Shilpa Gupta in Lübeck

Auf schwankendem Boden

Grenzen, Zensur und wachsender Nationalismus: Die gefeierte indische Künstlerin Shilpa Gupta reagiert auf die aktuelle Weltlage. Die Kunsthalle St. Annen in Lübeck zeigt ihr Werk in einer großen Ausstellung und verleiht Gupta den Possehl-Preis

Von Christiane Meixner
19.02.2026

Das Rot ist so einladend, der kleine Raum wirkt wie von der Sonne gewärmt. Auf schmalen Regalen, die von der Decke bis zum Boden reichen, warten lauter identische Fläschchen – wie ein Lager voll Medizin. Was Shilpa Gupta den Besucherinnen und Besuchern dann aber verordnet, steht im absoluten Kontrast zu der Atmosphäre, die ihre Installation im ersten Moment erzeugt. „Blame“ liest man auf jedem Etikett: Schuld, Vorwurf, Tadel. Und es geht weiter im Beipacktext.

Werk „Blame“ 2002-2004 von Shilpa Gupta
Werk „Blame“ 2002-2004 von Shilpa Gupta. Courtesy: the artist © Shilpa Gupta

„Blaming you makes me feel so good“ – es macht mich glücklich, dich zu beschämen. Unwillkürlich denkt man an all das Mobbing im Internet, wo anonym gegen Religionen wie Nationalitäten gehetzt wird. Gupta schuf mit ihrer begehbaren Arbeit „Blame“ schon 2002 das passende Bild dazu, als sie während einer Performance die Flaschen mit Kunstblut füllte. Als habe die Künstlerin damals bereits geahnt, welchen Schaden die sogenannten sozialen Medien einmal anrichten können.

Die bislang größte Schau in Deutschland

Es gehört zur DNA ihres Werkes, Menschenrechte und Meinungsfreiheit, Zensur und Grenzen zu thematisieren. Shilpa Gupta, Jahrgang 1976, ist keine Aktivistin. Ihre künstlerische Freiheit rahmt sämtliche Gedanken und Erfahrungen, die sie selbst in einem nationalistisch gesinnten Staat macht, der mit dem Nachbarn Pakistan im ständigen Konflikt ist. Gupta lebt in Mumbai, von dort organisiert sie ihre Museumsausstellungen in London, Paris oder Tokio.

Porträt von Shilpa Gupta
Porträt von Shilpa Gupta. © Belen de Benito

Für das jüngste Projekt reiste sie nach Lübeck zur bislang größten institutionellen Präsentation ihres Werkes in Deutschland. Verbunden ist die Soloschau mit der Vergabe des Possehl-Preises für Internationale Kunst, der zum dritten Mal an Kunstschaffende ging und sich mit einem Preisgeld von 25.000 Euro verbindet. Tatsächlich sähe Lübeck ohne den Unternehmer Emil Possehl, der 1919 sein Vermögen zur Förderung alles „Guten und Schönen“ in der Stadt zur Stiftung machte, kulturell weit ärmer aus. Auch die Kunsthalle St. Annen profitiert von seinem Vermächtnis, eine Ausstellung wie „Shilpa Gupta: we last met in the mirror“ wäre ohne die Stiftung nicht denkbar.

Grenzen als willkürliche Ziehung

Die aufwändige Schau versammelt Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten und macht sichtbar, dass die Künstlerin nahezu alles beherrscht – von der einfachen, poetischen Installation „100 Hand drawn Maps of My Country“, wo ein Tischventilator die Seiten eines Buches nach dem Zufallsprinzip umschlägt, bis zur komplexen Sound- und Lichtarbeit.

Werk „Hand drawn Maps of Germany“ von Shilpa Gupta
Werk „Hand drawn Maps of Germany“ von Shilpa Gupta. © Shilpa Gupta

Eine Konstante ist Guptas Skepsis staatlichen Grenzen gegenüber, die sie als willkürlich, vor allem aber trennend begreift. Für die „100 Hand drawn Maps“ bat sie ebenso viele Personen, die Grenzen ihres jeweiligen Landes aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Entstanden ist eine Sammlung von Mindmaps: subjektiv, widersprüchlich, von individueller Wahrnehmung geprägt. Einen Raum weiter lässt sie die Besucherinnen und Besucher mit einer interaktiven Installation spüren, wie es ist, auf einer Linie zu stehen, die zur Grenze wird: Plötzlich gehören sie nirgendwo mehr hin, Gewissheiten lösen sich auf.

Noch absurder wirken die Nationalstaaten mit Blick in den Himmel. Gupta hat ihn vielfach fotografiert, an der Wand flattert gelbes Klebeband mit einem Text über Wolken, die sich von keinen Barrieren festhalten lassen – auch wenn man es versucht.

Zensierte Gedichte in Flaschen

Sprache ist das andere große Thema der gefeierten Künstlerin, die für ihre seit 2018 fortlaufende Arbeit „Untitled (Spoken Poem in a Bottle)“ hat Gupta Verse aus zensierten Gedichten in kleine Flaschen gesprochen und sie verkorkt. Sie stehen in einem Regal, erinnern an jene zahllosen Poeten und Poetinnen, deren Texte den Mächtigen so gefährlich erscheinen, dass sie nicht gehört werden dürfen.

Werk „Listening Air“ von Shilpa Gupta
Werk „Listening Air“ von Shilpa Gupta. © Shilpa Gupta

Zu den eindringlichsten Werken zählt „Listening Air“. Ein dunkler Raum mit leeren Hockern. Darüber hängen umgebaute Mikrofone, die zu Lautsprechern umfunktioniert wurden und sich mechanisch durch den Raum bewegen. Ein Chor von Stimmen hebt an, gesungen werden Songs aus aller Welt wie „Bella Ciao“, dessen Geschichte als Widerstandslied der italienischen Resistenza zwar nicht belegt, aber überliefert ist. Weshalb es 2013 bei den Gezi-Protesten und jüngst in der Ukraine oder in Hongkong angestimmt wird.

Im Keller des Museums wartet schließlich die Bodenarbeit „Stars on flags of the world“. Das Team um Direktorin Nuria Dirani hat die hellen Sterne in unterschiedlichen Größen selbst aus Wachs gegossen und ausgelegt. Das Publikum darf sie anfassen und mitnehmen, ihr Verschwinden symbolisiert, dass staatliche Macht kein autonomer Apparat ist, sondern in den Händen der Menschen liegt. Wir müssen uns nur daran erinnern.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Shilpa Gupta: we last met in the mirror“, Kunsthalle St. Annen, Lübeck, bis 6. April

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