Atelierbesuch bei Nadira Husain

Das Blau der Götter und der Schlümpfe

Nadira Husain ist eine Wandlerin zwischen den Welten. Ihre überbordende Mixed-Media-Kunst verwebt mühelos indische Malerei mit Comicfiguren aus Belgien, muslimische Mythen mit Feminismus. Ein Atelierbesuch in Berlin

Von Christiane Meixner
23.03.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Die Eindrücke, aus denen sie schöpft, ergeben ein multikulturelles Mosaik. Es leuchtet blau wie das Inkarnat der hinduistischen Gottheit Krishna – und jenes der Schlümpfe –, gibt sich folkloristisch wie der indische Elefant, weltläufig wie ein Monobloc-Stuhl oder ornamental wie die Fassade des Institut du monde arabe, wo sie als Jugendliche in Paris eine intellektuelle Heimat fand. Als Husain im Jahr 2000 an der École nationale supérieure des beaux-arts zu studieren begann, kam ihr Beharren auf gegenständliche Darstellungen nicht gut an. Sie zweifelte an sich, sah aber keine Alternative zum figurativen Repertoire ihrer Kunst. „Meine Malerei ist wie eine Explosion von Geschichten auf der Oberfläche. Es gibt kein Zentrum. Ich möchte das auch nicht. Ich will keine Machtstrukturen in einem Bild, ich will die Ordnung infrage stellen. Meine Logik ist die Collage“, sagt Husain.

Werk „Giant, Foot and Tentacules“ aus dem Jahr 2024 von Nadira Husain ist Teil der Schau im Kunstmuseum Stuttgart
Das Werk „Giant, Foot and Tentacules“ aus dem Jahr 2024 von Nadira Husain ist Teil der Schau im Kunstmuseum Stuttgart. © Eric Tschernow

Inzwischen ist das ihr Markenzeichen, es hat sie zur gefragten Künstlerin gemacht. Ihre Bilder entstehen fast immer in Serien, für die Collagen verwendet sie unter anderem Textilien oder Fotografien aus dem Haus des indischen Teils ihrer Familie in Hyderabad. In die Aufnahmen montiert Nadira Husain mitunter Dinge, die dort gar nicht stehen, aber, wie das Behältnis eines Orangensaftpulvers, aus ihrer eigenen Kindheit stammen. Es geht ihr nicht um etwas Dokumentarisches, sondern darum, dass sich in ihrer individuellen Rückschau alles mit allem verwebt.

Wer mit der Künstlerin zusammenarbeitet, wie das Kunstmuseum Gelsenkirchen im vergangenen Jahr, bekommt ein immersives Labyrinth à la „Liquid Grids“: eine 15 Meter lange Wandarbeit, auf der sich zahllose Motive überlagern. „Ich wollte die Idee des Ornaments mit der westlichen Vorstellung von abstrakter Kunst zusammenbringen“, fasst Husain ihre Absichten zusammen. Das Raster der Tapete basiert auf einem achtzackigen Stern, Symbol der islamischen Kunst. Dazwischen verteilen sich Blumen, Insekten, Putti und natürlich die Umrisse der Schlümpfe. Eine bemalte Vase und blaue Schildkröten, Symbole der Gemächlichkeit, ergänzen das Gesamtkunstwerk, und mitten in diesem Overload an Informationen hängen Leinwände und zeigen Gestalten, die sich in Lust oder Kämpfen winden. Ganz klar wird das nie, aber Husain versteht das Uneindeutige, Undurchsichtige ohnehin als Gewinn.

Nadira Husain arbeitet gern mit Stoffen, halbtransparent oder plastisch gewebt wie Jacquard
Nadira Husain arbeitet gern mit Stoffen, halbtransparent oder plastisch gewebt wie Jacquard. © Catherine Peter

Verblüffend ist die Leichtigkeit, mit der sie Bilder für die komplexen Themen der Gegenwart findet. Migration und Marginalisierung, Zugang und Ausschluss, migrantische Erfahrungen und die Reaktionen darauf. „Liquid Grids“ war bis Ende 2025 im Schaufenster des Museums zu sehen – rund um die Uhr, für jeden zugänglich, auch ohne Eintritt. Eine Einladung, sich mit dem Kosmos der Künstlerin zu beschäftigen.

Ähnliches geschieht in ihrer neuen Installation für eine aktuelle Gruppenausstellung im Kunstmuseum Stuttgart rund um die Grafiken und Reliefs des 1975 verstorbenen Rolf Nesch. Der gebürtige Württemberger emigrierte im Jahr 1933 aus Protest gegen das nationalsozialistische Regime nach Norwegen. Sein Werk, ursprünglich vom Expressionisten Oskar Kokoschka beeinflusst, veränderte sich in der neuen Heimat radikal, heute gilt er als einer der wichtigsten norwegischen Künstler.

Werk „Krishna, le roi des schtroumpfs“ aus dem Jahr 2018 von Nadira Husain
Werk „Krishna, le roi des schtroumpfs“ aus dem Jahr 2018 von Nadira Husain. © Nick Ash/courtesy the artist

Wie der queere, 1988 geborene Ahmed Umar, der aus dem Sudan nach Norwegen geflohen ist und dessen Arbeiten ebenfalls in Stuttgart zu sehen sind, antwortet Nadira Husain nicht direkt auf Neschs Werk, sondern setzt ihm eigene Erfahrungen entgegen. Ihre Wand schmücken die Silhouetten prächtiger Blüten, darauf hängen die Leinwände. Im Raum fügen sich stilisierte Elefanten zu einer Art Paravent, durch dessen Lücken im ornamentalen Muster man Ausschnitte der Komposition, niemals aber das Ganze erkennt.

Neschs Exil hat seine Kunst geprägt, während diese zugleich die Wahrnehmung der nordischen Kultur beeinflusst hat. Für Nadira Husain ist Berlin in den vergangenen Jahren immer mehr zur Basis geworden – auch wenn die große Halle in der Fahrbereitschaft bloß temporäres Quartier war und sie nun ein kleines Atelier auf dem Gelände hat. „Das Leben“, sagt sie, „ist ein Patchwork.“ Kein Flickwerk, sondern eine Collage aus elementaren Erinnerungen und Ereignissen.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Prägungen und Entfaltungen. Rolf Nesch. Nadira Husain. Ahmed Umar“, Kunstmuseum Stuttgart, bis 12. April

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