In Wien zeigt das MAK die erste umfassende Ausstellung zum Werk des Modedesigners Helmut Lang und gibt Einblicke in seinen kreativen Prozess
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04.03.2026
Eine Schau über einen Star-Modeschöpfer könnte mit seinen prominenten Kunden protzen, das Publikum durch ein Defilee an Kleiderpuppen schicken oder Lobeshymnen auf sein Œuvre fett an die Wand drucken. All dem verweigert sich „Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005“ im Wiener Museum für angewandte Kunst, kuratiert von der MAK-Kustodin Marlies Wirth in Zusammenarbeit mit ihrer Kollegin Lara Steinhäußer und dem Künstler selbst. Trotzdem lässt die Ausstellung sofort erkennen, wofür der 1956 geborene Wiener und Wahl-New-Yorker steht: Auf einem riesigen Screen schreiten männliche und weibliche Models in coolen, superreduzierten Outfits durch einen Raum, der industrial chic versprüht.
Die Videoaufnahme stammt aus Langs Show des Winters 1998. Dass er sie weithin auf CD-Rom verschickte und später auf seiner Website publizierte, war damals eine Pioniertat – und ist signifikant für sein Denken und seine Arbeitsweise, die im Mittelpunkt der Ausstellung stehen. Dass Lang durch den öffentlich zugänglichen Einblick in sein Defilee die Mode demokratisierte, wie der Begleittext behauptet, mag übertrieben sein. Das verhinderten schon die Preise der Kleider. Und doch konterkarierte der Designer damals den Elitismus seiner Branche.
Als Basis für die Ausstellung dient nun sein 10.000 Datensätze umfassendes Archiv, das er dem MAK 2011 schenkte. In sieben Kapiteln blicken wir so hinter die Kulissen der Marke Helmut Lang, die er 2004 an Prada verkaufte und von der er sich ein Jahr später ganz zurückzog, um sich vor allem der Bildhauerei zu widmen. Eine der markantesten Installationen im MAK ist jetzt der Sitzplan einer Show, die den Boden der großen Halle bedeckt – so erhält das Publikum anhand der Beschriftungen der Plätze einen Einblick in die damalige Fashionszene. In Vitrinen liegen Tonnen an Material aus: Backstagepässe, Entwürfe für Looks und für die Choreografien von Shows, aber auch eine wunderschöne Sammlung exzentrischer schwarzer Taschen aus Rosshaar sowie Rochen- und Dorschleder. Ebenfalls zu sehen sind Backstagefotos von Juergen Teller. Dass ein Designer die Models vor oder nach der Show fotografieren ließ, in Momenten der Müdigkeit und Fragilität, war ungewöhnlich.
„Alles ist gleich wichtig“: Dieser Ausspruch von Lang wird mehrmals zitiert; er lässt sich auch belegen anhand der Sitzgelegenheiten in seinen Stores, für ihn sowohl künstlerische Objekte als auch Möbel. Häufig arbeitete er mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen: So begrüßten Spinnen von Louise Bourgeois die Kundschaften in seinen Shops. Ebendort installierte Jenny Holzer ihre LED-Bänder, jeweils auf die Architektur reagierend. Zudem steuerte Holzer typisch pointierte Text-Kunst für eine Parfümwerbung bei. Eine andere Kampagne nutzte die legendären Fotos von Robert Mapplethorpe, darunter dessen Selbstporträt von 1975. Lang war nicht der erste Designer, der Kunstschaffende einspannte, doch erstreckten sich seine Kooperationen vornehmlich auf Felder, die im Fashionbusiness traditionell weniger als die kreativen Verdienste der Modeschöpfer wahrgenommen werden: Werbung und Raumausstattung. Auch dadurch wertete er diese Nebenbereiche auf.
Zur künstlerischen Denkweise Langs passt eines seiner Markenzeichen: die „Accessoires vêtements“, Mischformen zwischen Kleidung und Accessoires, von denen eine ganze Reihe ausgestellt ist. Ansonsten sind Originalteile vergleichsweise wenig zu sehen. Allerdings sind die Outfits des Designers in Wien, vor allem in der Kunstszene und in der Generation der heute 50- bis 70-Jährigen, auch bestens bekannt. Und die wichtigsten Ansätze seiner Mode, etwa dass er sich an Uniformen abarbeitete und von Arbeitskleidung inspirieren ließ oder dass er mit ungewöhnlichen Materialien experimentierte, werden ohnehin sichtbar. An manchen Stellen mag der Materialreichtum der Schau ermüden. Aber eine konventionelle Herangehensweise hätte diesem Designer tatsächlich nicht entsprochen.
„Helmut Lang. Séance de Travail 1986–2005“, MAK Wien, bis 3. Mai