23.01.2019 Sebastian Preuss

Das Leben nach dem Tod

Ein Künstlernachlass gehört nicht ins Museum, sondern auf den Markt – sonst bleibt das Werk nicht lebendig

 

Künstler, die ohnehin schon berühmt und am Markt geschätzt sind, erfahren nach ihrem Tod oft einen rasanten Boom. Die Preise explodieren, Museen reißen sich um Ausstellungen, die Kunstwelt feiert einen neuen Klassiker. Gut konnte man dies beim 1997 gestorbenen Martin Kippenberger beobachten, der nun regelrecht vergöttert wurde: als Zentralfigur der Achtziger, als die ihn zuvor die meisten gar nicht wahrgenommen hatten, als Vorbild für viele junge Künstler, ja überhaupt als Inbegriff einer speziellen spöttischen, halb gewitzten, halb trashigen künstlerischen Haltung. Auch bei Günther Förg, der 2013 starb, stiegen die Preise, und seine lässig-pointierte Art von abstrakter Malerei ist endgültig zur festen Größe geworden. Kein Wunder, dass sich die internationalen Galerien derzeit die bedeutenden, lukrativen Nachlässe gegenseitig verbissen abjagen.

Wohin mit der Kunst?

In der breiten Masse sieht es aber anders aus, viele Künstler sterben einen zweiten Tod: Das Interesse an ihrem  Werk erlahmt, kein Museum will es mehr in Ausstellungen zeigen, keine Galerie am Markt vertreten. So gibt es landauf, landab gewaltige Konvolute von Gemälden, Skulpturen, fragiler Konzeptkunst oder (komplizierter noch) raumfüllenden Installationen verstorbener Künstler – wohin damit? Aber weit mehr noch, als die raumsprengenden Kunstberge loszuwerden oder damit Geld zu verdienen, wünschen sich die meisten Erben, dass ihre Mutter oder der Vater, die Tante oder der Großvater nicht vergessen werden, vielmehr neue Anerkennung gewinnen, einen festen Platz in der Kunstgeschichte erlangen.

Walter Ophey, Herbstphantasie (Herbstrausch- Bacchanal), 1912, Öl auf Leinwand, 160 x 160 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf © Museum Kunstpalast – ARTOTHEK
Walter Ophey (1882–1930) war zu seinen Lebzeiten weit über das Rheinland hinaus berühmt. Seinen künstlerischen Nachlass besitzt das Museum Kunstpalast: Das Konvolut mit 170 Gemälden und ca. 3.000 Arbeiten auf Papier bildet die größte geschlossene Sammlung seiner Arbeiten. In der ersten groß angelegten Überblicksausstellung seit 1991 präsentierte das Museum den Künstler 2018/2019 neu. Kaum jemand kannte heute noch seinen Namen. O.:Herbstphantasie (Herbstrausch- Bacchanal) 1912 Öl auf Leinwand 160 x 160 cm Museum Kunstpalast, Düsseldorf © Museum Kunstpalast – ARTOTHEK

Risiken und Nebenwirkungen

Früher war die Schenkung des ganzen Nachlasses an ein Museum der Königsweg, denn so ließ sich die Obhut an den Staat weiterreichen. Dort gibt es die nötigen Depots, zudem Restauratoren und Kunsthistoriker, die sich um die Werke kümmern und ihnen Öffentlichkeit verschaffen. Museum verheißt Aufwertung – zumindest in der Theorie. In der Praxis kann das anders aussehen, denn in vielen Fällen wird das Museum zum Sarg: Die Werke sind zwar im Depot professionell aufbewahrt, vor Zerstörung und Diebstahl geschützt, aber es passiert nichts mit ihnen. Vielleicht hängen einige Werke in der Schausammlung, werden bereitwillig auf Anfrage Exponate in Ausstellungen geliehen. Aber zur wissenschaftlichen Bearbeitung, etwa der Erstellung eines Werkverzeichnisses, oder der regelmäßigen Vermittlung an das Publikum reicht es nicht. Die meisten Museen haben heute gar nicht mehr das Geld und das Personal, mit einem Nachlass anspruchsvoll und wirksam zu arbeiten. Was Stifter ans Museum zudem nicht bedenken: Das Interesse an einem Künstler bleibt nur lebendig, wenn die Werke auch am Markt zirkulieren.  

Ein Beispiel? Beate Kuhn

Sie starb 2015 und wird von vielen Liebhabern des gebrannten Tons als eine der bedeutendsten Keramikerinnen der Nachkriegszeit verehrt. Zeitlebens hat sie stets alle ihre skulpturalen Objekte verkauft, und die Nachfrage nach außergewöhnlichen Stücken ist immer noch groß. Im Nachlass der Familie befinden sich nur wenige exzeptionelle Werke. So ist es derzeit kaum möglich, diese große Künstlerin aus dem Getto der Keramikszene zu lösen und sie dort bekannt zu machen, wo sie hingehört: in den Kontext bedeutender Skulptur. Für potenzielle Sammler gibt es schlicht keinen Nachschub an guten Stücken. Da nützt es nicht viel, dass bei Hauser & Wirth in Zürich unlängst einige Plastiken vorgestellt wurden und die Berliner Galerie Esther Schipper eine Auswahl aus dem Nachlass gezeigt hat.

Endstation Museum

Die besten Werke wird nie jemand kaufen können, denn der Mannheimer Sammler Klaus Freiberger schenkte seine einzigartige, schier unerschöpfliche Keramikkollektion, darunter 200 Spitzenwerke von Beate Kuhn, vor seinem Tod an die Neue Sammlung in München. Dort in der Pinakothek der Moderne hat im letzten Jahr eine Kuhn-Ausstellung das Publikum begeistert, aber jetzt schlummern die wunderbaren Keramikskulpturen erst einmal im Depot. Für den verdienten Nachruhm der Künstlerin wäre es aber nötig, dass ausreichend viele ihrer Hauptwerke zirkulieren und den Besitzdrang der Sammler befriedigen. Die Wertschätzung am Markt ist ein wichtiger Faktor, zuweilen sogar entscheidend für die postume Rezeption.

Die Lösung: das magische Dreieck

Das betont auch Loretta Würtenberger, die in Berlin mit Daniel Tümpel das Institute for Artists’ Estates betreibt. Als private Anlaufstelle beraten sie Künstlererben, forschen zum Thema, halten Vorträge und organisieren Workshops, zudem betreuen sie selbst einige Nachlässe, etwa den von Hans Arp. Wichtig ist es, so Würtenberger, dass jede Generation einen neuen Blick auf das Werk eines Künstlers erhält. Und das gelingt nur – davon ist sie überzeugt – wenn drei Aspekte berücksichtigt werden: die wissenschaftliche Aufarbeitung, die Museumsarbeit und der Markt. Das ist das magische Dreieck für die Arbeit mit einem Nachlass. Wer das Werk und die Rezeption nach dem Tod des Künstlers voranbringen will, darf keine der Seiten vernachlässigen.

Walter Ophey
Frauenbildnis, o.J.
Farbige Kreide, 27,1 x 36,5 cm
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
© Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK
Walter Ophey
, Frauenbildnis, o.J., 
Farbige Kreide, 27,1 x 36,5 cm
, Museum Kunstpalast, Düsseldorf
© Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK