Paula Modersohn-Becker

Eine für alle

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker widmen sich Ausstellungen in Dresden, Bremen und Worpswede ihrem Werk und zeigen, wie sehr sie junge Künstlerinnen inspiriert

Von Tim Ackermann
15.05.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 255

Gleich drei Ausstellungen gratulieren gerade der großen Paula Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag. Aber was lässt sich noch Neues sagen über diese Ausnahmefigur der deutschen Moderne? Im Dresdner Albertinum treffen bis 31. Mai ihre Bilder auf Werke des norwegischen Malers Edvard Munch. Das sorgt für manch interessante Korrespondenz, wenn man beispielsweise Munchs Version von „Das kranke Kind“ aus dem Jahr 1925 mit einem Worpsweder Dorfkindporträt von Modersohn-Becker wie „Mädchen im Birkenwald mit Katze“ (um 1904) vergleicht. Und doch verfestigt der Dialog auch die Einsicht, dass Munchs gemalte Gefühlsdramen weit entfernt sind vom stillen und beobachtenden Zugang Modersohn-Beckers.

Die zweite Geburtstagsschau, „Becoming Paula“ im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, schildert anhand von rund 80 Gemälden und Papierarbeiten ihre künstlerische Entwicklung. Das ist schon fein und eindrücklich inszeniert, wie hier der Freundeskreis aus der Künstlerkolonie Worpswede in Porträts versammelt auftritt oder die Hängung in ihrem Pariser Atelier rekonstruiert wird. Aber dann blättert das Schlusskapitel noch eine ganz andere relevante Seite auf: Es geht um den posthumen Einfluss von der Malerin auf spätere Generationen – als Frau, die unbeirrt ihren eigenen Weg ging. Hochspannend zu sehen, wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als feministische Leitfigur für Künstlerinnen wie die New Yorkerin Jenny Holzer oder die Bremerin Marikke Heinz-Hoek wichtig wird. Beide steuern nun Werke zur Schau bei.

Auf der Fotografie von Cihan Çakmak ist ein junges Mädchen im Bikini-Oberteil zu sehen.
Selbstreflexiv: Foto von Cihan Çakmak aus der Serie „When We Leave“ (2019). © Landkreis Osterholz/Cihan Çakmak/Dauerleihgabe an die Große Kunstschau Worpswede, Kulturstiftung Landkreis Osterholz

Warum Paula Modersohn-Becker bleibt

Es ist nicht zuletzt auch Modersohn-Beckers Reflexion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die nach wie vor einen Nerv bei jüngeren Kolleginnen trifft. So entdeckte die amerikanische Zeichnerin Lauren R. Weinstein das Gemälde „Liegende Mutter und Kind II“ (1906) – das aktuell auch in der Bremer Schau gezeigt wird – auf Twitter. Danach vertiefte sie sich in das Leben und Œuvre der Malerin und widmete ihr 2018 im Magazin The New Yorker eine Comic-Strecke: „Mein Gott, ich wünschte, ich könnte so gute Kunst über Mutterschaft machen, aber ich bin zu beschäftigt, eine Mutter zu sein“, schreibt Weinstein in einem Panel.

Wie Paula Modersohn-Beckers hinterlassene Werke und Worte junge Künstlerinnen heute inspirieren, ist auch Thema des Ausstellungsreigens „Impuls Paula“ der Worpsweder Museen. In der örtlichen Kunsthalle folgt die Französin Inès Longevial ihrem Vorbild, wenn sie den eigenen Körper aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt: Stets farbstark und furios, aber nicht immer vorteilhaft, rücken auch Fußsohlen oder Augenringe ins Zentrum der Erzählung. Und dann gibt es in der großen Kunstschau das Beispiel der Künstlerin Cihan Çakmak, deren fotografiertes Selbstporträt neben Modersohn-Beckers „Halbakt einer sitzenden Bäuerin“ (um 1900) hängt. Çakmak ist bei Worpswede aufgewachsen, in einer kurdischen Familie, die nicht wollte, dass sie Kunst studiert. Das Schicksal Modersohn-Beckers spiegelt sich in ihrem: Manchmal muss ein selbstbestimmtes Leben gegen Widerstände erkämpft werden. Auch heute noch. 

Service

INFOS ZU DEN AUSSTELLUNGEN

„Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“,

Albertinum, Dresden

bis 31. Mai;

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„Becoming Paula“,

Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen,

bis 13. September;

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„Impuls Paula“,

Worpsweder Museen,

bis 1. November

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