Interview mit Leiko Ikemura

„Ich habe die Seelen vieler Wesen gespürt“

Vittore Carpaccios „Der Traum der Heiligen Ursula“ ist das Lieblingsgemälde unserer Venedig-Korrespondentin Petra Schaefer. Nun tritt es in der Gallerie dellʼAccademia in Dialog mit Skulpturen von Leiko Ikemura. Ein Gespräch über die Kraft der Transformation und fantastische Wesen aus Glas

Von Petra Schaefer
16.10.2026

Die Gallerie dellʼAccademia in Venedig beherbergt die weltweit bedeutendste Sammlung venezianischer Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts, darunter auch „Der Traum der Heiligen Ursula“ von Vittore Carpaccio aus dem Jahr 1495. Dieses „Telero“ wurde kürzlich zusammen mit den anderen Gemälden des narrativen Zyklus, der die Welt um 1500 evoziert, umfassend restauriert. Anlässlich seiner Rückkehr präsentiert die japanisch-schweizerische Künstlerin Leiko Ikemura nun ihre Ausstellung „TransLucent – The Form of Light“.

Ihre Glasarbeiten sind in verschiedenen Räumen des Museums zu sehen, wobei besonders die Gegenüberstellung von Büsten und liegenden Köpfen mit der schlafenden Ursula überzeugt. Mit ihrer durchscheinenden, matten Materialität und den Pastelltönen Mintgrün, Hellblau und Kanariengelb fügen sich Ikemuras Geschöpfe zurückhaltend in Carpaccios Bilderzählung ein – der gemalte Raum scheint sich dabei in den musealen Raum zu erweitern.

Drei Skulpturen von Leiko Ikemura und das Gemälde „Der Traum der Heiligen Ursula“ von Vittore Carpaccio.
Drei Skulpturen von Leiko Ikemura und das Gemälde „Der Traum der Heiligen Ursula“ von Vittore Carpaccio. © Leiko Ikemura; Photo Matteo De Fina

Transformation gehört zu den Grundprinzipien Ihrer Kunst. Haben Sie in Ihrer Arbeit mit Glas ein Material gefunden, das physisch vollzieht, was Ihre Figuren seit jeher tun – nämlich von einem Zustand in einen anderen überzugehen?

Jeder Werkstoff, mit dem ich arbeite, hat besondere Eigenschaften. Bei der Entstehung meiner Glasobjekte interessiert mich vor allem die Verwandlung des Materials. Ich nutze meist die Gussglas-Technik, bei der Glas in eine Negativ-Form gegossen wird. Das Faszinierende daran ist nicht nur die Formänderung, sondern vielmehr die an Alchemie erinnernde Transformation der Materie in einen Lichtkörper.

Für die Ausstellung in Venedig haben Sie mit der Freihand-Technik gearbeitet. Hat Sie die Zusammenarbeit mit den Glasmeistern von Berengo-Studio auf Murano dazu inspiriert, dem Zufall im Entstehungsprozess mehr Raum zu geben?

Ja, diese Kollaboration war für mich ein Abenteuer, denn die Arbeit mit dem Unkontrollierbaren verlangte eine schnellere Reaktion. Im engen Austausch mit den Glasmeistern zu stehen, die mir aufgrund ihrer Expertise wie Magier erschienen, war wichtig für dieses Projekt. In Bezug auf die Freihand-Technik sehe ich viele Möglichkeiten, die ich auch in Zukunft weiter erforschen möchte. Dem Prozess zu vertrauen und Ungeplantes auszuhalten, fällt mir zum Teil noch schwer.

Im Innenhof der Gallerie dellʼAccademia begegnen Ihre gläsernen Figuren der von Andrea Palladio entworfenen Fassade aus dem 16. Jahrhundert. Diese Architektur beruht auf einer aus der Antike abgeleiteten Vorstellung von Harmonie. Ihre Wesen erscheinen dagegen häufig verletzlich und im Prozess der Verwandlung. Interessiert Sie an dieser Begegnung vor allem der Gegensatz – oder gibt es da auch eine Affinität?

Natürlich ist meine Installation eine Hommage an Palladios Patio mit seiner strengen Anordnung und den schönen Proportionen. Die Gegensätzlichkeit funktioniert hier deshalb so gut, weil meine Arbeiten Elemente der Umgebung aufgreifen. Das zeigt sich beispielhaft an den amorph-hybriden Büsten, welche auf die autoritären Männerbüsten der ihnen gegenüberliegenden Wand anspielen. Die Objekte befinden sich draußen direkt vor den Fenstern und schaffen so einen Dialog mit den Zuschauern. Dieser entsteht auf verschiedenen Ebenen, denn die Büsten fügen sich zwar durch ihre Vielzahl und Wiederholungen in den Rhythmus der Architektur ein, sorgen aber dennoch für eine subtile Veränderung und brechen mit eben jener.

Skulptur aus Glas von Leiko Ikemura stehen in einer Säulenhalle
Die Ausstellung „TransLucent – The Form of Light“ in der Gallerie dellʼAccademia in Venedig läuft noch bis zum 22. November 2026. © Leiko Ikemura; Photo Matteo De Fina

Die Ausstellung ist eine sehr präzise räumliche Inszenierung, die ihr Ehemann Philipp von Matt im Dialog mit den historischen Räumen und den Eingriffen Carlo Scarpas entwickelt hat. Wie würden Sie ihre Zusammenarbeit beschreiben?

Das Ganze ist so organisch, dass ich die Arbeit meines Mannes nicht getrennt von meiner eigenen betrachten kann. Es gibt also keine eindeutigen Aufgabenstellungen und auch die Raumgestaltung planen wir letztlich zusammen. Er entdeckt dann manchmal etwas, was ich zuvor nicht gesehen habe und auch ich schlüpfe manchmal in die Rolle der verborgenen Architektin. Wir sind ein Team, zu dem auch unser Mitarbeiter Stefano Tiracchia wertvolle Arbeit beiträgt. Alles wird sorgfältig im gemeinsamen Atelier geplant, sodass wunderbare Analogien wie jene zwischen der historischen Architektur des Gebäudes im Stil von Palladio oder Scarpa und meiner modernen Kunst entstehen können.

Ihre Bildwelt ist seit Langem von Wesen bevölkert, die sich eindeutigen Kategorien entziehen. In der Accademia begegnen sie nun einer jahrhundertealten venezianischen Bilderwelt mit ebenso fantastischen Kreaturen. Hat sich ihr eigenes Figurenrepertoire seitdem erweitert?

Ja! Es ist ein besonderer Ort und ich habe die Geschichten und Seelen vieler Wesen gespürt. Es war mir eine Freude, mit ihnen in den Dialog zu treten, sie gehören für mich nicht der Vergangenheit an, sondern sind noch ganz lebendig. So ist auch die venezianische Malerei zu meiner Meisterin geworden, ich lernte in ihren Farben zu denken und zu fühlen. Während des Aufbaus stand ich einmal ganz allein in Carpaccios Raum. Das war ein Geschenk, so innig und mittendrin zu sein, ganz Teil dieser fabelhaften Welt.

Bei Ihren Skulpturen spielen Hohlräume immer wieder eine wichtige Rolle. Beim Glas kommt nun das Licht hinzu. Was ist das Besondere an dieser Verbindung?

Ich begreife diese Skulpturen weniger als klassische Bildhauerin, eher wie eine Malerin, die mit Licht und Raum arbeitet. Meine plastische Herangehensweise entspringt der Faszination für das Zusammenspiel von Material und Licht; wie der eigentliche Hohlraum zum Leuchtkörper wird. Das physische Glas kann dann durch die immaterielle Energie des Lichtes transzendieren. 

Eine Skulptur aus Glas von Leiko Ikemura
Fantastische Wesen: Leiko Ikemuras Skulpturen aus Glas scheinen von innen heraus zu leuchten. © Leiko Ikemura; Photo Matteo De Fina

Service

AUSSTELLUNG

„TransLucent — The Form of Light“

Gallerie dell’Accademia di Venezia

bis 22. November 2026

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