Ausstellung im Spreepark Art Space

Achterbahnfahrt der Gefühle

Zwischen Verfallsgeschichte und Zukunftsvision wird der Berliner Spreepark zum Experimentierfeld für Kunstschaffende. Im Eierhäuschen zeigt eine neue Ausstellung, wie sich der Ort als Prozess des Wandels erleben lässt

Von Kira Breitbach
31.03.2026

Rent Collective

Museen folgen meist einer stillschweigenden Regel: nicht berühren. Die raumgreifende Installation „Desired Lines“ des Rent Collective kehrt dieses Prinzip um. Hier ist Berührung nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Denn erst im haptischen Kontakt entfaltet sich die Arbeit in all ihren Facetten. Die Künstlerinnen und Künstler Garling Wu, Clovis McEvoy, Joseph Ravlich und Christina Zhu richten den Blick auf die Gegenwart. Ausgangspunkt ist die Metapher der Trampelpfade: Wege, die nicht geplant sind, sondern durch Nutzung entstehen. Sie stehen sinnbildlich für ein organisches, unmittelbares Erfahren von Umwelt. Im Raum entsteht eine dreidimensionale, sensorische Collage aus Materialien und Eindrücken, die im Spreepark gesammelt wurden. Visuelle, akustische und haptische Elemente greifen ineinander. Erst durch Interaktion erschließt sich das Werk: Berührungen lösen Naturgeräusche aus, die sich mit zunehmender Dauer intensivieren. So verwandelt die Installation das passive Betrachten in ein aktives Erleben. „Desired Lines“ fragt danach, wie Menschen ein Ökosystem wahrnehmen und welche Spuren sie darin hinterlassen. Indem Umweltmerkmale des Spreeparks in eine multisensorische Skulptur übersetzt werden, entstehen neue Zugänge zur Wahrnehmung von Natur und Gegenwart.

Spreepark Art Space
© Foto: Frank Sperling

Disruptive Nostalgia

Ein tunnelartiger Eingang aus weichen, blauen Stoffbahnen markiert den Zugang zu „Belly of the Beast“. Die Installation der Künstlerinnen und Künstler von Disruptive Nostalgia Lesego, Frederick, Chris und Miliswa ist weniger Ausstellungsraum als begehbare Erzählung. Inspiriert von der ehemaligen Achterbahn „Spreeblitz“ entfaltet sich ein Parcours, der zugleich Archiv, Spielplatz und Reflexionsraum ist. Gleich zu Beginn stößt man auf eine Wand aus Fragmenten: Begriffe, Andeutungen, Halbwahrheiten. Es sind Mythen über den Spreepark – teils belegt, teils erfunden. Besucherinnen und Besucher können diese Elemente verschieben, Bilder freilegen oder verbergen und so eigene Narrative erzeugen. Begleitet wird der Raum von dem Hörstück „Leben unterm Riesenrad“ von Anne Waak, in dem Zeitzeugen ihre Erinnerungen schildern. Die Geschichten überlagern sich, widersprechen sich und machen die Fragilität von Erinnerung deutlich. Im weiteren Verlauf öffnet sich die Installation zu einem „Playground“. Hier können Besucherinnen und Besucher mit vorhandenen Objekten eigene Landschaften gestalten und verändern. Es entsteht eine ständig wachsende, sich wandelnde Topografie – ein kollektives Spiel mit Raum und Vorstellung. Ausgangspunkt des Projekts war ein gemeinsamer Arbeitsprozess an einem runden Tisch – ein kollektiver, sehr persönlicher Austausch, aus dem viele der Ideen hervorgingen. Dieses dialogische Prinzip setzt sich im Raum fort: „Belly of the Beast“ verknüpft Erinnerungen, Mythen und individuelle Vorstellungen zu einem offenen Narrativ. Die zentrale Frage bleibt: Wie verlässlich sind Erinnerungen – und in welchem Maß werden sie immer wieder neu konstruiert?

Spreepark Art Space
© Foto: Frank Sperling

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Wandel Landschaften“

Spree Park Art Space, Berlin 

bis 14. Juni 2026

Jeden Samstag gibt es eine Ausstellungseinführung mit dem Willkommensteam.

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