Kunsthandel

Tollkühner Spagat

Der Künstler Holger John ist in Dresden auch als Galerist erfolgreich

Von Christiane Meixner
11.07.2019

Superman ist gelandet und Anlass für zahllose Selfies. Denn die Figur aus blau-rot bemaltem Kunststoff, geschaffen vom Berliner Künstler Marcus Wittmers, war zielunsicher an diesem Tag: Mit dem Gesicht voran bohrt sie sich in das Pflaster vor der Galerie Holger John und zeigt, dass auch Helden Fehler machen. Ein Menetekel? Nicht für John. Was der Mann anpackt, wird entweder zum Spektakel – oder zur Sensation.

Als solche darf man seine Galerie in der Dresdner Neustadt ruhig bezeichnen. Entstanden ist sie aus einer Laune heraus, als Event für ein langes Wochenende und Sidekick zum jährlichen Galerienrundgang. Inzwischen besteht sie seit fünf Jahren. Und John, eigentlich Künstler und geschätzter Organisator für kulturelle Events, hängt im „Gewand des Galeristen“ fest. So fühlt es sich jedenfalls für ihn an. Als Vermittler zeitgenössischer Kunst sieht er sich. Zugleich aber ist das hier auch seine „längste Performance“. Mit einer Bilanz von Tausenden Besuchern und über 50 Ausstellungen mit Arbeiten etwa von Cornelia Schleime, Siegfried Klotz, André Smits, A. R. Penck, Georg Baselitz oder Till Lindemann.

Letzterer, der Frontmann der Band Rammstein, hat die Galerie bekannt gemacht. Zwar ist auch John ein echter Ankerpunkt in Dresden. Doch Lindemann sorgte einige Monate nach der Eröffnung mit seinen Gedichten, die hier die Wände bedeckten, für internationale Resonanz. „Das waren merkwürdig schöne, brüchige Texte“, erinnert sich John. „Rammstein-Fans aus aller Welt kamen, manche schauen noch heute vorbei. Da dachte ich, ich bleibe dabei.“

Umtriebiges Leben in Dresden

Nach Dresden zog John noch vor der Wende, um Malerei und Grafik an der Kunstakademie zu studieren. Seitdem kennt man ihn als Zeichner, Porzellan-Designer und ehemaligen Assistenten von Jörg Immendorff. Die Feste der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden adelt er als Impresario mit ungewöhnlichen Ideen, den sonst eher distinguierten Maler Gerhard Richter brachte er während einer legendären Eröffnung zum Tanzen. „Wenn ich rufe“, erklärt John selbstbewusst, „dann ist der Saal voll.“

Auch in den eigenen Räumen legte John anfangs ein hohes Tempo vor. Alle vier Wochen wurden neue Ausstellungen organisiert. Es gab provokante Titel wie „Unbegabt“ oder „Auch Frauen können malen“ – und einige entrüstete Absagen. Inzwischen hat sich der Rhythmus beruhigt, die Ausstellungen dauern etwas länger. Doch immer noch gibt es kein festes Programm, die Künstler – Freunde und solche, die der Galerist „spannend und interessant“ findet – gastieren auf Zeit in dem barocken Eckhaus.

Der Galeriebesuch als Erlebnis

Selbst sonntags sitzt Holger John hier an seinem mächtigen, antiken Schreibtisch. In den Vasen sprießt Grün aus dem Garten, durch den Raum wabert Reggae von Bob Marley. John erzählt gern, wirbt für Kollegen, wird zum Interpreten ihrer Arbeit. „Ich höre aber auch zu“, sagt er. Und dass ihm jeder Besucher wichtig sei. „Ich möchte, dass er froh wieder hinausgeht.“ Vielleicht vergisst der eine oder andere darüber sogar, wie schmerzhaft Kunst für ihre Protagonisten sein kann, wenn man wie Superman mit dem Kopf durch den Stein will.

Service

Ausstellung

„Columbus: In Search of a New Tomorrow“

Galerie Holger John
bis 18. August

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 159/2019

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