09.03.2016 Bernhard Schulz

Jeunesse dorée der Alten Meister

Mitte November ruft die Messe Paris Tableau zu Vorbesichtigung und Eröffnung. Die kleine, feine Altmeistermesse in nobler Innenarchitektur in der Alten Börse macht was her.

25 Galerien finden diesmal Platz. Es handelt sich erst um die fünfte Ausgabe der Messe, die nach dem traditionellen Salon du Dessin im März ein Pendant für Gemälde etablieren will. Offenbar haben die ersten vier Ausgaben der Schau bewiesen, dass auch mitten in der Auktionssaison ein kaufwilliges Publikum anzulocken ist. Paris Tableau bietet gewissermaßen Bilder für den Hausgebrauch, für betuchte Sammler, die denn auch den Eröff- nungsabend zu einem gesellschaftlichen Ereignis machen. Man kommt noch in Anzug und Kostüm und lässt sich den Champagner schmecken. Die Pariser Häuser stellen naturgemäß die größte Gruppe mit neun Teilnehmern. Sieben Händler kommen aus London, vier aus Italien, drei aus der Schweiz, einer aus Amsterdam – und einer aus Lyon, was die Konzentration des französischen Handels auf die Hauptstadt nur unterstreicht. Dass unter den Galerien keine einzige deutsche (mehr) ist, gibt zu denken.

Barockmalerei ist in Paris stets gut vertreten. Eine höchst bewegte „Anbetung der Könige“ (vor 1659) des jung verstorbenen Valerio Castello wird von der römischen Handlung Giacometti Altmeistergemälde ange- boten, mit 124 auf 187 Zentimetern schon ein Prachtstück. Immer wieder kommen Werke von Giovanni Paolo Pannini auf den Markt, der in Rom den wachsenden Markt reicher Adliger auf Grand Tour bediente. „Papst Benedikt XIV. im Palazzo Quirinale“ von 1756 schildert eine zeitgenössi- sche Begebenheit, wofür Pannini berühmt war (Jean-François Heim, Paris). Wo Pannini ist, darf Gaspare Vanvitelli nicht fehlen. Von der Engelsburg malte er nicht weniger als elf Versionen für seine wohlhabende Klientel (vor 1736, Lampronti Gallery, London). Expressiver, aber auch düsterer war die Malerei Neapels, die hier mit einer zum ersten Mal gezeigten „Ägyptischen Maria“ (vor 1656) von Pacecco de Rosa in der Koje von Maurizio Nobile (Bologna) zu sehen ist. Von dem Florentiner Vincenzo Dandini stammt ein in der Farbigkeit noch sehr an der Renaissance orientiertes „Opfer im Namen der Vesta“ bei Terrades (Paris).

 

Giovanni Paolo Pannini (1691–1765), Die Weihe des Markgraf Giovanni Carlo Molinari zum Erzbischof von Damaskus durch Papst Benedikt XiV im Palazzo Quirinale in Rom, Öl / Lwd., 1756, 121 x 171 cm, angeboten von der Galerie Jean-François Heim, Basel (Foto: Galerie Jean-François Heim, Basel)
Giovanni Paolo Pannini (1691–1765), Die Weihe des Markgraf Giovanni Carlo Molinari zum Erzbischof von Damaskus durch Papst Benedikt XiV im Palazzo Quirinale in Rom, Öl / Lwd., 1756, 121 x 171 cm, angeboten von der Galerie Jean-François Heim, Basel (Foto: Galerie Jean-François Heim, Basel)

Aus Frankreich kommt immer wieder Hubert Robert zum Angebot, auch er ein sehr produktiver Maler, der über das Rokoko bis in die Revolutionszeit tätig war. Eine Kinderspielszene und ein „Bärenführer“ weisen sich anhand ihrer identischen Maße als Pendants aus – so klein allerdings, dass man die Feinheiten der detailreichen Darstellung von nahem betrachten und bewundern muss (Talabardon & Gautier, Paris). Ein Jahrhundert früher, 1695, schuf Nicolas Colombel die mythologische Szene „Mars und Venus“ (121 x 170 cm), ein Dauerthema der damaligen Malerei. Nicolas-Guy Brenet malte im Auftrag Ludwigs XVI. um 1780 die „Schlacht der Griechen und Trojaner über den Leichnam von Patroclus“, Didier Aaron & Cie. (Paris) offeriert die Vorstudie davon. Eine andere königliche Auftragsarbeit, jedoch vom spanischen König Karl III., ist das Doppelbildnis von Erzherzog Ferdinand und Erzherzogin Maria Anna von Habsburg-Lothringen (1771) im zarten Kindesalter. Der König wollte Bildnisse seiner gesamten großherzoglich-toskanischen Verwandtschaft in Florenz sehen und beauftragte seinen Hofmaler Anton Raphael Mengs, der ungeachtet der großen Retrospektive in Dresden vor einigen Jahren bei uns nicht so recht geschätzt wird (Carlo Virgilio & C., Rom).

Der Begriff der „Alten Meister“ wird von der Messe großzügig ausgelegt. Es stimmt allerdings nicht, dass dies die erste Ausgabe ist, auf der Werke bis zum Jahr 1900 angeboten werden. Schon immer zeigten die Galerien, was sie hatten, und die Zeit vom Symbolismus bis zum Kubismus, also von etwa 1900 bis 1914, überschneidet sich mit den Messen für Moderne Kunst. So zeigt Agnews (London) ein Selbstporträt des wenig bekannten Emile Friant von kurz vor 1900, in jenem Realismus, der damals in ganz Europa verbreitet war. Da ist, wiewohl bereits um 1872 entstanden, eine „Welle“ von Gustave Courbet wesentlich moderner. Das Bild gehörte früher übrigens Georg Schäfer, der sich dann wohl lieber auf deutsche Spätromantik konzentrierte (Art Cuéllar-Nathan, Zürich).

Eine Besonderheit der Paris Tableau ist das exquisit besetzte Symposium, das am Eröffnungstag abgehalten wird. Es widmet sich diesmal dem Thema „Wie in Amerika ein Geschmack für italienische Barockmalerei gebildet wurde“. Gleich zwei renommierte Kuratoren – der eine vom New Yorker Metropolitan Museum, der andere Chefkurator der Gemäldeabteilung des Louvre – werden dazu referieren. Das Thema zielt wohl auch auf eine amerikanische Käuferschicht, die sich bislang in Paris noch rar macht. Vielleicht kommt ja der ein oder andere Sammler mit dem Kurator „seines“ Museums und lässt sich, wie vor hundert Jahren, zum Kauf mit späterer Schenkungsabsicht begeistern. Die Stimmung in den noblen Räumen der Alten Börse, die so anders sind als die Hallen größerer Messen, könnten dazu anregen.

Paris Tableau,
Palais Brongniart, 11.–15. November