20.06.2016 Matthias Ehlert

"Typewritings" – Bilder aus Zeichen

In den 1970er und 1980er-Jahren schuf Ruth Wolf-Rehfeldt in Ostberlin ein erstaunliches Werk von „Typewritings“. Heute entdeckt es eine neue Generation wieder

Berlin-Pankow, Mitte der 1970er Jahre. In einer Erdgeschosswohnung in der Mendelstraße sitzt eine zierliche Frau über ihre Schreibmaschine gebeugt. Sie tippt keine Briefe, keine Tagebücher und auch keine Beschwerden darüber, dass es in ihrer Wohnung ständig feucht und kalt ist. Sie tippt stattdessen Bilder auf ihrer „Erika“, schafft aus unzähligen Buchstaben, Nullen, Kommas, Pfeilen oder Pluszeichen kleine grafische Wunderwerke. Während draußen schon frühmorgens die Fahrzeuge der Stadtreinigung vorbeidonnern, die gegenüber ihren Betriebshof hat, klackern drinnen leise und beharrlich die Schreibmaschinentasten – wie Regentropfen, die sich zu seriellen Mustern fügen.

Ruth Wolf-Rehfeldt,
Ruth Wolf-Rehfeldt, "Introverse Extroverse", 1975 (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Drinnen und draußen, das sind für Ruth Wolf-Rehfeldt schon immer zwei ganz getrennte Seinserfahrungen. Draußen heißt Kommunikation, Lärm, Zumutung, drinnen bedeutet Konzentration, Stille, Bei-sich-sein. Sie selbst bevorzugt eindeutig das Drinnen und hat deshalb – „Gegensätze ziehen sich an“ – einen Mann geheiratet, der das genaue Gegenteil verkörpert. Robert Rehfeldt ist in den Siebzigerjahren der große Zampano der DDR-Kunst an der Schnittstelle zwischen halboffiziell und unangepasst. Ein geduldeter Hofnarr, der gern viele Leute um sich schart, ständig neue Projekte ausbrütet, von Joseph Beuys schwärmt, sich in den verschiedensten Genres, von der Malerei bis zum Schmalfilm, probiert und schließlich mit seiner Mail Art zu einer Berühmtheit wird. „Wenn das Telefon klingelte“, erinnert sich Ruth Wolf-Rehfeldt heute,“ lief er immer sofort hin, aus Angst etwas zu verpassen. Ich ließ es lieber klingeln, es hätte ja etwas auf mich zukommen können.“

Ruth Wolf-Rehfeldt
Ruth Wolf-Rehfeldt (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Zwanzig Jahre zuvor, an einem Frühlingstag 1954, war dieser Robert Rehfeldt auch seiner künftigen Frau sofort hinterhergelaufen, nachdem er sie auf der Straße gesehen hatte. Verpassen wollte er nichts. Und wurde so zum Schicksalsboten, der ihr das Tor zu einer Welt aufstieß, die sie vielleicht von selbst nicht betreten hätte. Aus dem sächsischen Wurzen war Ruth Wolf damals als kaufmännische Angestellte nach Ostberlin gekommen, hatte an der Arbeiter- und Bauernfakultät ihr Abitur nachgeholt und begonnen, Philosophie zu studieren. Nun taucht sie, frisch verheiratet, in die Künstlerboheme ein, in der ihr feierfreudiger Mann mit seinem Kelleratelier in Mitte ein Dreh- und Angelpunkt ist.
Die beiden führen nicht nur eine Ehe, sie gehen auch eine fruchtbare Arbeitsbeziehung ein. Sie ist sprachtalentiert, was ihm, der alles Ausländische liebt und gern polnische oder englische Phrasen in seine Monologe einfließen lässt, sehr zupasskommt. Er ermutigt sie in ihren künstlerischen Versuchen, teilt bereitwillig sein Wissen mit ihr. „Im Unterschied zu mir hatte Robert richtig Kunst studiert, ich bin ja nur eine Autodidaktin“, sagt sie, beinahe entschuldigend. Sie beginnt, neben ihrer Tätigkeit im Archiv der Akademie der Künste, zu zeichnen und zu malen, schreibt Gedichte, die in ihrer Lakonie an Ringelnatz erinnern.

Ruth Wolf-Rehfeldt,
Ruth Wolf-Rehfeldt, "Weit Fliegen Wehen (Words Waves)", 1974 (Foto: Courtesy by the artist & Chert, Berlin)

Inzwischen hat die 68er-Zeit begonnen, im Westen demonstrieren die Studenten, in der Dritten Welt formieren sich Befreiungsbewegungen, und im Osten testet man vorsichtig aus, was alles möglich ist. Zum Beispiel Karten verschicken in die ganze Welt. 1971 hat der französische Kunstwissenschaftler Jean-Marc Poinsot den Begriff „Mail Art“ geprägt – als Label für eine künstlerische Praxis, die bereits von Protagonisten der Fluxus-Bewegung wie Ray Johnson oder Ben Vautier in den Sechzigerjahren erprobt worden war. Auf einer Postkarte oder einem gestalteten Briefumschlag senden sich Künstler ihre Einfälle zu und schaffen so ein Netzwerk kollektiver Kreativität. Robert Rehfeldt reagiert enthusiastisch auf diese neue künstlerische Bewegung, an der jeder teilhaben kann und die etwas leicht Subversives hat. Er beginnt sich Adresslisten von Künstlern zu besorgen und stürzt sich manisch in die Korrespondenz: „Ich schicke Ihnen einen Gedanken. Bitte denken Sie ihn weiter.“ So wird er zur zentralen Figur der Mail Art in der DDR.

Ruth Wolf-Rehfeldt betrachtet ein Foto, auf dem ihr Mann (mit Gitarre) zu sehen ist.
Ruth Wolf-Rehfeldt betrachtet ein Foto, auf dem ihr Mann (mit Gitarre) zu sehen ist. Robert Rehfeldt war eine wichtige Figur der DDR-Künstlerboheme, sein Leitmedium war Mail Art (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Seine Frau Ruth legt gelegentlich ihre auf der Schreibmaschine gefertigten Schrift-Bilder bei, die natürlich zu leise sind, um mit den starken Parolen der Männer mitzuhalten. 1972 werden sie das erste Mal in einer Gruppenschau vorgestellt, bezeichnenderweise nicht in der DDR, sondern im polnischen Wroclaw. Drei Jahre später organisiert Robert Rehfeldt die erste Mail-Art-Ausstellung der DDR, indem er sich Postkarten nach Warschau schicken lässt, mit denen er die Galerie Teatru bestückt. Parallel dazu werden zum Teil vergrößerte „Typewritings“ von Ruth Wolf-Rehfeldt gezeigt, die für Aufsehen sorgen. Es ist die erste Einzelausstellung der inzwischen 43-Jährigen.

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Ruth Wolf-Rehfeldt, "ohne Titel" (Wörter series) / "Gefährliches Gleichgewicht / Dangerous Balance", späte 1970er; (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Sie hat zu diesem Zeitpunkt ihren Stil gefunden und scheint sich nun auch selbst als Künstlerin ernst zu nehmen; 1978 wird ihrem Aufnahmegesuch in den Verband Bildender Künstler der DDR (VBK) entsprochen. Im Nachhinein wirkt alles ganz folgerichtig: Jahrelang oszillierend zwischen Zeichnungen und Gedichten, zwischen visueller und poetischer Kunst, mit deren Resultaten sie nie ganz zufrieden war, gelingt Ruth Wolf-Rehfeldt in den 1970ern der Durchbruch zu einer neuen, ihr gemäßen Form. Oder mit ihren eigenen Worten: „Ich war ganz erstaunt. Mit der Schreibmaschine konnte man ja alles Mögliche machen.“

Ruth Wolf-Rehfeldt,
Ruth Wolf-Rehfeldt, "Information (Informationsbildung)", 1970er / "Cages on the run", 1980s; (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Schaut man sich heute diese Arbeiten an, so lässt sich ihre künstlerische Entwicklung gut verfolgen. Am Anfang spielt sie vor allem mit Wörtern und Buchstaben, es sind kleine dadaistische Einfälle, die sie umsetzt. Doch dann macht sie sich immer freier von semantischen Bedeutungen, benutzt auch die anderen Zeichen, die Kommas und Striche. Kuben, Kästen, Käfige nennt sie nun ihre Schöpfungen, die eine räumliche Dimension gewinnen und zugleich in ihrer Begrenztheit und Verdichtung ein abstraktes Sinnbild für die menschliche Käfighaltung in der DDR sind. Seltsame Golems erweckt sie zum Leben, wie den Kopffüßler „Punky“. Doch was am meisten frappiert an den über 600 Arbeiten, die in jenen Jahren entstehen, ist die schier unendliche Vielfalt an Variationen. Damit kann sich ihr Werk etwa neben dem Eugen Gomringers, des ungleich berühmteren Erfinders der Konkreten Poesie, selbstbewusst behaupten.

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Ruth Wolf-Rehfeldt, "Punky"(Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Doch die kreative Quelle sprudelt nicht ewig. Mit dem Ende der DDR ist sie endgültig ausgetrocknet. Eine letzte Auftragsarbeit für eine 50-Quadratmeter-Kachelwand kommt über das Stadium der Skizze nicht hinaus. Es scheint fast so, als würden die neuen Zeiten Ruth Wolf-Rehfeldt Angst machen. Man muss sich jetzt verkaufen, muss kommunizieren, muss immer up to date sein. Sie zieht sich zurück und beendet ihre künstlerische Produktion: „Es gibt so viel Kunst, dachte ich, da brauche ich nicht auch noch welche zu machen.“ Ihr Mann dagegen stürzt sich voller Elan in die gesteigerten Möglichkeiten, sammelt die abgehängten Honecker-Porträts aus den Amtsstuben, um damit ein riesiges Einheitskunstwerk zu gestalten – und stirbt 1993 überraschend im Alter von 62 Jahren.

Eine von Ruth Wolf-Rehfeldt in Kollaboration mit Ruggero Maggi gestaltete Karte aus den friedensbewegten 1980ern (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)
Eine von Ruth Wolf-Rehfeldt in Kollaboration mit Ruggero Maggi gestaltete Karte aus den friedensbewegten 1980ern (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Berlin-Pankow, im März 2016. In einem von Pflanzen umarmten Einfamilienhaus im Ortsteil Französisch-Buchholz öffnet Ruth Wolf-Rehfeldt die Tür. Sie hat gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert. Sechs Wochen lang habe ich versucht sie zu erreichen, ohne Erfolg. Sie sei auf einem Yoga-Retreat, hieß es. Natürlich stellt man sich da eine sonnige Insel in Thailand oder Indonesien vor. Später stellt sich heraus, dass sie die ganze Zeit zu Hause war. Jedes Jahr mache sie das, ziehe den Stöpsel aus dem Telefon, breche alle Kontakte nach außen ab und reduziere sich selbst auf das Allerwesentliche – wie ein Tier im Winterschlaf.
Sie wirkt frisch und klar, ein wenig schüchtern und frei von Eitelkeit. Rummel um ihre Person liegt ihr nicht. Noch immer bewahrt sie in einem eigenen Raum in dicken, sorgsam beschrifteten Ordnern die Mail-Art-Korrespondenz von sich und ihrem Mann auf. Doch das ist Vergangenheit, auch wenn jüngere Künstler gelegentlich versuchen, mit ihr an die alten Zeiten anzuknüpfen. „For Ruth the sky in los angeles“ steht auf einer frisch eingetroffenen Karte. Sie hat sich darüber gefreut, „aber das Gute an der Mail Art ist ja, dass es keinen Zwang gibt zu antworten“.

Ruth Wolf-Rehfeldt - Sammlung von Briefen
Noch immer bekommt Ruth Wolf-Rehfeldt Post von jungen Künstlern (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Blickt man sich um in ihrem mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer, in dem der bei alleinstehenden älteren Herrschaften obligatorische Fernseher fehlt, erkennt man, wohin sich ihre Interessenschwerpunkte verlagert haben. Die Weltreligionen, Astronomie, Esoterik. Eine Tageszeitung hat sie nicht abonniert, dafür „Bild der Wissenschaft“. Die aktuelle Ausgabe mit einem Titel über Gravitationswellen liegt griffbereit. Es beschleicht einen das Gefühl, dass hier noch immer Gedanken Gestalt annehmen könnten, dass es so etwas wie ein geheimes Spätwerk der Ruth Wolf-Rehfeldt geben könnte. Doch sie wiegelt ab: „Wenn ich einmal mit etwas aufhöre, dann ist das endgültig. Ich beschäftige mich jetzt mit Sachen, die Sie nicht sehen.“
An ihrer Seite ist die junge, aus der Nähe von Mailand stammende Jennifer Chert, die in Berlin eine Galerie betreibt. Über komplizierte Umwege, bei denen die Mail Art und das Museum of Modern Art eine Rolle spielen, ist sie zufällig auf die „Typewritings“ von Ruth Wolf-Rehfeldt gestoßen. Sie war so elektrisiert davon, dass sie auf der Stelle eine große Recherche startete, an deren Ende bald ein Werkverzeichnis und eine Präsentation auf der Art Basel stehen.

Ein Blick in das Mail-Art-Archiv der Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt
Ein Blick in das Mail-Art-Archiv der Künstlerin, im Vordergrund eine Collage Robert Rehfeldts (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Doch Jennifer Chert war nicht die Erste, die dieses in der Wendezeit verschüttete Werk wiederentdeckte. 2009 richtete die Weserburg in Bremen die Ausstellung „obenauf

„Ich war ganz erstaunt: Man konnte ja alles Mögliche mit der Schreibmaschine machen.“

und ungebrochen“ aus, die sich mit Künstlerpublikationen aus der DDR beschäftigte. Mit dabei auch Arbeiten von Ruth Wolf-Rehfeldt, die ästhetisch so herausragten, das Anne Thurmann-Jajes, die Leiterin der Weserburg, beschloss, den Vorlass dieser Künstlerin zu erwerben und ihr zum achtzigsten Geburtstag 2012 eine Retrospektive auszurichten. Daneben bemühte sich der Berliner Psychoanalytiker und Kleinverleger Lutz Wohlrab, der noch als junger Mann in den Achtzigerjahren zur Ostberliner Mail-Art-Szene gestoßen war und dabei auch Ruth Wolf-Rehfeldt kennengelernt hatte, mit kleinen Editionen, die Erinnerung an ihr für die DDR singuläres Werk wachzuhalten.

Ruth Wolf-Rehfeldt,
Ruth Wolf-Rehfeldt, "Defeat Victory", 1974 (Foto: Courtesy the artist & Chert, Berlin)

Anne Thurmann-Jajes und Lutz Wohlrab könnten die Kinder von Ruth Wolf-Rehfeldt sein, Jennifer Chert ihre Enkelin. Dass alle drei, aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommend, ein so starkes Interesse für ihr Werk zeigen, zeugt von dessen künstlerischer Qualität. Es ist eben nicht, wie so vieles aus der DDR, an die konkreten Umstände gebunden, an ein von den Zeitläuften überholtes Ankämpfen gegen den realsozialistischen Stumpfsinn. Es wirkt autark, eigensinnig, wie eine subjektiv notwendige Reise nach innen, wo aus Gedanken Zeichen werden, aber auch wie ein Prolog zur digitalen Kunst. Jede Generation kann es so für sich aufs Neue entdecken. Ruth Wolf-Rehfeldt selbst trägt ihre späte künstlerische Wiederauferstehung mit buddhistischem Gleichmut: „Ich wäre nicht unglücklich gewesen, wenn es nicht passiert wäre“, sagt sie, „weil ich es nicht erwartet habe.“ Dabei umspielt ein Lächeln ihre Lippen, so als wolle sie noch sagen, dass man den Dingen mit Zeichen nicht mehr nahekommt. Aber vielleicht wieder mit Gedanken.

Diesen Beitrag finden Sie in der WELTKUNST Nr. 114/2016 – Berlin-Spezial