Anfang der Siebzigerjahre porträtierte der deutsche Künstler Albert Scopin das Leben im New Yorker Chelsea Hotel. Wir sprachen mit ihm über die junge Patti Smith, erotische Arbeiten von Robert Mapplethorpe und einen Prinzen in Unterwäsche
ShareAls die Bilder nach 46 Jahren plötzlich wieder auftauchten, existierte das Chelsea Hotel in seiner damaligen Form längst nicht mehr. Meine Fotos sind damit ein wichtiges Dokument dieser prägenden Zeit, als das Chelsea Hotel eine Art Brennpunkt war. Ich bin froh, dass sich dieser Zeitraum heute anhand der Bilder fassen lässt. Ich hatte das Glück, einen ganz besonderen Moment der New Yorker Kunstgeschichte einzufangen.
Die seltsamste Geschichte habe ich mit Prinz Roderick Ghyka erlebt. Ich habe ihn auch im Aufzug kennengelernt. Er sprach exzellentes Oxford-Englisch und hatte in Cambridge studiert. Er empfing mich in seinem Zimmer in Anzug und Krawatte. Wir begrüßten uns sehr höflich, und dann erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Er geriet dabei wie in Trance und begann, sich langsam zu entkleiden: erst die Krawatte, dann den Anzug, dann Hemd und Hose. Plötzlich saß er mir in Unterwäsche gegenüber. Ich fotografierte weiter – bis uns beiden bewusst wurde: Was passiert hier eigentlich gerade? (lacht) Dieses Erlebnis sagt viel über den Ort: Die Menschen dort lebten in ihrer eigenen Welt, wie in einer Kapsel. Das war beeindruckend. Alle hatten eine besondere Geschichte.
Patti war außerordentlich. Ich hatte sie bei Bill King kennengelernt, bei einem Nacktshooting. Sie war schon damals ein explosives, energiegeladenes Wesen. Das Zerbrechliche und das Harte – das war immer da. Und dieser Wille: to make it, to be a star. Robert Mapplethorpe dagegen hat sich beim Nacktshooting praktisch nicht bewegt. Er war das genaue Gegenteil: kühl und distanziert. Er zeigte mir die Installationen, an denen er damals arbeitete, und ich war hin und weg. Das waren extrem erotische Arbeiten – den Galerien war das zu viel. Ich fand es großartig und habe versucht, jemanden zu finden, der etwas davon kaufen würde; er brauchte ja Geld. Aber die Zeit war noch nicht reif.
Ja natürlich! Ich bin nicht jemand, der die Leute zu irgendwas gedrängt hätte. Ich habe nur fotografiert, wenn sie einverstanden waren.
Mit Patti Smith. Obwohl ich sie tatsächlich noch einmal getroffen habe, ganz kurz in Padua bei einem Konzert. Aber es ist natürlich nicht das gleiche wie damals.
Es hat mich zunächst auch überrascht, wie viel Aufmerksamkeit die Bilder heute bekommen. Damit habe ich nicht gerechnet. Das Chelsea Hotel ist vor allem durch die Musik für viele Menschen zu einem Sehnsuchtsort geworden – einem Sehnsuchtsort, den es in dieser Form im Moment nicht mehr gibt. Es herrschte eine ganz besondere Stimmung, positiver als heute. Alle hatten die Hoffnung: Jetzt geht es vorwärts! Das alte Amerika ist Ende der Fünfzigerjahre zusammengebrochen, und dann hat es zehn Jahre gebraucht, bis es wieder eine Form gefunden hatte. Es war eine Zeit des Umbruchs, auch für uns als Gäste des Chelsea Hotels. Die Bilder zeigen einen Ausschnitt der damaligen New Yorker Künstlerszene, die von maximaler Freiheit aber auch finanzieller Not geprägt war, jedoch jedem Platz bot. Man konnte also kreativ sein und sich ausprobieren, ohne viel Geld zu haben, etwas, das heute kaum möglich wäre.
SCOPIN | CHELSEA HOTEL
Albert Scopin
FWR Galerie, Berlin
bis 18. April 2026
„Scopin. Chelsea Hotel“
Herausgegeben von: Albert Scopin Schöpflin und Galerie Ahlers, Göttingen
Kerber Verlag, März 2026
38 Euro
Am 24. März findet um 19:30 eine Buchpräsentation in der Galerie statt, moderiert von Michael Biedowicz, ehemaliger Bildredakteur vom ZEIT Magazin.