Mariuccia Secol in Susch

Widerstand im Kleiderschrank

Lange war die italienische Künstlerin Mariuccia Secol vergessen. Doch jetzt zeigt eine Ausstellung im Muzeum Susch ihre feministischen und poetischen Werke

Von Tim Ackermann
14.10.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 260

Das Hochzeitskleid wird nicht mehr gebraucht, also kann es Kunst werden. Aufbewahrt im Schrank war es bloß ein Erinnerungsstück an verschwundene Jugendtage, ein klägliches bisschen Nostalgie. Nun aber hängt es aufgetrennt an der Wand, der linke Ärmel abgeschnitten, die Taille zum Wulst geformt, der Schleier halbherzig angenäht, und erhält eine neue Bedeutung: Das Kleid wird zum Instrument des Widerstands.

Zweieinhalb Jahrzehnte nach ihrer Hochzeit greift Mariuccia Secol erst zur Schere und dann zum Nähzeug, um ihr Wandobjekt „Wedding Dress“ (1970) als sechstes Werk ihrer Serie „The Doll’s House“ zu erschaffen. Den Titel ihrer Serie hat die italienische Künstlerin nach Henrik Ibsens Theaterstück „Ein Puppenheim“ gewählt. In diesem lässt die Protagonistin Nora ihren Ehemann und ihre schicken Gewänder zurück, um ein neues, eigenes Leben zu beginnen. Eine Botschaft, die Secol auch für ihre eigene künstlerische Arbeit so proklamiert: „Die Geburt der Verweigerung als Kreativität.“

Das zerschnittene Hochzeitskleid als Instrument des Wiederstandes
Mariuccia Secol,„Puppenhaus. Das Hochzeitskleid (Casa di bambola. Abito di sposa)“, 1970. © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin und der Galerie Gisela Clement, Bonn/Foto: Mareike Tocha

Die widerständige Kunst von Mariuccia Secol lässt sich gerade in Susch im Schweizer Unterengadin erleben. Hier hat die Schweizer Sammlerin und Philanthropin Grażyna Kulczyk ein Haus mit sehr zeitgemäßem Profil geschaffen: Seit der Gründung 2019 lenkt das Muzeum Susch den Blick auf die Werke von Künstlerinnen, oft unterschätzte Positionen. Dass also in der Bergidylle am rauschenden Flüsschen Inn die radikal politische Kunst von Mariuccia Secol ihre Wiederentdeckung erfährt, passt ins Programm.

Und doch verdankt sich die Schau einem Zufall, wie Monika Branicka berichtet: „Secol hat in den Siebziger- und Achtzigerjahren an einigen Ausstellungen teilgenommen, aber war dann völlig vergessen. Selbst in Italien ist sie so gut wie unbekannt.“ Die Kuratorin stieß vor drei Jahren im Internet zufällig auf eine Werkabbildung, wurde neugierig auf die Künstlerin, fand online aber keine weiteren Informationen. Über eine feministische Buchhandlung bekam sie Kontakt zu Secols Sohn. Und bei einer Mailandreise machte sie dann spontan den Abstecher ins nahe gelegene Dorf Daverio zur heute 97-jährigen Künstlerin. „Sie lebte inmitten ihrer Werke“, erzählt Branicka: „Ihr Haus war damit vollgestopft bis zur Decke. Da waren Sachen dabei, die seit 50 Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte.“

Immer wieder besuchte Branicka die Künstlerin, stieg in Daverio auf den Dachboden, bereitete das Œuvre über drei Jahre wissenschaftlich auf. Das Ergebnis im Muzeum Susch ist beeindruckend: Da gibt es zum Beispiel die Malereien der Serie „II Genesis“ aus den Jahren 1967 bis 1969, die als Blickfang in sattem Orange und Rot von der Wand leuchten. In die fröhlichen Pop-Töne mischen sich Anklänge von Gesellschaftskritik: Die bunten Formen erinnern an übereinandermontierte Körperteile. Füße. Herz und Leber. Der Uterus. Es sind eigensinnige Werke, die aber zugleich den Zeitgeist der Sixties elegant in sich aufgenommen haben.

Mit Malerei begann auch die Künstlerinnenkarriere der 1929 in Castellanza bei Varese geborenen Secol. Als Jugendliche nahm sie Unterricht bei Galliano Mazzon, damals ein Vertreter des Surrealismus und des Informel. Sie war noch keine zwanzig, als sie Angelo Tognola heiratete, einen Freund ihres Bruders aus Partisanenzeiten. Und nach der Geburt von vier Kindern hätte ihr Leben allzu leicht im Hausfrauendasein stagnieren können. Doch teilte Tognola, der in Daverio als Arzt arbeitete, ihre Leidenschaft für die Malerei. So lebten sie zwar abseits der Kunstmetropolen, aber berühmte Künstler und Schriftsteller kamen regelmäßig zu Besuch.

Die ersten abstrahierten Figurenbilder und Landschaften, die Mariuccia Secol in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Enkaustik malt, sind noch recht düster und tragen Titel wie „Etruskische Gräber“ oder „Holocaust“. Von Anfang an hat sie den Wunsch, sich durch die Kunst politisch zu äußern. In „Selbstmord“ (1965) sieht man bereits den fragmentierten, gequälten Körper. Dann hellt sich mit „II Genesis“ die Farbpalette auf. Es ist eine Neuerfindung und gleichzeitig ein Endpunkt. Denn im Anschluss legt Secol den Pinsel weg. Angeregt durch die revolutionäre Studentenbewegung, arbeitet sie nun mit Alltagsmaterialien. Die Schau in Susch zeigt drei ihrer „Stillen Musikinstrumente“ (1970), die sie aus Plastikrohren zusammengefügt hat und mit denen sie ihre eigene Stimmlosigkeit als Frau in der italienischen Gesellschaft thematisiert. Beklemmender noch wirkt die dreiteilige Arbeit „Der Schrei“ (1971). Aus Kunststoffblöcken ragen Arme, wie in Zwangsjacken eingeknotet.

Silberne Kunststoffblöcke mit Armen und Hämden
Mariuccia Secol, "Der Schrei (Il Grido)“, 1971. © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin/Foto: Magdalena Typiak

Die traditionelle Rolle der passiven, im Haus gefangenen Frau passt allerdings nicht zu Secol. 1974 gründet sie mit ihrer Künstlerfreundin Milli Gandini und drei Mitstreiterinnen die Gruppo Femminista „Immagine“ in Varese. Kunst und politischer Kampf gehen nahtlos ineinander über. Gandini macht eine Performance, bei der sie ein Jahr zu Hause nicht putzt. Die Ausstellung in Susch zeigt Fotos von ihr, auf denen Secols Tochter in den Staub auf der Küchenlampe die Forderung schreibt: „Gehalt für Hausarbeit!“ Im selben Raum hängen eine zerschnittene Schürze von Secol und ihr Hochzeitskleid – die von ihr angesprochene „Verweigerung als Kreativität“. Der Ort scheint vor revolutionärer Energie zu bersten.

Die Gruppe feiert einen großen Erfolg, als sie 1978 zur Biennale in Venedig eingeladen wird. Es entsteht ein Environment aus Textilien. Secol zeigt eine neue Arbeit: Bei „Silhouette“ hat sie Fäden aus einem schwarzen Stoff herausgelöst. Durch die Fehlstellen, die wie Laufmaschen wirken, erscheint im Negativ eine Figur. Smagliatura tauft sie ihre Aufdrösel-Technik – nach dem italienischen Wort für die Dehnungsstreifen, die bei Schwangerschaften entstehen. Die Werke der „Silhouette“-Serie sind hinreißend, weil sie eine feministische Haltung vertreten, zugleich Bilder von unglaublicher Feinheit und Zartheit erzeugen und dabei durch eine originelle eigene Technik entstanden sind. Allein sie zu sehen lohnt schon die Reise nach Susch. Dass Mariuccia Secol in Vergessenheit geriet, kann man kaum glauben. Aber sie hat ihre Karriere selbst nie forciert: „Mariuccia ist nicht interessiert daran, sich in den Vordergrund zu stellen“, erklärt Monika Branicka. „Sie ist bescheiden: Ihre Kunst hat sie vor allem für sich selbst gemacht.“ 

Service

Infos

„Mariuccia Secol: Unraveling“,

Muzeum Susch,

bis 1. November

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