25.02.2019 Lisa Zeitz

Florin Mitrois lakonische Charaktere

In Berlin zeigt die Galerie Esther Schipper den rumänischen Künstler in all seinen Facetten

Ein Messer oder eine Axt in der Malerei von Florin Mitroi zu entdecken, würde kaum überraschen, denn sie gehören zum festen Vokabular seiner Motive. Aber auch ohne diese Utensilien haben seine zackigen Pinselstriche etwas von Schnitten oder gar Peitschenhieben. Es ist erstaunlich, wie lakonisch, manchmal geradezu komisch seine Charaktere wirken, die er aus so harten Strichen zusammensetzt. Sie leiden duldsam, erscheinen ungesund, aber zäh, wie der Mann mit den traurigen Augen, den Mitroi im Jahr vor seinem Tod in Bukarest gemalt hat.

Die Uhr tickt

Wer sitzt dem Betrachter da gegenüber? Ein städtischer Beamter in einem Verwaltungsbüro? Ein Kommissar in einem Verhör auf einer Polizeistation – oder der Verdächtige? Seine Arme sind verschränkt, sein Mund ist ein einziger kerzengerader Strich, der nichts verrät und sich nicht anmerken lässt, ob unser Anliegen bei ihm Erfolg haben könnte oder nicht. Wartet er auf unsere Antwort? Auf ein Geständnis? Man meint geradezu, das unerbittliche Ticken einer Wanduhr zu hören. Wer lange hinschaut, der wird alles gestehen.

Florin Mitroi, „27.7.2001“, 2001, Tempera auf Leinwand, Foto: Courtesy von The Estate of Florin Mitroi and Esther Schipper, Berlin, © Alexandru Paul
Florin Mitroi, „27.7.2001“, 2001, Tempera auf Leinwand, Foto: Courtesy von The Estate of Florin Mitroi and Esther Schipper, Berlin, © Alexandru Paul

Der Künstler Florin Mitroi

Tatsächlich zählt das Bild zu den vielen Selbstporträts, die Florin Mitroi im Lauf seines Lebens gemalt hat. In ihrer Verkürzung wirken sie wie Kalligrafien, ihre Titel bestehen nur aus dem Datum ihrer Fertigstellung. Geboren 1938 im rumänischen Craiova, studierte Mitroi Malerei an der Kunstakademie in Bukarest, wurde dort Assistent und später selbst Professor – als Lehrer prägte er viele rumänische Künstler, die heute Teil der aktuellen Kunstszene sind. Die Berliner Galerie Esther Schipper, die seinen künstlerischen Nachlass verwaltet, zeigt bis zum 6. April erstmals eine Überblicksschau seiner Werke aus den Jahren 1974 bis 2002. Kuratiert hat sie der rumänische Kunsthistoriker und Philosoph Erwin Kessler, der auch Direktor des Museums für aktuelle Kunst in Bukarest ist. Der Titel der Ausstellung, „Studiosauros Ferox“ spielt darauf an, dass der Künstler sein Atelier zur Zeit der neostalinistischen Diktatur von Nicolae Ceausescu nur selten verließ.

Ein ambivalentes Oeuvre

Vier Kapitel bilden innerhalb der Ausstellung ein Gerüst: von seinen abstrahierten Landschaften (in Eitempera auf Holz) über das zentrale Motiv seines Schaffens, das Porträt, und obsessive Aktstudien (in Tusche) aus den Achtzigerjahren bis zu seinen späten, figürlichen Zinkplatten. Dabei erinnert das stumpfgraue, matt schimmernde Metall an Särge und an Sägeblätter, und damit auch wieder an Instrumente der Gewalt, der Angst und des Todes, die wiederkehrenden Themen in seinem Oeuvre. Dass Mitroi seinen erbarmungswürdigen Figuren aber auch jeweils einen Hauch von Humor mit auf den Weg gibt und sie vor knallfarbige Hintergründe platziert, spricht für die Sympathie, die er letztlich für die Menschen hegt.

Service

Ausstellung

Florin Mitroi

Galerie Esther Schipper, Berlin

bis 6. April

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 154/2019