Die Erfindung der Fotografie ist diesen Herbst Anlass für einen Reigen von Ausstellungen, die die Vielfalt des Mediums zeigen. Teil 2: vom sachlichen Porträt bis zur humorvollen Alltagsbeobachtung
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26.10.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 260
In einem ehemaligen Ballsaal in Paris hat sich Le Bal als unabhängiger Ort für Fotografie, Videokunst und neue Medien etabliert, der mit „The Space Between Us. In The Wilson Centre for Photography Collection“ erstmals eine einzelne Sammlung präsentiert. Gezeigt werden neben Nicholas Nixons „Elm Street, East Cambridge“ (1981) rund 120 weitere Prints von den 1920ern bis in die Gegenwart, darunter Namen wie Rineke Dijkstra oder Walker Evans. Im Zentrum steht dabei die komplexe Beziehung zwischen Fotograf und Dargestellten im Augenblick der Aufnahme.
Ausgehend von der ersten erhaltenen Fotografie, dem 200 Jahre alten „Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras“ von Joseph Niecéphore Niépce, stellt der Fotohof in Salzburg die Frage: Was war am Anfang? Salzburger Fotografinnen und Fotografen sind eingeladen, jeweils ihr eigenes frühestes Werk auszustellen, sei es als Vintage oder als Rekonstruktion. Dabei darf im „Salon der Fotografie“ auch der Humor eine Rolle spielen.
Inkunabeln der Fotografiegeschichte – darunter die allererste Daguerreotypie, Werke von Margaret Cameron und Martin Parr – treffen in der Ausstellung „Premières Fois“ im Pavillon Populaire in Montpellier auf Bilder zeitgenössischer Fotokünstlerinnen und -künstler. Zum Beispiel dokumentiert die Britin Vinca Petersen mit „Le premier été de ma vie nomade“ von 1994 freie Party-Kultur und den ersten Sommer ihres Jahrzehnts als feiernde Nomadin.
Der Humor von Andri Pol erinnert an den seiner Schweizer Kollegen: den Fotografen Arnold Odermatt oder den sortierwütigen Künstler Ursus Wehrli. Alle drei lieben die realen Absurditäten des Alltags, haben ein untrügliches Gespür für Bildwitz – und ein Herz für zartbesaitete Helden wie den japanischen Sumoringer vor dem Training. Pol, Jahrgang 1961, gilt zudem als einer der besten Fotojournalisten seines Landes. Weshalb, das zeigt in Winterthur die Fotostiftung Schweiz in ihrer Soloschau „Poliversum“.
Von Anfang an beschäftigte sich Fotografie mit der Möglichkeit ihrer Manipulation. So beeinflusste der Piktorialismus im späten 19. Jahrhundert die Atmosphäre eines Motivs durch die Bearbeitung in der Dunkelkammer – und ist für die Tate Modern der Start der Kunstfotografie. „Light and Magic“ heißt ihre Schau in London mit über 200 Abzügen von 80 Künstlern, darunter Edward Westons „Shells“ (1927), und beleuchtet ein globales Phänomen, das bis heute nachwirkt.
Nadav Kander ist ein exzellenter Porträtist, das hat er mit Aufnahmen von Keira Knightley, David Lynch oder Barack Obama hinlänglich bewiesen. Daneben sind im Foam in Amsterdam nun seine tiefgründigen Fotografien von Landschaften ausgestellt. Kander, 1961 in Israel geboren, aufgewachsen in Südafrika und jetzt in London zu Hause, erfasst überall in der Welt die Fragilität des Daseins in fantastischen Bildern: eine chinesische Familie, die unter monumentalen Konstruktionen am Fluss Jangtse weiter im Freien am Tisch sitzen will – oder eine Schwimmerin vor ihrem Sprung in Utahs riesigen Salzsee.
Die Venus von Milo, seit 1821 im Louvre, ist mit Seilen gesichert, im Hintergrund sieht man das leer geräumte Pariser Museum – 1939 unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aufgenommen, erinnern Fotografien von Marc Vaux und Laure Albin-Guillot an die Evakuierung europäischer Kulturschätze. „Louvre Photo“ in Paris inszeniert mit mehr als 300 Lichtbildern die berühmte Kunstinstitution als Fotomotiv und Inspirationsquelle und erzählt damit auch 150 Jahre Kunstgeschichte.