06.09.2016 Lisa Zeitz

Wachgeküsst nach 300 Jahren

Die überfällige Wiederentdeckung des bayrischen Barockkünstlers Johann Andreas Wolff

Eine Himmelserscheinung: Christus nimmt seine Mutter in Empfang, und die beiden blicken sich an wie frisch verliebt. Die ungewöhnliche „Himmelfahrt Mariens“ ist dramatisch komponiert, mit steilen Perspektiven und schwindelerregender Untersicht im Gewimmel der Engel, mit starken Kontrasten zwischen heller Haut und den dunklen Tiefen der kunstvoll drapierten Gewänder. Aber wer war der Künstler?

Im Jahr 1701 vollendete Wolff die
Im Jahr 1701 vollendete Wolff die "Himmelfahrt Mariens", die heute in der Lambergkapelle im Passauer Dom zu bewundern ist.

Manchmal braucht es einen Anlass, um das Werk eines vergessenen Meisters wieder ans Licht zu holen. Der 300. Todestag von Johann Andreas Wolff war für eine ganze Reihe von Forschern die Gelegenheit, sich seinem Leben und Schaffen zu widmen. Nun hat ein Kapitel bayerischer Kunstgeschichte endlich wieder Formen angenommen. Einer der wichtigsten süddeutschen Künstler der Zeit um 1700 wurde mit der ersten umfassenden Schau seines zeichnerischen Œuvres in der Staatlichen Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne geehrt – und gerade ist auch eine fast 400 Seiten starke Publikation des Zentralinstituts für Kunstgeschichte erschienen, die die Quellenlage, seine Einflüsse, seine höfischen und kirchlichen Auftraggeber und sein Nachleben beleuchtet.

Bisher war Wolff als Maler von Altären und Deckenbildern greifbar, meist an den Orten in Bayern und Österreich, für die er Werke schuf: in der Residenz und in verschiedenen Kirchen Münchens, in Pfaffenhofen, Indersdorf und Straubing, Andechs, Berg am Laim, Erding, Amberg, Passau, Landshut, Dießen, Waldsassen oder Kremsmünster. Und trotz der umfangreichen Produktion kannten sogar viele Kunsthistoriker kaum seinen Namen. Warum? Gestorben ist Wolff 1716 an der Schwelle zum Rokoko. Auf ihn folgte eine Reihe bayrischer Rokokokünstler wie Ignaz Günther und die Gebrüder Asam, die es mit ihrem überbordenden Erfindungsreichtum dauerhaft zu Weltruhm gebracht haben. In ihrem Schatten ist Johann Andreas Wolff, der Maler des Spätbarock, in Vergessenheit geraten – bis jetzt.

Johann Andreas Wolff schuf sein Selbstbildnis um 1700 (Staatliche Graphische Sammlung, München).
Johann Andreas Wolff schuf sein Selbstbildnis um 1700 (Staatliche Graphische Sammlung, München).

 

Ernste, intelligente Augen schauen den Betrachter aus seinem Selbstbildnis an. Die Attribute des Malers fehlen, das Haar ist dynamisch zerzaust. Wenn er außer Haus ging, soll er nach neuester Mode eine Perücke getragen haben, doch hier wirkt er ungekünstelt und selbstbewusst. Geboren wurde er wohl am 11. Dezember 1652, denn für diesen Tag ist seine Taufe in der Münchner Frauen­kirche dokumentiert. Die erste Ausbildung absolvierte er bei seinem Vater, der Maler war, obwohl der junge Johann eigentlich hätte studieren sollen: Jedoch, schreibt ein Zeitgenosse, seien statt schriftlicher Übungen „mehrenteils Hirschen, Pferde und andere Thiere auf das Blatt gekommen“. Alles, was die Kunst betraf, sog er „behend und feurig“ auf. Besonders die Kompositionen Raffaels, heißt es, hätten es ihm angetan. Wolffs Lebensbeschreibung, die von seinem Schüler Johann Degler stammt, zeichnet das Bild eines­ vergeistigten, durch und durch von der Kunst durchdrungenen Mannes. „Vom Wein ist er, bis in sein hohes Alter, kein Liebhaber gewesen.“ Und auch beim Essen sei es immer nüchtern und bescheiden zugegangen, „den delikaten Speisen hat er nicht nachgefragt“. Er redete wenig, schrieb Johann Degler,­ „außer, was von der Kunst gewesen, da war er daheim“.

Frauen waren ihm nicht wichtig: „Man hat ihn gleichsam zum Heyrathen überreden müssen.“ Die hohe Kindersterblichkeit der Zeit hat auch vor Wolffs Familie nicht Halt gemacht. Von den vielen Kindern, die er mit seiner Frau, der Tochter eines Bildhauers, hatte, sieben Töchter und zwei Söhne, haben nur zwei Töchter die Eltern überlebt. Eine der beiden ist auch Malerin geworden, jedoch ohne „offenbahre Freudt“ – und man kennt heute ihre Werke leider nicht mehr. Wolff soll die Heilige Schrift fast auswendig gekannt haben „und auch in andern Büchern, wenn er nicht gemalet, immer gelesen und studiert, auch mit erfahrnen Leuten und Gelehrten sehr gerne von der Kunst geredet“. Sein Ansehen zeigt sich in seinen Titeln, etwa als „Hochfürstlicher Hofmaler“ des Fürstbischofs von Freising und als kurfürstlicher Hofmaler am bayerischen Hof, doch er wusste sich seine Unabhängigkeit zu er­halten und nahm auch Aufträge des bayerischen Adels an.

Wolff sammelte Kupferstiche und wusste über Kunstwerke in Rom und andernorts gut Bescheid. Die Auseinandersetzung mit dem italienischen Barock klingt in vielen Werken an. Er kam nicht groß herum, nur Reisen nach Augsburg, Passau und Salzburg sind überliefert. Als Kurfürst Max Emanuel ihn einmal auf Staatskosten zur Weiterbildung nach Paris schicken wollte, habe der Künstler ihn gebeten, ihn doch „in seinem Vatterland zu lassen“.

Wolff hat nicht nur gemalt, er hat ganze Altarprogramme mit Skulpturen für Bildhauer entworfen, sich auch als Kunstintendant und als Architekt – mit Plänen für die Modernisierung der Prämonstratenserkirche in Schäftlarn – und wohl sogar als Garten­architekt betätigt. Seine profanen und sakralen Festarchitekturen haben nicht überlebt – und waren auch nie für die Ewigkeit geplant, aber ein paar Entwürfe, Nachstiche und Textquellen berichten davon. Auch mit Gutachten wurde Wolff als Kunstsachverständiger betraut – und um 1710 soll er in München eine Kreuzigungsszene von Tintoretto restauriert haben, die sich heute im Stift Haug in Würzburg befindet.

Wenn von Zeitgenossen eine Kritik an Wolff überliefert ist, dann die, er sei ein „pictor lentus“ gewesen, ein langsamer Maler. Oft fertigte er verschiedene Entwürfe an und verwarf seine Pläne wieder, bis er zu seiner endgültigen Komposition fand. Die wunderbare Zeichnung von Venus und Amor, eine Studie für ein Deckengemälde im Vierschimmelsaal der Münchner Residenz, ist dafür ein Beispiel. Mit freiem Strich skizziert er die Federn der Schwäne, das lockige Haar der Venus und umreißt die Körper. Mit dem Pinsel laviert er meisterhaft die Wolken und verteilt die dunklen Partien auf dem Blatt. Bis zum fertigen Gemälde hat er die Komposition noch erheblich verändert.

Der Künstler malte zeitlebens in Öl, keine Fresken. Für das riesige Hochaltarbild der Benediktinerstiftskirche Kremsmünster wünschte er sich eine nahtlose Leinwand von rund sechs mal vier Metern. Daher ließ er eigens einen Webstuhl anfertigen, den er sogar als Attraktion im Münchner Rathaus ausstellen ließ, um sein Image zu pflegen. Jedoch kratzte gerade der Auftrag von Kremsmünster an seinem Ruf, denn die Ausführung des Altarbildes zog sich über Jahre hin. Den Vertrag hatte er schon 1699 abgeschlossen, aber das Gemälde lieferte der „pictor lentus“ erst dreizehn Jahre später.

 

Die lavierte Federzeichnung
Die lavierte Federzeichnung "Venus und Amor auf einem von Schwänen gezogenen Himmelswagen" (um 1693) zählt zu den reichen Beständen der Staatlichen Graphischen Sammlung in München.
Neue Publikationen

„Johann Andreas Wolff – Zeichenkunst in München um 1700“ Ausstellungsatalog der Staatlichen Graphischen Sammlung München (2016) im Deutschen Kunstverlag, 344 S., 39,90 Euro

Im Juni 2016 erschien »Johann Andreas Wolff (1652–1716) – Universalkünstler für Hof und Kirche« im Apelles Verlag, 372 S., 35 Euro

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WELTKUNST Nr. 117 / 2016