29.07.2019 Christiane Meixner

Neustart am Goldenen Reiter

Die Galerie Gebr. Lehmann vertritt Dresdens Malerstars

Die prächtige Silhouette der Stadt mit Albertinum, Frauenkirche und Kunstakademie liegt auf der anderen Seite der Elbe. Frank und Ralf Lehmann haben den Siebzigerjahre-Bau am Ende der Hauptstraße abbekommen: ein Ensemble aus Läden und darüber Wohnungsbau. Dass beides saniert werden müsste, ist unübersehbar, hat aber auch Vorteile. Die Räume sind erschwinglich, trotz ihrer zentralen Lage.

Kein typischer White Cube

Drinnen sieht es aus, als hätten Lehmanns eben ihre erste Galerie eröffnet – ein bisschen rau, leicht improvisiert. Dabei gibt es sie schon 30 Jahre. Erst waren sie in der Äußeren Neustadt, seit 2018 sitzen sie am Neustädter Markt mit Blick auf den Goldenen Reiter. „Nahe am Touristenstrom, aber nicht mittendrin“, meint Ralf Lehmann. Diesmal seien sie nicht in den üblichen White Cube gezogen, sondern in ein Geschäft mit Geschichte: Hier gab es mal ein Reisebüro und bald nach der Wende das Versandhaus Quelle. Die Galeristen haben die Wände weiß gestrichen, das Licht optimiert und ihre Möbel aus der Görlitzer Straße hineingestellt. Dennoch lässt es sich kaum vergleichen, vor allem nicht mit dem kühlen Ambiente jener Berliner Dependance, die das Duo parallel zu Dresden von 2007 an neun Jahre lang ebenfalls gemeinsam führte.

Frank (links) und Ralf Lehmann vor ihrer Galerie in der Neustadt. Den Brunnen, zu dem es ein Gegenstück auf der anderen Seite des Platzes gibt, schuf der renommierte Dresdner Künstler Friedrich Kracht 1979, Foto: Galerie Lehmann
Frank (links) und Ralf Lehmann vor ihrer Galerie in der Neustadt. Den Brunnen, zu dem es ein Gegenstück auf der anderen Seite des Platzes gibt, schuf der renommierte Dresdner Künstler Friedrich Kracht 1979, Foto: Galerie Lehmann

Die Anfänge der Galerie Gbr. Lehmann

Nun sind Lehmanns ganz zurück, komplett konzentriert auf jene Stadt, in der sie  Ende der Achtzigerjahre erste Ausstellungen organisierten. Ein schwarz-weißes Foto, das sich heute im Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung befindet, zeigt die beiden in ihrer Wohnung, die gleichzeitig als Galerie „Artefakt“ fungierte. Mit Dresdner Künstlern wie Hirschvogel oder Wilhelm Müller, Jahrgang 1928, fing es an. Später kamen junge Absolventen der Kunstakademie – Eberhard Havekost, Frank Nitsche und Olaf Holzapfel – hinzu. Alle drei sind heute eta­bliert, international unterwegs – und immer noch im Programm der Galerie. Was dafür steht, dass Lehmanns gute, kontinuierliche Arbeit leisten. Dazu zählt auch die Zeit in Berlin. Ein Ausstellungsraum in der Hauptstadt war in den Nullerjahren genau richtig, weil der Sog damals alle erfasste: Sammler, Künstler, ­Galeristen. Inzwischen, so sieht es Ralf ­Lehmann, sei der Hype von Berlin vorbei. „Wir sehen, dass die Sammler unserer Künstler auch nach Dresden kommen, wenn sie ­etwas interessiert.“ 

Mit im Galerie-Programm: Ein Hamburger Tätowierer

Im Büro hat er gerade zwei Arbeiten von Lisa Pahlke aufgehängt, weil sich ein Interessent angekündigt hat. Pahlkes dynamische Streifenbilder waren im Frühjahr in der Galerie ausgestellt. Jetzt ist Stephanie Lüning dran, auch sie eine ehemalige Studentin der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Ihre Leinwände, auf denen gefärbte Eiswürfel geschmolzen sind, zeigen wunderbar transparente, abstrakte Muster. Im Sommer folgen fotografische Arbeiten von vier Künstlern, darunter Tilman Hornig und Herbert Hoffmann. Der legendäre Hamburger Tätowierer wird schon lange von Lehmanns vertreten, wirkt aber – ähnlich wie der japanische Pop-Art-Pionier Keiichi Tanaami – wie ein Ausreißer in ihrer Konzentration auf die malerischen und konzeptuellen Positionen der eigenen Stadt.

Leidenschaft für Malerei

Dresden, das sei „der gute Draht zu den Institutionen, eine wohltuende Verbindlichkeit und die angenehme Zusammenarbeit mit den Sammlern“, erklärt Ralf Lehmann. Auf wichtigen Messen wie der Art Cologne wird am Netzwerk geknüpft, zu Hause habe man Zeit für die Künstler. Mehr als zuvor während der langen doppelten Galerieführung. Denn die Kunst steht für Frank und Ralf Lehmann im Zentrum. Vor allem Malerei in ihrer reichen Sprache: bei Havekost im weitesten Sinn gegenständlich, bei Nitsche auf Formfragmente reduziert. Ob diese Liebe zum Figurativen mit Dresden zu tun hat, wo die Historie, auch die des Tafelbildes, überall zu spüren ist? Das sei sicher ein Grund, sagt Ralf Lehmann, der sich privat bei den Freunden der Staatlichen Kunstsammlungen, dem Verein Museis Saxonicis Usui, engagiert. Ihr Programm verstehe sich jedoch auch als Ergänzung – als Zeichen dafür, dass jede Zeit ihre eigenen Erzählformen findet. 

 

Service

Ausstellung

„Fotografie“
mit Horst Ademeit, Herbert Hoffmann, Tilman Hornig, Walter Niedermayr

Galerie Gebr. Lehmann
bis 3. August

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 159/2019