Atelierbesuch bei Nadira Husain

Das Blau der Götter und der Schlümpfe

Nadira Husain ist eine Wandlerin zwischen den Welten. Ihre überbordende Mixed-Media-Kunst verwebt mühelos indische Malerei mit Comicfiguren aus Belgien, muslimische Mythen mit Feminismus. Ein Atelierbesuch in Berlin

Von Christiane Meixner
23.03.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Auf dem Weg zu Nadira Husain wird einem einiges angeboten: E-Zigaretten, Parfüm, ein weißer Karton mit mysteriösem Inhalt. All das halten informelle Verkäufer in den Händen, sobald die Tram am Dong Xuan Center im Berliner Bezirk Lichtenberg hält. Vor dem gigantischen Asia-Markt vermischen sich die Kulturen. Man spricht Deutsch, Vietnamesisch, Rumänisch, und die Verständigung in diesem konstruktiven Chaos funktioniert beinahe reibungslos.

Die Szenerie wirkt wie ein Abglanz von Husains Werk, das unweit in ihrem Atelier entsteht. Auch wenn man nicht, wie nahezu alle Passanten, das Dong Xuan Center ansteuert, sondern das Areal der Fahrbereitschaft, in dem sich Künstlerstudios und Gewerbe angesiedelt haben, bleibt der Eindruck eines vielstimmigen, vitalen Schmelztiegels noch eine ganze Weile haften. Nadira Husain hat ihr Atelier vor nicht einmal einem Jahr bezogen. Zuvor hatte sie Räume in Kreuzberg und an der Potsdamer Straße. Doch sie brauchte Platz für ihre neuen, monumentalen Objekte – und die Fahrbereitschaft, zu DDR-Zeiten ein Fuhrpark für SED-Funktionäre mit exklusiven Limousinen, bot die passende Halle. Husains großformatige Installation „The Haunted Museum“ über Artefakte, die während der Kolonialzeit ihrer kulturellen Kontexte beraubt und in europäische Museen verfrachtet wurden, war auf der Art Basel vergangenen Sommer in der Sektion „Unlimited“ ausgestellt.

Werk „Backdrop, Fish Riders“ aus dem Jahr 2025 von Nadira Husain aus Acrylfarbe und Tinte, diversen Textilien, Spiegeln und Perlen ist Teil der Schau im Kunstmuseum Stuttgart
„Backdrop, Fish Riders“ aus dem Jahr 2025 von Nadira Husain aus Acrylfarbe und Tinte, diversen Textilien, Spiegeln und Perlen ist Teil der Schau im Kunstmuseum Stuttgart. © Eric Tschernow

Postkoloniale Diskurse sind hochaktuell, und wer Texte über die jüngsten Projekte von Nadira Husain in den Kunstmuseen von Stuttgart oder Gelsenkirchen liest, wird mit weiteren Begriffen konfrontiert: Postmigration, Identitätssuche, Transkulturalität, Feminismus, Hybridität. Das klingt nach reichlich theoretischem Ballast für ein Werk, auf dem fliegende Sufi-Herzen, Brezeln und die Nofretete in Adidas-Shorts zu sehen sind oder Vasen Brüste haben. Es passt jedoch zur Biografie der Künstlerin. Geboren 1980 in Paris, als Kind einer baskischen Französin und eines muslimischen Inders, wuchs sie in mindestens zwei Kulturkreisen auf. Bis heute, sagt Nadira Husain, während sie in ihrem Atelier Tee und Kekse auf den Tisch stellt, fühle es sich an, als bewege sie sich in einem hybriden Bereich, in dem diese Kulturen mit ihren Geschichten und Traditionen gleichwertig nebeneinanderstehen.

Die Vase „Boobs“ von Nadira Husain
Die Vase „Boobs“ von Nadira Husain. © Marjorie Brunet Plaza/courtesy PSM Gallery

Vom Vater stammte die Miniaturmalerei, die an den Höfen indo-islamischer Mogulkaiser im 16. Jahrhundert ihren Anfang nahm und in der Pariser Wohnung die Wände bedeckte. Deren flächige Motive haben Nadira Husains Kunst ebenso geprägt wie die Detailverliebtheit der Szenen. Doch auch die Schlümpfe des belgischen Zeichners Peyo drängen in ihre Bilder. „Ich war ein Comicfreak“, erinnert sich die Künstlerin und räumt den Helden ihrer Kindheit denselben Platz in ihrem Werk ein wie dem mythischen Wesen Al-Buraq – einem geflügelten Pferd, das den Propheten Mohammed in einer Nacht von der Erde in den Himmel und zurück gebracht haben soll.

Die Künstlerin liebt diese Gestalt und zeichnet sie häufig, weil sie traditionell ein weibliches Gesicht hat. Schwebende Augen, Labels von Modemarken wie Versace und verspielte Ornamente amalgamieren zu Wimmelbildern, über die sich immer mehr Schichten legen. Ganz konkret aus transparenten oder dicken, gewebten Stoffen, aber auch metaphorisch mit immer neuen Assoziationen. Die Zeichen diffundieren zwischen der west-östlichen Kunstgeschichte und einer globalen Populärkultur. Ähnlich bewegt sich Husain zwischen den Welten: Bis heute lebt und arbeitet sie abwechselnd in Berlin, Paris, im Baskenland und in der südindischen Metropole Hyderabad.

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