Kunsthandel

Lockruf des Geldes

Junge Künstler und Galerien haben Los Angeles aufgewertet. Das Geschäft in der Westküstenmetropole professionalisieren jetzt die großen Händler

Von Magdalena Kröner
05.04.2016

Noch fühlt es sich ein bisschen an wie El Niño, der durch die Straßen von Los Angeles fegt. Lange hat man auf den Regen gewartet in der quälenden Dürre Kaliforniens, und nun, wo er endlich da ist, scheinen alle ir­ gendwie überrascht und fast etwas ungläubig. So ist es auch mit der boomenden Kunst­szene der Stadt. Viele Jahre schien es ein Gerücht, manche hielten es schlicht für aus­geschlossen, dass überhaupt etwas parallel zum Kunstzentrum New York entstehen könnte. Inzwischen ist es nicht mehr zu über­sehen: Die Kunst kommt nach Los Angeles. Überall in der Stadt wird neu gebaut oder er­ öffnet, werden vormals berüchtigte Viertel wie Downtown von der Kunst besetzt, ziehen Künstler aus Europa oder New York hierher.

Es zeigt sich, dass das Engagement für aktuelle Kunst auch auf institutioneller Ebene greift. Milliardär und Sammler Eli Broad hat sich ein eigenes Museum bauen lassen. Direkt gegenüber vom Museum of Contemporary Art steht das von den Angelenos wegen seiner durchbrochenen Fassade despek­tierlich „Käsereibe“ genannte Prachthaus. Unweit davon verfolgt das LACMA, das Los Angeles County Museum, ehrgeizige Expansionspläne: Renzo Piano gestaltet das histori­sche Kaufhaus May auf dem Campus zum neuen Academy Museum of Motion Pictures um. Außerdem soll die flächige Architektur des 1965 eröffneten Museums durch einen Neubau von Peter Zumthor ersetzt werden.

Gegenüber vom LACMA wurde ebenfalls umgebaut. Im zweistöckigen Annex eines Bürokomplexes aus den Sechzigerjahren haben Monika Sprüth und Philomene Magers ihre neue Dependance eröffnet. Geleitet wird die Galerie vor Ort von der Schweizerin Anna Helwing und der Amerikanerin Sarah Watson. „Es ist uns wichtig, hier für alteingesessene Künstler wie John Baldessari präsent zu sein, mit dem wir seit drei Jahrzehnten zusammenarbeiten und der auch unsere Eröffnungsausstellung bestreitet“, sagt Helwing. „Aber auch der demografische Wandel in der Stadt ist spannend. Wir bemerken, dass seit zwei, drei Jahren immer mehr IT-Leute aus Nordkalifornien hierherziehen.“

Auch im einst heruntergekommenen Hollywood tut sich etwas. Shaun Caley Regen betreibt mit Regen Projects am Santa Monica Boulevard seit 2012 ihre Galerie. Darum hat sich eine ganze Gruppe von Galerien gesammelt, von Matthew Marks über Hannah Hoffman bis zu Various Small Fires. Auch Michael Kohn ist vor zwei Jahren vom Beverly Boulevard nach Hollywood gezogen und hat seine Ausstellungsfläche auf 1400 Quadratmeter verdoppelt. „Was sich in den letzten Jahren verändert hat, sind die neuen Möglichkeiten für den Kunsthandel, auf Messen und im Internet. Das hat geholfen, auch Galerien bekannt zu machen, die in Downtown oder einem anderen abgelegenen Fleck der Stadt existierten«, erklärt Kohn. „Wir brauchen keine teure Präsenz in Beverly Hills mehr. Außerdem haben wir noch Platz in der Stadt. Hier kann man sich ein Studio oder eine Galerie bauen, die größer und günstiger sind als in New York.“ Der in Los Angeles geborene Galerist spricht einen zentralen Punkt an: Während die Gentrifizierung selbst ehemalige New Yorker Künstlerviertel wie Williamsburg unerschwinglich gemacht hat, mehren sich in Los Angeles Ateliers in Gegenden wie Silver Lake oder Echo Park. Aus New York sind Alex Hubbard und Jacob Kassay hergezogen. Die Berliner Künstler Thomas Demand und Friedrich Kunath leben und arbeiten hier, Oscar Tuazon kam kürzlich erst aus Paris.

 

Besonders viel Bewegung kommt ins ehemals verrufene Downtown. An der von anonymen Lagerhäusern gesäumten Mission Road befindet sich seit Herbst die Westküstenfiliale der New Yorker Galeristin Michele Maccarone. Ihre Galerie liegt in Laufweite von „Mission 356“, einem vom New Yorker Galeristen Gavin Brown und der Malerin Laura Owens 2013 gegründeten Komplex aus Galerie, Projektraum und Buchladen; wohl das lebendigste und informellste Kunstzentrum der Stadt. Doch die erste Galeristin in Downtown war Mara McCarthy, Tochter des Künstlers Paul McCarthy. Sie eröffnete bereits 2007 ihre Galerie The Box. Warum gerade hier? „Für mich war Downtown immer ein Ort für die Künstler. Hier gibt es nach wie vor Ateliers und Off-Räume, aber auch Restaurants und Bars, die man nicht überall in der Stadt findet.“ The Box ist einer der wichtigsten Orte für die junge Szene.

Im März wird es nun aber vornehm in Downtown. Mit Hauser Wirth & Schimmel eröffnet an der East 3rd Street die größte Galerie der Stadt. Auf 10.000 Quadratmetern verteilen sich Galerie, Restaurant und Buchladen in sieben Gebäuden auf dem historischen Gelände der Globe Mills, wo früher Getreide verarbeitet wurde. Der als neuer Partner gewonnene, ehemalige Chef des MOCA, Paul Schimmel, sieht die Galerie „als eine Art Kunsthalle“. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Jenni Sorkin kuratiert er die unbescheiden „Revolution in the Making – Abstract Sculpture by Women, 1947–2016“ genannte, programmatische Eröffnungsausstellung mit fast 100 Werken von Pionierinnen des Genres wie Louise Bourgeois oder Lee Bontecou bis zu kalifornischen Künstlerinnen wie Claire Falkenstein, die gerade wiederentdeckt wird. Die Ausstellungsdauer von einem halben Jahr unterstreicht den institutionellen Anspruch. Hauser Wirth & Schimmel macht den örtlichen Museen Konkurrenz und appelliert zugleich an jene schwerreichen Sammler, in deren Villen in Brentwood oder Bel Air noch Platz genug ist für Kunst mit großem Namen und ebenso großem Preisschild.

Zur Startseite