Anfang der Siebzigerjahre porträtierte der deutsche Künstler Albert Scopin das Leben im New Yorker Chelsea Hotel. Wir sprachen mit ihm über die junge Patti Smith, erotische Arbeiten von Robert Mapplethorpe und einen Prinzen in Unterwäsche
ShareViele Jahrzehnte lang war das 1884 errichtete Chelsea Hotel in New York Heimat und Zufluchtsort für Freigeister und kreative Köpfe. Manche blieben nur ein paar Tage, andere lebten über mehrere Jahre in dem im zwölfstöckigen roten Gebäude nahe des Madison Square Parks. Einer von ihnen war der 1943 in Freiburg im Breisgau geborene Fotograf Albert Schöpflin, der heute unter seinem Künstlernamen Alfred Scopin bekannt ist, und damals als Assistent für den amerikanischen Modefotografen Bill King arbeitete. Von 1969 bis 1971 dokumentierte er mit seiner Kodak Instamatic Kamera das unkonventionelle Leben im Chelsea Hotel.
Im Jahr 1972 veröffentlichte das neugegründete ZEIT Magazin eine Reportage über das legendäre Hotel – bebildert mit den Fotos von Alfred Scopin. Doch diese kamen nie zurück zu ihrem Schöpfer und auch im Archiv des Magazins konnte man sie später nicht mehr finden. Erst 2016 tauchte das Konvolut in einer Galerie wieder auf. Zu dieser Zeit hatte Scopin schon lange die Kamera beiseite gelegt und sich als freier Künstler zunächst in die Malerei vertieft. Später entdeckte er Asphalt als Material. Anfang März erschien im Kerber Verlag eine Publikation mit seinen Fotos aus dem legendären Chelsea Hotel, die nun auch in der Galerie Feldbusch Wiesner Rudolph in Berlin zu sehen sind. Dort trafen wir Albert Scopin kurz vor der Eröffnung und sprachen über seine Erlebnisse in New York.
Ich wollte ursprünglich Grafikdesign studieren, aber das war damals nicht möglich. Also habe ich mich für Betriebswirtschaft entschieden und in einem großen Unternehmen in der Werbeabteilung gearbeitet. Dort sah ich, was Fotografen verdienen, und dachte: Das kann ich auch – davon kann ich leben. Michelangelo Antonionis Film „Blow Up“, der zu dieser Zeit lief, machte Fotografie zusätzlich zu einem zentralen Thema – auch für mein eigenes Leben. So kam ich, angeregt durch verschiedene Impulse, zur Fotografie.
Paris war zu der Zeit nicht angesagt. London wäre schon angesagt gewesen, aber das war mir zu nah. (lacht) Es musste New York sein!
Ich habe nach und nach immer mehr Menschen im Chelsea Hotel kennengelernt, häufig im Lift, und bekam auch Einblicke in ihre zum Teil sehr ungewöhnlichen Zimmer. Diese Menschen und ihre Zimmer: Das war einfach toll für mich als Fotograf, ich konnte es gar nicht glauben. Zum Beispiel gab es da den Musiker George Kleinsinger, der in seinem Apartment Vögel, Schlangen und Echsen hielt. Unglaublich!
Es gab keine Kriterien. Ich habe alle fotografiert, die mich fasziniert haben. Davor habe ich immer sehr intensiv mit den Leuten gesprochen. Mein Anliegen war – und das spiegelt sich auch bei der Kunst von Andy Warhol wider –, nicht das Äußere zu fotografieren, sondern das Innere sichtbar zu machen.
Ja, das wäre mein Wunsch gewesen! Im Gegensatz zu heute war es wirklich mühselig, ein Foto zu machen: Man musste von Hand scharfstellen, die Belichtung treffen und so weiter.
Auch wenn die meisten meiner Fotografien aus dem Chelsea Hotel nicht einfach nebenbei entstanden sind, spielt der Zufall immer eine große Rolle. Normalerweise sagt der Verstand, wenn etwas Zufälliges passiert: Das ist nicht richtig. Aber den Zufall ernst zu nehmen – in allen Lebenslagen –, das ist eine ganz wichtige Sache!
Ich habe mich natürlich sehr gefreut, sie nach all den Jahren wiederzusehen. Mit den Bildern ist alles von damals wieder lebendig geworden. Ich wollte mit diesem Material dann auch etwas machen und ich fing an, an dem Buch zu arbeiten, das jetzt herausgekommen ist. Während dieser Phase kam plötzlich ganz viel zurück und es fiel mir leicht, mich an die Geschichten zu den einzelnen Personen zu erinnern.
Als die Bilder nach 46 Jahren plötzlich wieder auftauchten, existierte das Chelsea Hotel in seiner damaligen Form längst nicht mehr. Meine Fotos sind damit ein wichtiges Dokument dieser prägenden Zeit, als das Chelsea Hotel eine Art Brennpunkt war. Ich bin froh, dass sich dieser Zeitraum heute anhand der Bilder fassen lässt. Ich hatte das Glück, einen ganz besonderen Moment der New Yorker Kunstgeschichte einzufangen.
Die seltsamste Geschichte habe ich mit Prinz Roderick Ghyka erlebt. Ich habe ihn auch im Aufzug kennengelernt. Er sprach exzellentes Oxford-Englisch und hatte in Cambridge studiert. Er empfing mich in seinem Zimmer in Anzug und Krawatte. Wir begrüßten uns sehr höflich, und dann erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Er geriet dabei wie in Trance und begann, sich langsam zu entkleiden: erst die Krawatte, dann den Anzug, dann Hemd und Hose. Plötzlich saß er mir in Unterwäsche gegenüber. Ich fotografierte weiter – bis uns beiden bewusst wurde: Was passiert hier eigentlich gerade? (lacht) Dieses Erlebnis sagt viel über den Ort: Die Menschen dort lebten in ihrer eigenen Welt, wie in einer Kapsel. Das war beeindruckend. Alle hatten eine besondere Geschichte.
Patti war außerordentlich. Ich hatte sie bei Bill King kennengelernt, bei einem Nacktshooting. Sie war schon damals ein explosives, energiegeladenes Wesen. Das Zerbrechliche und das Harte – das war immer da. Und dieser Wille: to make it, to be a star. Robert Mapplethorpe dagegen hat sich beim Nacktshooting praktisch nicht bewegt. Er war das genaue Gegenteil: kühl und distanziert. Er zeigte mir die Installationen, an denen er damals arbeitete, und ich war hin und weg. Das waren extrem erotische Arbeiten – den Galerien war das zu viel. Ich fand es großartig und habe versucht, jemanden zu finden, der etwas davon kaufen würde; er brauchte ja Geld. Aber die Zeit war noch nicht reif.
Ja natürlich! Ich bin nicht jemand, der die Leute zu irgendwas gedrängt hätte. Ich habe nur fotografiert, wenn sie einverstanden waren.
Mit Patti Smith. Obwohl ich sie tatsächlich noch einmal getroffen habe, ganz kurz in Padua bei einem Konzert. Aber es ist natürlich nicht das gleiche wie damals.
Es hat mich zunächst auch überrascht, wie viel Aufmerksamkeit die Bilder heute bekommen. Damit habe ich nicht gerechnet. Das Chelsea Hotel ist vor allem durch die Musik für viele Menschen zu einem Sehnsuchtsort geworden – einem Sehnsuchtsort, den es in dieser Form im Moment nicht mehr gibt. Es herrschte eine ganz besondere Stimmung, positiver als heute. Alle hatten die Hoffnung: Jetzt geht es vorwärts! Das alte Amerika ist Ende der Fünfzigerjahre zusammengebrochen, und dann hat es zehn Jahre gebraucht, bis es wieder eine Form gefunden hatte. Es war eine Zeit des Umbruchs, auch für uns als Gäste des Chelsea Hotels. Die Bilder zeigen einen Ausschnitt der damaligen New Yorker Künstlerszene, die von maximaler Freiheit aber auch finanzieller Not geprägt war, jedoch jedem Platz bot. Man konnte also kreativ sein und sich ausprobieren, ohne viel Geld zu haben, etwas, das heute kaum möglich wäre.
SCOPIN | CHELSEA HOTEL
Albert Scopin
FWR Galerie, Berlin
bis 18. April 2026
„Scopin. Chelsea Hotel“
Herausgegeben von: Albert Scopin Schöpflin und Galerie Ahlers, Göttingen
Kerber Verlag, März 2026
38 Euro
Am 24. März findet um 19 Uhr eine Buchpräsentation in der Galerie statt, moderiert von Michael Biedowicz, ehemaliger Bildredakteur vom ZEIT Magazin.