Die Mongolen beherrschten einst den Handel von China bis Europa und errichteten in der Steppe prächtige Städte. Eine Ausstellung im Museum Rietberg fokussiert erstmals auf die urbane Mongolei – und blickt bis in die Gegenwart
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06.02.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 250
Ziemlich exakt vier Jahrhunderte nach dem Vergehen des uigurischen Reichs tauchten dann mongolische Reiter in Polen, Ungarn und Bulgarien auf. Sie gewannen eine Schlacht nach der anderen, und so konnten die europäischen Herrscher nicht mehr ignorieren, dass im Osten erneut eine Supermacht herangewachsen war. Auf ihrem Weg hatten die Mongolen zahlreiche Länder unter ihre Kontrolle gebracht, in der Ausstellung stellt eine iranische Malerei aus dem 14. Jahrhundert sehr prägnant die dynamische Kampfeskraft der Reiterverbände dar. Der militärische Erfolg wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne das stützende Gerüst einer straffen zentralistischen Verwaltung. Der große Dschingis Khan selbst soll im Jahr 1220 den Bau einer Hauptstadt befohlen haben: Karakorum. Errichtet wurde die Stadt dann ab 1235 von seinem Sohn Ögedei. Zwei in Karakorum ausgegrabene eiserne Gewichte zur Bestimmung von Waren oder das Bronzesiegel eines Truppenführers belegen, dass die mongolische Bürokratie der europäischen in nichts nachstand. Voraussetzung dafür war eine eigene Schrift für das Mongolische, die schon Dschingis Khan in Auftrag gegeben hatte. Dazu brauchte es ein Heer von Übersetzern, das im Gewirr der Sprachen vermittelte und die Befehle des Khans überall im Reich bekannt machte. Als Wilhelm von Rubruk 1254 Karakorum erreichte, erlebte auch er seine Machtlosigkeit angesichts des enormen Verwaltungsapparats, als er eine Audienz beim Herrscher Möngke Khan ersuchte. Anstatt vorgelassen zu werden, wurde der Missionar zunächst von mehreren Hofschreibern, die zur religiösen Konkurrenz der Muslime gehörten, ausgiebig befragt.
Wilhelm von Rubruks Reisebericht erhält leider nur wenig Details zum imposanten Ausmaß von Karakorum, das damals wohl zwischen 7000 und 12 000 Einwohner beherbergte. Man schätzt heute, dass Möngke allein 500 Handwerksfamilien aus verschiedenen Teilen des Reichs in die Hauptstadt geholt hatte. Sie schufen Schätze wie die Goldverzierung eines röhrenförmigen Damenhuts namens boqtaq, der am mongolischen Hof à la mode war. In den wohl 500 Wagenladungen, die laut dem persischen Gelehrten Raschid-al-Din täglich die Stadttore erreichten, dürften regelmäßig Luxusgüter gewesen sein – wie der in Karakorum aufgefundene Teller aus feinstem Porzellan mit blauer Drachenbemalung. Das für die Farbe benötigte Kobalt wurde über das mongolische Handelsnetz aus Westasien in die chinesische Stadt Jingdezhen gebracht, wo der Teller entstand. Eine Reise in die Gegenrichtung machten jene Seidenstoffe, die im mongolischen Großreich mit Blumen und Phönixen verziert und in Norddeutschland zu einer Dalmatik vernäht wurden. Das kostbare liturgische Gewand ist aus dem Schatz der Stralsunder Kirche St. Nicolai nach Zürich ausgeliehen.
Wie kann man sich das Leben in Karakorum vorstellen? Sicher gab es dort kriegerische Gestalten, wie sie der 1988 geborene mongolische Künstler Gerelkhuu Ganbold in seiner Serie „Krähen“ in einer Mischung aus traditioneller und gegenwärtiger Bildsprache imaginiert. Und tatsächlich wechselte der Hof des Khans seinen Sitz saisonal, wie uns Azjargal Davaadorj in einer Acrylmalerei von 2022 erzählt, in der eine Weltenschildkröte einen Wagen zieht, auf dem Ulaanbaatars Hochhäuser stehen. Mit solch zeitgenössischen Werken hat Co-Kuratorin Natsagsuren Mangalam immer wieder Stoppmomente in die historische Erzählung der Ausstellung eingebaut. Sie erinnern uns daran, dass wir im Westen vieles nicht über die Mongolei wissen. Und wir sollten diese sanften Hinweise nicht aus Arroganz missachten. Sonst enden wir wie Wilhelm von Rubruk, als dieser an Pfingsten 1254 doch noch seine Audienz beim Khan erhielt. Der Missionar glaubte, in einem von Möngke ausgerichteten Religionsdisput die spirituelle Überlegenheit des Christentums belegt zu haben. Der weltoffene Khan erklärte ihm nun, dass Gott den Menschen viele Wege und Religionen gegeben habe – und er persönlich dem Rat der Schamanen folge. Danach durfte der Gast wieder nach Hause abreisen.
Die Ausstellung „Eine Reise durch die Zeit“ im Museum Rietberg in Zürich läuft noch bis zum 22. Februar