche erleben. An Wochenenden strömt der Städter hinaus in die Natur. Und doch ist das, was wir so sehnsüchtig suchen nicht der Urwald, nicht die Wildnis. Viel eher geht es um ein Bild von Natur, ein Bild, das nachhaltig bestimmt wird von der Architektur englischer Landschaftsgärten. Lancelot Brown, wegen seiner Fähigkeiten „Capability“ genannt, wurde vor dreihundert Jahren geboren und avancierte in den 1740er Jahren zu einem Meister seines Faches und die englische Oberschicht beauftragte ihn so gern und oft wie niemanden sonst. 

Während der von André LeNotre in den 1660er Jahren entwickelte barocke Garten kaum 80 Jahre strenge ästhetische Standards setze, reizt der englische Landschaftsgraten seit fast dreihundert Jahren ungebrochene Sehnsuchtsvorstellungen einer schönen Natur. Capability Brown war dessen Meister. Keine Blumen und Buntheiten störten seine idealen Landschaftsbilder. Nur unterschiedliche Grüntönungen wechselten einander ab, Solitärbäume und Baumgruppen und Rasenflächen zeigen, wie variantenreich ein Garten tönen kann, wenn auch nur eine Farbe ihn bestimmt: das naturhafte Grün.

Meisterlich inszeniert Capability Brown Vanbrughs gigantische Palastanlage für den Herzog von Marlborough, so dass das barocke Schloss wirkt wie eine Reihe von Pavillons, die sich seiner Gartenarchitektur unterordnen kann und will. Mit weit geschweiften Wegelinien, den Wasserspiegeln der Parkseen und ihrem Pendant, den ausgreifenden Rasenspiegeln, komponiert Brown immer neue Varianten einer picturesque landscape, also einer bildhaften Landschaft. Ganz der französischen Malerei im Rom des 17. Jahrhunderts verpflichtet, erstehen die heroischen und pastoralen Ideallandschaften von Claude Lorrain und Poussin noch einmal, Rom kommt nach England und wird begehbar. Englands Landschaft verwandelt sich unter Browns Händen in einen Paradiesgarten; Felder werden zu weitläufigen Rasenflächen, Wälder komponiert zu rhythmisierten Hainen, die fast schon musikalisch in unterschiedlichen grün-silbernen Tönen zu schwingen beginnen. Erhabenheit und spielerische Leichtigkeit halten sich die Waage. Spannungsreiches und Entspanntes bieten die Bilder mit denen Capability Brown seine gärtnerischen Sehnsuchtsräume choreographiert. Erstmals in der Geschichte der Gartenarchitektur entstehen ungeahnte Weiten. 

Die monumentalen Räume öffnen eine neue Welt. Städte waren oft dicht bebaut, kein Blick konnte weit schweifen, die landwirtschaftlichen Räume waren durch Steinmauern begrenzt und dunkle Wälder hielten immer wieder den Blick auf. Erst in den Landschaftsgärten und im Besonderen den sehr weitläufigen Gartenpanoramen Capability Brown konnte der Blick in ungeahnte räumliche Tiefen gleiten, ungehindert über Rasenspiegel, hinweg über spiegelnde Seen, hindurch durch luftige Waldkompositionen in weite Fernen geführt werden. In Prior Park entwirft Brown für den Unternehmer Ralph Allen unweit von Bath um 1750 seinen dramatischsten, seinen heroischsten Garten. Das auf einem hohen Hügel platzierte Herrenhaus eröffnet den Blick auf einen schier endlosen Rasen. Dessen helles Grün wird flankiert durch dunkel leuchtende Baumgruppen, die die Sicht mal verengen und mal erweitern. Tief im Tal hält eine palladianische Brücke den Blick kurz auf, um ihn dann in einem galanten Schwung über die Türme der Stadt Bath zu lenken bis hinauf zu den grandiosen, wie mit dem Zirkel gebauten halbkreisförmigen Wohnanlagen, den auf den Hügeln jenseits der Stadt gelegenen herrschaftlichen Crescents. Mehr als 150 Gärten hat der erfolgreichste Landschaftskünstler seiner Zeit geschaffen und seine ‚schöne Linie’, die sich wie ein Kontur in der Malerei durch seine begehbaren Landschaftsbilder zieht, schließt den Kreis zur bildenden Kunst. Bild und Landschaft werden bei ihm eins.

Aus Anlass des 300. Geburtstags des Parkpioniers findet im Museum für Gartenkunst im Düsseldorfer Schloss Benrath am 6. September ein Kolloquium unter dem Titel „Europäische Landschaftsgärten zwischen Kulturtansfer und Originalitätsanspruch“ statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung per E-Mail an tagung@schloss-benrath.de wird gebeten.