Mit einem facettenreichen Programm lockt die Berlin Art Week diesen September wieder Kunstfans aus aller Welt in die Stadt. Zum 15. Jubiläum stehen die Themen Künstliche Intelligenz, Migration und Klimawandel im Mittelpunkt
Share„Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“, Gropius Bau, bis 17. Januar 2027
Heute ist Kreuzberg Trendviertel mit luxussanierten Wohnungen. Dass das nicht immer so war und der Stadtteil im Berliner Süden diverse Geschichten von Migration und kulturellem Zusammentreffen zu erzählen hat, zeigen Arbeiten von mehr als 40 Künstlerinnen und Künstlern im Gropius Bau. Vor dem Mauerfall war Kreuzberg, direkt an der Grenze zu Ost-Berlin liegend, von Arbeitsmigranten, Studierenden und Kunstschaffenden geprägt. Auch Hanefi Yeter ist 1973 für sein Kunststudium von Istanbul nach Berlin-Kreuzberg gezogen. Sein Gemälde „Kreuzberg Adalbertstr.“ von 1979 stellt die Romantik, sowie die Herausforderungen des bunten Zusammenlebens, zwischen türkischen Gemüseläden und bewohnten, baufälligen Häusern dar. Zur Berlin Art Week richtet die Ausstellung den Blick auf ein Kapitel Deutscher und Berliner Kunstgeschichte das bisher wenig Beachtung fand.
„Stephanie Comilang: Search for Life“, Chert Lüdde (Hauptstraße 18), 11. September bis 24. Oktober
Die Videoinstallation „Search for Life II“ ist auf einen vier Meter breiten Perlenvorhang projiziert und verwandelt Chert Lüdde im Rahmen der Gallery Night, die in diesem Jahr am 10. September stattfindet, am in eine Unterwasserwelt. Am Beispiel einer Perle, als Produkt der Globalisierung, können Besucherinnen und Besucher in Geschichten von Migration und weltweiter Vernetzung eintauchen. In ihrem „Science-Fiction-Dokumentarfilm“ thematisiert die philippinisch-kanadische Künstlerin Stephanie Comilang Einzelschicksale von Perlentaucherinnen und -tauchern auf den Philippinen sowie Perlenzuchtanlagen in China. Comilang arbeitet mit Licht und Schatten und kreiert einen schimmernden Raum, in dem die glänzende Kugel selbst zur Erzählerin ihrer Geschichte von Produkt, Kapital und Arbeit wird.
„Perform!“, Neue Nationalgalerie (Potsdamer Straße 50), 9. bis 13. September
Traditionell zur Berlin Art Week findet das Performance-Festival in der Neuen Nationalgalerie statt. Im Zentrum der fünften Ausgabe von „Perform!“ stehen die US-amerikanische Postmodern-Dance-Bewegung und die Performance „Walking on the Wall“ von Trisha Brown: An Seilen befestigt, bewegten sich 1971 sieben Tänzerinnen und Tänzer an einer waagerechten Wand im Whitney Museum of American Art. Im Einklang mit der Architektur von Mies van der Rohe reagieren nun zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler an der Fassade der Neuen Nationalgalerie auf Browns Performance. Die in Berlin lebende Künstlerin Kianí del Valle kombiniert in ihrer ortsspezifischen Arbeit „Instrucciones para existir“ Performance mit Stunts und stellt ihre Perspektive auf das Genre dar.
„Currents. Design in Berlin“, diverse Orte, 10. bis 12. September
Das Eternithaus wurde 1957 von Paul Baumgarten anlässlich der Bauausstellung Interbau errichtet. Ziel war es, das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Hansaviertel in West-Berlin im Stil der Nachkriegsmoderne neu zu gestalten. Nachdem das Viertel lange Zeit im Dornröschenschlaf lag, wird es heute von jungen Designerinnen und Künstlern wiederentdeckt. Kein Wunder also, dass das von den Journalistinnen Laura Ewert und Jasmin Jouhar initiierte Designfestival Currents hier seinen Treffpunkt haben wird. Die erste Ausgabe des Events zeigt mit rund 80 Teilnehmenden, was die Designszene der Hauptstadt zu bieten hat. Neben den vielen Ateliers, Showrooms und Werkstätten, die sich über die Stadt verteilen und aus diesem Anlass ihre Türen öffnen, werden im Eternithaus Talks und Diskussionsrunden stattfinden. Anschließend kann man sich in der von Tadan eingerichteten Currents Bar austauschen und vernetzen.
„A Bugs Life“, FLUENTUM, 10. September bis 12. Dezember
Arash Nassiri, 1989 in Teheran geboren, befasst sich in seinem Film „A Bug’s Life“ mit Architektur als Träger von Erinnerungen: Auf nächtlicher Reise fliegt eine Insektenpuppe durch einen „Persian Palace“ in Beverly Hills. Die iranisch-amerikanische Prunkarchitektur etablierte sich nach der iranischen Revolution von 1979 in den wohlhabenden Vierteln von Los Angeles. Später wurden die Häuser aufgrund ihrer überbordenden Ornamentik in Beverly Hills verboten. Was wie eine fabelhafte Erzählung beginnt, entpuppt sich als Geschichte über Emigration und Verlust der Heimat. Für seine Ausstellung bei Fluentum greift der in Berlin lebende Nassiri außerdem architektonische Elemente des deutschen Faschismus auf und tritt so in den Dialog mit dem Ausstellungsgebäude, dem historischen Hauptgebäude des ehemaligen Luftgaukommandos III.
„Carrie Mae Weems. The Heart of the Matter“, C/O Berlin (Hardenbergstraße 22-24), 11. September bis 3. Februar 2027
Mutter und Tochter schminken sich am Küchentisch. Mit einfachen Stilmitteln zeigt die 1990 aufgenommene Fotografie eine häusliche Szene und erzählt von Mutterschaft und Geschlechterrollen. Mehr als 100 Lichtbilder und Videos der US-amerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems locken zur Art Week ins C/O Berlin. In ihrer Werkserie „Kitchen Table Series“ spiegeln sich Weems persönliche Erfahrungen als Schwarze Frau in den USA. Davon ausgehend beleuchtet die Reihe gesellschaftliche Fragen zu den Themen Zugehörigkeit, Geschlecht, Macht und Erinnerungen. Die Fotografien, die Weems‘ seit den Siebzigern aufnimmt, dokumentieren ein halbes Jahrhundert US-amerikanischer Zeitgeschichte und schaffen Sichtbarkeit für Gruppen, die oftmals übersehen werden.
„Moving Clouds“, Palais Populaire (Unter den Linden 5), 10. September bis 4. Januar 2027
Bewusstes Erinnern findet aufgrund der Schnelllebigkeit unserer digitalen Zeit immer seltener statt. Die in Ungarn geborene Künstlerin Lucia Talloá spricht deshalb von einer Fragilität der Erinnerungen. Mithilfe von Fotografien und anderen persönlichen Objekten aus ihrer Kindheit entstehen multimediale Collagen, die eigene Erlebnisse zurück an die Oberfläche holen sollen. Die von der Deutschen Bank als „Künstlerin des Jahres“ ausgezeichnete Talloá, lenkt den Blick auf oft überhörte, weibliche Narrative und ökologische Themen. Bei einem Artist Talk am 10. September um 17 Uhr erläutert Talloá ihre künstlerische Perspektive. Nach dem Ende der Ausstellung wird das Palais Populaire als Kunststandort seine Türen schließen.
„7 Summers“ Diakron mit Emil Rønn Andersen, Schering Stiftung (Unter den Linden 32-34), 9. September bis 6. Dezember
Wie wirken sich klimatische Veränderungen auf unsere Pflanzenwelt aus? In einem Experiment hat das dänische Künstlerkollektiv Diakron in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Erfinder Emil Rønn Andersen verschiedene Pflanzenarten sieben möglichen Sommerszenarien der Zukunft ausgesetzt. Entstanden sind ein 21-minütiger Film sowie Abbildungen fotorealistischer Landschaften in leuchtenden Farben, die mit einer patentierten Technologie entwickelt wurden. Die Ausstellung „7 Summers“ befasst sich mit der Interaktion zwischen Mensch und Pflanze, schafft Bewusstsein für unsere Umwelt und modelliert die Zukunft mithilfe moderner Technologien.
„Sounds and Fluids: Voice Actor“, Julia Stoschek Foundation Berlin (Leipziger Straße 60), 10. September, 18/20 Uhr
In „Voice Actor“, einem Teil der Konzertreihe „Sounds and Fluids“, inszeniert die Künstlerin Noa Kurzweil Klang als körperliche und räumliche Erfahrung. Kuratiert von Reece Cox und Tabea Marschall, verbindet Kurzweil Gesang mit verschiedenen musikalischen Genres und erzeugt so zeitgenössische elektronische Musik. Das Konzert ist Teil der „Closing Week“ der Berliner Dependance von Julia Stoschek. Die Foundation wird ihre Türen in der Hauptstadt schließen und sich verstärkt auf ihren Standort in Düsseldorf konzentrieren.